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Ausgabe 135-3/2013

"Mir fehlt nicht nur in vielen Kinder- und Jugendfilmen, sondern überhaupt in deutschen Filmen der Raum für die Phantasie"

Gespräch mit Kai S. Pieck, Regisseur des Films "Ricky – Normal war gestern"

(Interview zum Film RICKY – NORMAL WAR GESTERN)

Der deutsche Filmemacher Kai S. Pieck, geboren 1962 in Hannover, hat nach seinem Abitur ein Praktikum am dortigen Staatstheater absolviert. Schon als Jugendlicher drehte er seine ersten Filme auf Super 8 und Video. Seit jener Zeit stand für ihn fest, dass er Regisseur werden wollte. 1983 ging er nach München, wo er bald Regiearbeiten für die Bühne, den Film und das Fernsehen übernahm, u. a. sechs Folgen für die TV-Serie "Soko Köln". 2002 drehte er seinen mehrfach preisgekrönten Kinofilm über den Massenmörder Jürgen Bartsch "Ein Leben lang kurze Hosen tragen", für den er auch das Drehbuch schrieb. "Ricky – Normal war gestern" ist sein erster Kinderspielfilm.

KJK: Anfangs glaubte ich, in einem Brandenburger Western für Kinder gelandet zu sein …
Kai S. Pieck: In ein paar Szenen war das auch die Idee – nur dass "Ricky" nicht in Brandenburg spielt, sondern in Thüringen. Dort haben wir in Herschdorf, das liegt im Landkreis Ilmenau, tatsächlich alles vorgefunden, was ich mir bei der Lektüre des Drehbuchs vorgestellt hatte: ein Dorf wie eine verlassene Westernstadt und dazu noch diese wunderschöne alte Tischlerei über zwei Stockwerke. Unglaublich, aber irgendwie auch gespenstisch, wie da die Phantasie durch die Realität eingeholt wurde.

Was hat Sie an "Ricky" gereizt?
Ich fand das Drehbuch spannend, mochte die Brüder-Geschichte, die Charaktere – und mich hat auch die Arbeit mit Kindern gereizt, was zwar extrem anstrengend ist, aber auch sehr, sehr beglückend. Als Casting-Direktor, Regieassistent und Regisseur habe ich das schon oft erlebt, aber dies war nun mein erster Spielfilm für Kinder. Und natürlich war es eine Herausforderung, eben keinen typischen Kinderfilm mit Eididei und Dudidu zu erzählen, sondern eine realistische Gegenwarts-Geschichte, die aber trotzdem eine gewisse Magie hat. Die sich nicht anbiedert durch eine künstlich hergestellte coole Sprache und Coolness der Kinder, die ihre Figuren ernst nimmt und sehr erwachsen erzählt wird. Ich habe nichts gegen Marken-Verfilmungen wie jetzt "Das kleine Gespenst", aber ich fand toll, dass Hannes Klug so mutig war, sich nicht an eine schon bekannte Vorlage anzulehnen, sondern sich selbst etwas auszudenken. Sein Drehbuch hat mich an diese amerikanischen Melodramen erinnert, die Anfang der 1990er-Jahre erschienen sind, an Filme wie "The Reflecting Skin – Schrei in der Stille" oder "Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa", die ja auch in der Einöde spielen und ihre Geschichten in einer vergleichsweise idyllischen Landschaft relativ langsam entfalten. Das ist bei "Ricky" sicherlich nicht in allen Momenten geglückt, aber dahin ging unser Ehrgeiz.

Der Drehbuchautor hat diesen Stoff 2004/2005 im Rahmen der Akademie für Kindermedien entwickelt. Hat sich durch Sie an der Vorlage noch mal was geändert?
Das Buch hatte schon einen sehr langen Entwicklungsprozess hinter sich, als ich dazu kam, und ja, ich hatte auch noch einige Punkte, die meiner Meinung nach noch nicht ausgereizt waren. Ich wollte zum Beispiel, dass alles wieder aufgenommen wird, was am Anfang eingeführt wird – zum Beispiel, dass die Brüder das Baumhaus gemeinsam zu Ende bauen. Die Welt ist ja nicht immer so, wie man sie sich wünscht, weshalb der Film auch zu Recht kein Happy End hat, aber es sollte doch Hoffnung geben. Und dann habe ich sehr für das Verbleiben des kleinen Shaolin-Mönchs gekämpft, der zunächst ein Erwachsener war und im Vorfeld immer wieder für Diskussionen gesorgt hat. Wenn wir einen Sender im Boot gehabt hätten, wäre er wahrscheinlich sofort rausgeflogen – jedenfalls waren Traum-Sequenzen immer das erste, was an meinen Büchern bemängelt und gestrichen wurde, weil die angeblich niemand versteht. Aber mir fehlt nicht nur in vielen Jugend- und Kinderfilmen, sondern überhaupt in deutschen Filmen der Raum für die Phantasie.

