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Ausgabe 137-1/2014

DIE SCHWARZEN BRÜDER

Bild: DIE SCHWARZEN BRÜDER
© Studiocanal

Produktion: enigma film / Dschoint Ventschr Filmproduktion / Starhaus Filmproduktion, Herold Productions / Monaco Film / Studiocanal; Deutschland / Schweiz / Italien 2013 – Regie: Xavier Koller – Buch: Fritjof Hohagen, Klaus Richter, nach dem Roman von Lisa Tetzner und Kurt Held – Kamera: Felix von Muralt – Schnitt: Gion Reto Killias, Rosa Albrecht – Musik: Balz Bachmann – Darsteller: Fynn Henkel (Giorgio), Moritz Bleibtreu (Antonio Luini), Waldemar Kobus (Battista Rossi), Catrin Striebeck (Frau Rossi), Richy Müller (Pater Roberto), Oliver Ewy (Alfredo), Ruby O. Fee (Angeletta) u. a. – Länge: 99 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Studiocanal – Altersempfehlung: ab 10 J.

In den Tessiner Bergregionen des 19. Jahrhunderts herrscht unter der bäuerlichen Bevölkerung große Armut. Eine behandlungsbedürftige Krankheit kann gleich die Existenz einer ganzen Familie gefährden. Diese Erfahrung macht auch Giorgio, dessen Mutter nach einem Unfall dringend einen Arzt braucht. Weil dafür kein Geld vorhanden ist, entscheidet sich Giorgios Vater schweren Herzens, seinen Sohn an den Kinderhändler Luini zu verkaufen. Zusammen mit 13 weiteren Kindern von in Not geratenen Familien soll Giorgio teuer an die Mailänder Kaminfeger verkauft werden, denn nur Kinder können von innen die engen verqualmten Schlote der Häuser erklimmen, um sie zu reinigen. Bei einem Unwetter über dem Lago Maggiore kentert das Schiff, Giorgio und Luini sind eine der wenigen Überlebenden. In Mailand muss der Junge für einen Hungerlohn schuften und die Arbeit in den Kaminen ist lebensgefährlich. Das wenige Trinkgeld, das die Kaminfegerjungen erhalten, wird ihnen obendrein von einer Kinderbande abgejagt, den "Wölfen". Mit Unterstützung eines Paters beginnen sie jedoch, gegen ihr Schicksal aufzubegehren. Sie gründen den Bund der "schwarzen Brüder", um besser vor den "Wölfen" geschützt zu sein und dem Kinderhändler Luini, der für den Tod so vieler Kinder verantwortlich ist, endlich das Handwerk zu legen.

Die Verfilmung des gleichnamigen Kinderbuchbestsellers, das Lisa Tetzner mit ihrem Mann Kurt Held 1941 schrieb, wurde mit Spannung erwartet und ist von großen Hoffnungen getragen, denn Marken und Literaturverfilmungen haben in den vergangenen Jahren immer "gezogen". Um dieses Wortspiel auszureizen, könnte man sagen, dass der beißende Rauch in den Mailänder Kaminschloten, die übrigens im hessischen Hanau in einem Studio nachgebaut wurden, den Filmemachern mitunter den Weitblick genommen hat. Dabei hat sich Oscar-Preisträger Xavier Koller ("Reise der Hoffnung"), der kurzfristig in das Projekt eingestiegen war, wirklich alle Mühe gegeben, um aus der berühmten Stoffvorlage einen ganz großen Kinofilm zu machen. An vielen Stellen ist ihm das tatsächlich gelungen, aber leider eben nicht durchgängig. Der Film beginnt vielversprechend, bevor es zur überdramatisierten Schiffsfahrt auf dem Lago Maggiore kommt, die unglaubwürdig und plakativ wirkt. Bis auf wenige Ausnahmen sind die Figuren nicht stimmig besetzt, was nichts über ihre schauspielerischen Qualitäten aussagt. Aber man nimmt ihnen nicht ab, dass es arme Bergbauernkinder sind. Das gilt auch für die Hauptfigur Giorgio, obwohl diese sofort sympathisch ist und zur Identifikation einlädt. Mit am stimmigsten und charakterlich interessantesten ist ein armer Junge vom Typ intellektuelles Brechtsches Arbeiterkind, der als Waise bei Nonnen aufwuchs und von diesen ständig verprügelt wurde. Doch dieser Figur ist nicht vergönnt, bei Filmende noch unter den Lebenden zu weilen. Angeletta, die Tochter des Kaminkehrermeisters, bei dem Giorgio in Diensten steht, wurde gegenüber der Romanvorlage deutlich aufgewertet. Das ermöglicht Gegenwartsbezüge trotz des historischen Ambientes, das in den Kostümen, in der Ausstattung und Requisite zum Tragen kommt. Dieses Spannungsverhältnis wird jedoch nicht konsequent durchgehalten, indem die Auseinandersetzung mit ihrem Stiefbruder am Anfang sehr heftig beginnt und später kaum noch eine Rolle spielt. Für die Erwachsenenfiguren – von in Deutschland allzu bekannten Schauspielern verkörpert – wären unbekanntere Gesichter eher von Vorteil gewesen. Moritz Bleibtreu als Luini charchiert in seiner Rolle des uneinsichtigen Bösewichts, als sei der Teufel höchstpersönlich hinter ihm her. Richy Müller als sozial engagierter Priester, der als Kind ebenfalls ein Schornsteinfegerjunge war, wirkt wie ein personifizierter Heiliger und das vor einem historischen Hintergrund, als die Nonnen ihre Schutzbefohlenen wie Sklaven hielten und sich unter den Reichen der Stadt Mailand kaum einer für das Schicksal von mittellosen Straßenkindern interessierte. Die Beziehung zwischen dem Schornsteinfegermeister und seiner zweiten Frau wiederum wirkt mit dem ständig wiederholten Schlag einer Bratpfanne auf den Kopf allzu klamaukartig und klischeebeladen. Es sind viele kleine Unstimmigkeiten, die sicher nicht jeden gleichermaßen stören werden, die den dennoch empfehlenswerten Film in seiner an sich soliden Inszenierung aber nicht ganz authentisch wirken und den Funken nie wirklich überspringen lassen. Und das ist bei der guten Vorlage wirklich schade.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 139-1/2014 - Kinder-Film-Kritik - "Die schwarzen Brüder"

 

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