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Ausgabe 137-1/2014

DEINE SCHÖNHEIT IST NICHTS WERT

Bild: DEINE SCHÖNHEIT IST NICHTS WERT
© Barnsteiner Film

Produktion: DOR Film; Österreich 2012 – Regie und Buch: Hüseyin Tabak – Kamera: Lukas Gnaiger – Schnitt: Christoph Loidl – Musik: Judit Varga – Darsteller: Abdulkadir Tuncer (Veysel), Nazmi Kirik (Vater), Lale Yavas (Mutter), Yüsa Durak (Mazlum), Milica Paucic (Ana), Orhan Yildirim (Nachbar), Susi Stach (Lehrerin) u. a. – Länge: 86 Min. – Farbe – FSK: noch offen – Kontakt: DOR Film, Wien, E-Mail: office@dor-film.at – Verleih (ab 03.04.2014): Barnsteiner-Film – Altersempfehlung: ab 10 J.

Vor wenigen Monaten erst ist der zwölfjährige Veysel mit seiner kurdisch-türkischen Familie nach Österreich geflohen, um dort Asyl zu beantragen. Denn Veysels Vater war einst ein kurdischer Widerstandskämpfer, saß deswegen jahrelang im Gefängnis und fühlt sich in der alten Heimat weiterhin verfolgt. Jahrelang musste Veysels Mutter ihn und den inzwischen 18-jährigen Mazlum alleine aufziehen. Die Probleme der Familie nehmen auch in der neuen Heimat kein Ende. Mazlum kann seinem Vater die lange Abwesenheit nicht verzeihen. Er rebelliert, hängt mit seinen Kumpels auf der Straße herum, beginnt zu dealen und bereitet den Eltern große Sorgen. Veysel wiederum fühlt sich in der Schule überfordert, denn er kann noch kaum ein Wort Deutsch und soll auf Drängen der Lehrerin endlich ein Gedicht in deutscher Sprache aufsagen. Einziger Lichtblick ist seine Klassenkameradin Ana, in die er sich verliebt hat, der er seine Gefühle aber nicht gestehen kann. Ana spricht sehr gut deutsch, denn sie lebt mit ihrer Familie aus Ex-Jugoslawien schon einige Zeit in Österreich. Veysel möchte ihr und der ganzen Klasse das Liebesgedicht "Deine Schönheit ist nichts wert" des in der Türkei sehr populären Dichters und Musikers Asik Veysel vortragen, den seine Eltern so sehr schätzten, dass sie sogar ihren Sohn nach ihm benannt haben. Mit diesem Gedicht kann Veysel einen anfangs wenig hilfsbereiten türkischstämmigen Wohnungsnachbarn überreden, ihm bei der Übersetzung ins Deutsche zu helfen und diese Fassung dann auswendig zu lernen. Gerade als Veysel endlich den Mut findet, Ana das Gedicht vorzutragen und ihr seine Liebe zu gestehen, wird sie mit ihrer Familie von der Ausländerpolizei abgeholt und abgeschoben.

Noch bevor der kurdisch-türkischstämmige Hüseyin Tabak (geb. 1981 in Bad Salzuflen) seinen auch im deutschen Kino gestarteten Kinderfilm "Das Pferd auf dem Balkon" drehte, entstand sein erster Kinofilm "Deine Schönheit ist nichts wert" als Abschlussfilm an der Filmakademie Wien im Fach Regie. Ganz aus dem Blickwinkel der zwölfjährigen Hauptfigur erzählt, bringt er auch schon einem jungen Publikum auf anschauliche und einfühlsame Weise nahe, mit welchen Schwierigkeiten viele Flüchtlinge zu kämpfen haben, wenn sie in einem fremden Land Asyl beantragen und jederzeit wieder abgeschoben werden können. Bei Veysels Familie kommt die langjährige blutige Auseinandersetzung zwischen Türken und Kurden hinzu, die ihre Spuren bis heute gerade auch im privaten Bereich hinterlassen hat. Muss Veysel schon lernen, sich fast ohne Hilfe in der fremden Umgebung und Kultur zurechtzufinden und mit den familiären Spannungen umzugehen, treiben ihn seine fehlenden Deutschkenntnisse zusätzlich in die Isolation. Die Kameraarbeit unterstreicht seine Zwangslage durch starre Einstellungen, die Veysel als stillen Beobachter der Dramen um ihn herum zeigen.

Die große Qualität dieses Erstlingswerks liegt darin, mit der eingewobenen Liebesgeschichte und der damit verknüpften Hommage an den wohl größten Dichter der Türkei des 20. Jahrhunderts weit über die sozialkritische und gesellschaftspolitische Ebene hinauszuweisen. So beginnt der Film überaus poetisch mit einem in Zeitlupe und unnatürlich bunten Farben gestalteten Tagtraum Veysels, in dem er Ana mit einer roten Rose in der Hand von zuhause abholt. Bis zum Ende des Films sind solche Tagträume, die Veysel vor der harten Realität retten, in die Handlung montiert. Eine lange elliptische Filmsequenz in der Straßenbahn zeigt, dass Traum und Realität wenigstens für einen glücklichen Nachmittag in Deckung zu bringen sind. Ein Film also, der anrührt, ohne pathetisch zu werden, der informiert, ohne mit diesen Informationen abzuschrecken oder zu überfordern, und der im besten Sinn unterhält, nachdenklich macht, lange nachwirkt und unaufdringlich daran erinnert, dass es neben Goethe, Schiller oder Grass auch in anderen Kulturen Dichter von Weltformat gibt.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 137-1/2014 - Interview - "Man muss eine menschliche Lösung finden"

 

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