Warum gab es keine Sender-Beteilung?

Abgesehen davon, dass man immer Angst hat, dass ein Originalstoff niemanden interessiert, denke ich, dass man das Potenzial von "Ricky" nicht erkannt hat. Unser Film wirkt ja ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Sie finden da zum Beispiel kein einziges Handy, mal sieht man einen Computer und auch ganz kurz einen Fernseher, aber alles alt, nicht hochmodern. Wir wollten ganz bewusst, dass der Film etwas Zeitloses bekommt, weil es darin um ganz archaische Sachen geht. Das war sicher auch ein Grund, warum kein Sender mitgegangen ist. Aber BKM/Kuratorium hat die ganze Zeit hinter uns gestanden und als wir gefragt wurden, ob wir das Projekt auch allein, also mit dem Anteil des Produzenten sowie den Fördermitteln von dreimal 250.000 Euro vom BKM/Kuratorium, MDM und MBB machen könnten, haben wir zugesagt. Doch dann fehlten uns plötzlich 150.000 Euro, weil uns das Medienboard Berlin-Brandenburg am Ende nur 100.000 Euro gab. In diesem Moment hätten wir uns eigentlich von dem Projekt verabschieden müssen. Andererseits waren wir aber schon zu weit in der Planung und konnten auch nichts mehr verschieben, weil wir angewiesen waren auf die Sommerferien der Kinder. Also haben wir "Ricky" dann inklusive Teilrückstellungen der Gagen von einem Großteil der kreativen Abteilung für insgesamt etwas über 700.000 Euro realisiert, was wirklich skandalös wenig war.

Was hieß das für Sie in der praktischen Arbeit?
Dass wir auf viele Einstellungen verzichten mussten. Zum Beispiel wollten wir in der Titel-Sequenz wesentlich näher an dem Jungen sein, mehr Details haben, seine Augen, die Hände an der Bremse und die tretenden Füße, um dadurch alles ein bisschen sinnlicher und haptischer zu machen. Wir wollten auch ein bisschen mehr Landschaft zeigen, gleich die wichtigsten Schauplätze einführen wie die Windräder im Feld, aber das war nicht zu machen, weil wir den Film in nur 26 Tagen abdrehen mussten. Praktisch ohne Darsteller-Proben, weil ich mit den jüngeren Kindern ja nur fünf Stunden pro Tag arbeiten konnte, inklusive Anwesenheit am Set und Pause. Aber Casting ist bekanntlich die halbe Miete, wobei wir aus Geldgründen natürlich auch nur in Berlin casten konnten. Am Ende hatten wir für jede der wichtigen Kinderrollen zwei tolle Darsteller – für Rafael Kaul haben wir uns entschieden, weil er zwei Jahre jünger war als der andere "Ricky", wodurch die Beziehung zu dem Mädchen Alex eine wesentlich unschuldigere Dimension kriegt. Und wenn wir ihn nicht gehabt hätten, hätten wir einpacken können. Rafael ist nämlich hoch intelligent und hat ohne dass ich es ihm gesagt oder gezeigt habe, immer genau das Richtige gemacht. Da geht einem das Herz auf! Die Erwachsenen, die ja bis auf den Papa nicht viele Szenen haben, in denen sie ihre Charaktere 'entblößen' können, haben wir zumeist nach Typ besetzt, wobei sich die auch optisch gelungene Familien-Konstellation fast durch Zufall ergeben hat.

