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Ausgabe 64-4/1995

DIE SCHELME VON SCHELM

THE REAL SHLEMIEL / LE MONDE EST UN GRAND CHELM

Produktion: TMO Film / Les Films de l'Arlequin / Project Images Films / Videobox Studio /C2A / Media Investment Club, Frankreich / Deutschland / Ungarn 1995 – Regie: Albert Hanan Kaminski – Buch: Galia Benousilio, Albert Hanan Kaminski, nach vier Geschichten von Isaac Bashevis Singer – Kamera: Erzsebet Nemes – Musik: Michel Legrand – Sprecher: Manuel Straube (Aaron), Michael Rüth (Schlemihl), Willi Röbke (Darko, der Zauberer), Katrin Fröhlich (Lantuch), Donald Arthur (Gronam), Anita Höfer (Sarah) u. a. – Länge: 75 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: Beaufilm (35mm) – Altersempfehlung: ab 6 J.

Am Anfang ließ der liebe Gott drei Geistesgaben über die ganze Welt verteilen: Intelligenz, Weisheit und Dummheit. Aber der tollpatschige Engel mit dem Sack Dummheit verlor seine gesamte Gottesgabe ausgerechnet über dem Ort Schelm (eigentlich Chelm). Eines Tages nun macht sich der Waisenjunge Aaron mit seiner Ziege Zlateh auf den Weg nach Schelm, dessen Einwohner sich – natürlich – für die Weisesten der Weisen halten. Aaron soll bei seinem Onkel Schlemihl Aufnahme finden, der mit Frau Sarah und den Töchtern Dina, Dana und Dona in Schelm lebt. Obwohl Aaron sofort erkennt, dass in Schelm so manches im Argen liegt, fügt er sich in sein Geschick.

Der Zauberer Darko will einem aus Lehm geformten Golem Leben einhauchen. Dazu benötigt er aber das "Buch der Wunder", das in Schelms Synagoge versteckt ist. Aaron, der dank eines Lantuchs, eines plötzlich auftauchenden "guten Geistes", seine Ziege Zlateh nicht verkaufen muss, kann den Diebstahl des Buches nicht verhindern. Darkos hilfreicher Fuchs hat nämlich Schlemihl den Schlüssel zum Versteck aus dem Schuh gestohlen, als dieser auf dem Weg nach Warschau ein Nickerchen macht. Da der Fuchs die in Richtung Warschau aufgestellten Schuhe umdreht, macht sich Schlemihl nach dem Erwachen auf den Rückweg nach Schelm. So kommt es, dass er seinen Heimatort für ein zweites Schelm hält, das eine exakte Kopie des ersten ist. Nur Aaron weiß, dass Schlemihl der "wahre Schlemihl" ist (was den Originaltitel "The Real Shlemiel" erklärt).

Der Zauberer belebt den Golem und schickt ihn los, das ihm lästige Dorf Schelm bis aufs letzte Haus zu zerstören. Der Golem befolgt die Anweisungen wörtlich: Er zerstört den Ort "bis zum letzten Haus". Das letzte Haus, die Synagoge, lässt er aber stehen. Aaron will das "Buch der Wunder" zurückholen, Doch Darko hetzt den Golem auf den Jungen, der samt Ziege Zlateh und Geist Lantuch die Flucht ergreift. Wieder befolgt der Golem seinen Auftrag, die Fliehenden aufzuhalten, wörtlich. Er hält sie auf, tötet sie aber nicht. Ehe der Zauberer selbst Böses tun kann, erhält der Lantuch sein Gedächtnis zurück und verwandelt den Zauberer zu Stein. Aaron hingegen löscht den ersten Buchstaben auf der Stirn des Golem aus, noch ehe der dritte Stern am Himmel erscheint. So ist die Bedrohung aus der Welt geschafft.

Zu guter Letzt verlassen die Bürger von Schelm ihr zerstörtes Dorf und ziehen hinaus in alle Welt, so dass heute die Welt ein einziges Schelm ist.

Dies ist der Inhalt der mit neun Millionen Mark Produktionskosten teuersten europäischen Trickfilmproduktion des Jahres 1995. Sie kombiniert mehrere Erfolgsgaranten: Die Geschichten von Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer, die Musik von Michel Legrand und die Liedtexte von "Anatevka"-Autor Sheldon Harnick, dazu den Trickfilmer Albert Hanan Kaminski. Man hat bei diesem Film absichtlich versucht, gerade nicht einer Hollywood-Dramaturgie (was immer das ist) zu folgen. Das Resultat ist ein literarisch interessanter, musikalisch packender, aber über weite Strecken den Betrachter wenig bewegender Film. Die erste Liednummer des Films, die auch im Abspann wiederholt wird, erweist sich als ein absoluter Ohrwurm, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht. Woran liegt es aber, dass der Film erwachsene Zuschauer eher auf Distanz hält? Mit Sicherheit an der betulich-langsamen Erzählweise, an der zwar notwendigen, aber dennoch zu langen Vorstellung von Schelm. Das Warten auf die eigentliche Geschichte wird dadurch eine kleine Strapaze. Das ist eigentlich schade, denn der Film enthält so viele liebevoll ausgearbeitete Details, so viel erzählerisches Potenzial, dass man sich schon während des Films ausmalt, wie man den Film straffer und noch unterhaltsamer hätte machen können.

Nach solch herben kritischen Worten des erwachsenen Betrachters gilt es jedoch auch, dem Film als Kinderfilm gerecht zu werden. Kinder werden ihn vermutlich lieben, wenn ihre Gehirne nicht nur mit Actionfilmen voll gestopft sind. Kinder würden sich zwar emotional stärker auf die Figur des Aaron einlassen, wenn er nicht, gerade verwaist, gleich das besinnlich gemeinte, aber fröhlich wirkende Lied "Es war mal" trällernd nach Schelm aufbräche. Dennoch finden sie über diese Figur gut in die Welt von Schelm hinein und haben auf der Leinwand einen Verschworenen, der – wie sie – den nötigen Durchblick hat, der den Schelmen von Schelm fehlt. Ich lasse mich bei diesem Film gern von meinen Kindern eines besseren belehren, was die Akzeptanz betrifft. Allerdings mögen Kinder unterschiedlichen Alters "Die Schelme von Schelm" unterschiedlich gern oder gar nicht. Insbesondere kleinere Kinder könnten den Film wegen des "Monsters" und seiner Zerstörungswut ebenso ablehnen wie mancher ältere Zuschauer, der inzwischen (immerhin gibt es ja eine hundertjährige Filmgeschichte) einen flotteren Erzählstil gewohnt ist.

Wollte man ein Fazit ziehen, so könnte es lauten: Dieser Film ist zweifelsohne mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Er ist tricktechnisch einwandfrei gearbeitet und gefällig anzusehen. Er ist musikalisch hervorragend. Dennoch beeinträchtigt es die Wirkung des Films, dass er zu "literarisch" ambitioniert wirkt, um ein Kinopublikum aller Altersstufen zu faszinieren. So bleibt letztlich der Eindruck eines zwar handwerklich solide gemachten Films, der aber nur ein Kinderpublikum wirklich anzusprechen vermag. Das Thema hätte es aber verdient, dass auch Erwachsene vollen Spaß daran haben.

Wolfgang J. Fuchs

 

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