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Ausgabe 64-4/1995

HASS

LA HAINE

Produktion: Christophe Rossignon / Les Productions Lazennec, Frankreich 1995 – Regie: Mathieu Kassovitz – Buch: – Kamera: Pierre Aim – Schnitt: – Darsteller: Vincent Cassel (Vinz), Hubert Kounde (Hubert), Said Taghmaoui (Said) – Länge: 95 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Concorde (35mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

In den Banlieues von Paris ist der Teufel los. Nach einer Straßenschlacht zwischen Polizisten und Jugendlichen landet der 16-jährige Abdel Ichah im Krankenhaus. Die Polizei hatte ihn während der Vernehmung zusammengeschlagen, er liegt im Koma, ob er überlebt, ist ungewiss. Seine drei Freunde sind entsetzt, verbringen den Tag miteinander: Hubert, ein Schwarzer, bleibt trotz allen negativen Erfahrungen pazifistisch, Said, ein kleiner arabischer Drogendealer, schlägt sich durchs Leben, der Jude Vinz glaubt, nur durch tiefen Hass die sozialen Umstände verändern zu können. Und genau er findet eine Polizeipistole, will seinen Freund rächen, wenn der an den Folgen seiner Verletzungen sterben sollte.

Der 25-jährige Kassovitz widmet seinen Film "all denen, die während der Produktion dieses Films starben". Sein Sozial-Drama, in brillantem Schwarz-weiß gedreht und bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 1995 ausgezeichnet, schildert subtil 24 Stunden im Leben dieser drei Heranwachsenden, die nichts haben, außer ihrer Frustration – keinen Job, keine Anerkennung, keine Ideale, keine Familie. Sie hängen in ihren unwohnlichen Neubaughettos herum, warten auf "Action", auf irgendetwas, das ihr Leben ändert. Doch es tut sich nichts. Sie haben die Schnauze voll vom Warten, es beginnt ein Katz- und Maus-Spiel zwischen der berüchtigten Spezial-Einheit CRS und den Jugendlichen, der Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt spitzt sich zu. Die Katastrophe ist vorprogrammiert, auch wenn ein "Flic" so etwas wie Verständnis für die "underdogs" zeigt.

Kassovitz greift das Randgruppenproblem auf, die Ausweglosigkeit der Protagonisten in einer Zwei-Klassen-Gesellschaft, die die Rechte der ethnischen Minderheiten immer mehr beschneidet. Die drei Anti-Helden haben keine Chance und nutzen sie auch nicht, es bleibt ihnen kaum eine Möglichkeit zu agieren, sie reagieren nur auf die soziale Ungerechtigkeit. Der Film besticht durch Authentizität, verstärkt durch die Handkamera und die hervorragenden Darsteller sowie Statisten aus den Vororten von Paris, die nicht vor der Kamera chargieren, sondern nur sich "selbst" spielen müssen.

Mit seinem zweiten Film (nach "Métisse") berührt Kassovitz zutiefst. Er erzählt eine exemplarische Geschichte, die sich überall ereignen kann, wo junge Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft zu Außenseitern gestempelt werden und ohne Chance aufwachsen. Er verteilt keine Schuldzuweisungen, lässt aber spüren, wo seine Sympathien liegen. Auch bietet er keine Lösung an, überlässt es dem Zuschauer, sich ein Urteil zu bilden. Nicht das Mainstream-Publikum avisiert er, sondern möchte, dass die Menschen aus der Banlieue sich und ihre alltäglichen Probleme in seinem Film wieder erkennen. Während Spike Lee beispielsweise in seinen gesellschaftskritischen Filmen die Musik als wichtiges und die Handlungen unterstreichendes Element nutzt, verzichtet Kassowitz auf diesen zusätzlichen und manchmal vom Sujet ablenkenden Reiz, pflegt einen Purismus mit neo-realistischem Touch. Seine Jugendlichen sprechen das "Argot", das Straßenfranzösisch, reden nicht um den Brei herum, sondern geradeaus, auch auf die Gefahr hin, zu verstören und zu verletzen. Er gibt denjenigen die Stimme wieder, die sonst nicht gehört, deren Hilfe-Signale gerne überhört werden.

"Hass" gehört zu einer Reihe von Filmen, die sich mit der Banlieue beschäftigen, wie beispielsweise "De bruit et de fureur" von Jean-Claude Brisseau 1988 oder "Etat des lieux" von Jean-Francois Richet 1995. Sie ästhetisieren nicht das Elend oder die Hoffnungslosigkeit, sondern legen den Finger auf die Wunde, machen der Gesellschaft klar, dass es für die Gesamtheit keine lebenswerte Zukunft mehr gibt, wenn man die nachwachsende Generation ausgrenzt. "Hass" erinnert an die Filme des "Cinema Vérité", vor allem wenn Kassowitz zu Beginn Bilder von Demonstrationen in das Geschehen montiert. Der Blick in eine fremde Realität, die eigentlich sehr nah ist, provoziert Unwohlsein und Nachdenken. Denn die Gewalt, die sich hier noch fern in den Vororten manifestiert, wird sukzessive in die urbanen Zentren eindringen und die braven Bürger verschrecken. Wenn es nicht bald zu einer besseren Verteilung der Chancen quer durch die Gesellschaft kommt, werden die Auseinandersetzungen sich nicht auf die Vororte beschränken, sondern der "Hass" wird allgegenwärtig sein.

Margret Köhler

 

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KJK-Ausgabe 64/1995

 

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