Wieso?
Durch Jordan E. Dwyer, der schon durch sein Aussehen als das 'Alien' in der kräftig und groß gebauten Familie erscheint, und den ich 2011 zufällig bei der Teampremiere eines Kinofilms seiner Schwester Alice getroffen habe. Alice kenne ich schon von klein auf, aber plötzlich stand da ihr jüngerer Bruder cool rauchend vor mir und war genau der Micha, den ich mir vorgestellt hatte: ein "Inbetween" von 15 Jahren, noch nicht erwachsen, aber eben auch kein Kind mehr. Ein bisschen der Einzelgänger mit eigenem Kopf, der – wie ich da hörte – Musik macht. Doch weil seine Mutter nicht wollte, dass er den gleichen Weg geht wie seine Schwester, habe ich das nicht weiter verfolgt. Aber wegen der Musik habe ich ihn später noch mal kontaktiert, und während er mir seine Kompositionen auf der Gitarre vorspielte, dachte ich wieder, er wäre genau der Richtige für die Rolle von Micha. Aber nun war Jordan ganz neugierig darauf und meinte, dass er seine Mutter schon noch rumkriegen würde. Und so war es: Jordan erschien bei unserem Casting und obwohl er vorher noch nie gespielt hatte, hat er uns bis zur Endrunde überzeugt.

Stammt Michas Song von ihm?
Ja, den hat er komponiert, getextet und dann eben auch vorgetragen. Aber er hat den Film auch insofern beeinflusst, als wir durch ihn auf die Idee gekommen sind, dass sich Micha und seine Freunde durch Musik definieren. Und weil Jordan damals ein großer Fan von Pete Doherty und Gruppen wie "Babyshambles" und "Radiohead" war, versuchen sich die drei durch ihr Doherty-Outfit mit diesen Hüten und Jacken von den anderen im Dorf abzusetzen. Die Musik für den Film mit den Western- und Kung Fu-Zitaten hat ein alter Freund von mir aus München geschrieben, Andreas Helmle, der aus der Punk und Elektro-Pop-Richtung kommt, ein sehr sensibler Komponist und Musiker, mit dem ich lange über den Anteil und die Verteilung der Musik diskutiert habe.

Woher kommt Mel Griffith, Ihr Kameramann?
Er ist Walliser, lebt aber mit seiner Familie in Deutschland. Ich habe mir von ihm einen anderen Blick auf diese Landschaft als von einem deutschen Kameramann versprochen. Er hätte sie gerne noch düsterer, noch trister gezeigt, aber ich habe dafür gekämpft, sie doch ein bisschen heller, fröhlicher ins Bild zu rücken. Dass da alle so an einem Strang gezogen haben, war schon Klasse – ein absolut gutes Teamwork. Bei so wenig Geld wäre es auch gar nicht anders gegangen.

Haben Sie ein neues Projekt?
Schon, aber noch ist nichts finanziert. Ein Kinofilm nach eigenem Buch liegt zur Drehbuchentwicklungsförderung bei der FFA und dann entwickle ich gerade ein paar Stoffe mit Autoren. Für Kinder gibt es ein Animationsprojekt, das ich gern weiter entwickeln möchte, aber da bin ich auch auf der Suche nach Geldgebern. Außerdem gibt es einen wunderbaren Film, den ich seit zehn Jahren versuche zu realisieren. Es handelt sich um die Adaption des Jugendromans "Ein Stern namens Mama" und stammt von der Berliner Autorin Karen-Susan Fessel. Kein Bestseller im klassischen Sinne, aber ein Roman, der sich sehr gut verkauft hat, mittlerweile Schullektüre ist und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Das ist wirklich ein Herzensprojekt von mir, fällt aber – wie so oft bei meinen Projekten – zwischen alle Stühle, weil es kein reiner Kinderfilm, aber auch kein reiner Erwachsenenfilm ist. Ein Familienfilm, aber kein Family Entertainment! Es geht um Krebs und den Verlust der Mutter der zehnjährigen Protagonistin und darum, wie Kinder und Erwachsene mit dem Thema Tod und Krankheit umgehen. Ein sehr bewegendes Thema mit großen Emotionen und sehr viel Wärme. Bisher scheiterte das Projekt immer wieder am fehlenden Mut deutscher Redakteure.

Mit Kai S. Pieck sprach Uta Beth

 

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