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Ausgabe 137-1/2014

VIELEN DANK FÜR NICHTS

Bild: VIELEN DANK FÜR NICHTS
© Camino Filmverleih

Produktion: Motorfilm / Frischfilm Produktion; Schweiz / Deutschland 2013 – Buch und Regie: Oliver Paulus, Stefan Hillebrand – Kamera: Pierre Mennel – Schnitt: Ana R. Fernandes, Nela Märki, Torsten Truscheit – Musik: Rod Gonzales, Marcel Vaid – Darsteller: Joel Basman (Valentin), Anna Unterberger (Mira), Nikki Rappel, Bastian Wurbs, Isolde Fischer, Aniko Donath, Georg Kaser u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – Kontakt: Camino Filmverleih, E-Mail: info@camino-film.com – Altersempfehlung: ab 14 J.

Nach einem unglücklichen Sturz mit dem Snowboard in den Bergen ist der überaus sportliche Valentin querschnittgelähmt und an den Rollstuhl gefesselt. Verbittert und von Selbstmitleid getragen, glaubt er ein Recht darauf zu haben, nun auch andere verletzen zu dürfen. Da meldet die Mutter ihn bei einem Theaterkurs mit behinderten Jugendlichen in Südtirol an, in der Hoffnung, der Sohn werde auf diese Weise lernen, sein Leben besser zu meistern. Valentin hatte keine Wahl, daher verweigert er sich dort jeder Kommunikation und blickt zunächst verächtlich auf die "Spastis" um ihn herum. Doch an Titus und Lukas, denen es in ihrer Mehrfachbehinderung weitaus "dreckiger" als ihm selbst geht, hat er schnell seine Lehrmeister gefunden. Schon bald mischen alle drei bei Rollstuhl-Ausflügen die Fußgängerzone in der Stadt auf und provozieren die allesamt konsterniert und schuldbewusst reagierenden Passanten. Warum müssen Behinderte immer nur lieb und bemitleidenswert sein, denkt sich Valentin. Er möchte den Gegenbeweis antreten, auch wenn er sich mittlerweile in seine junge Pflegerin Mira verliebt hat. Die ist dem Flirt nicht abgeneigt, hat allerdings schon einen festen Freund, den Sohn eines Tankstellenunternehmers. Valentin besorgt sich eine Pistole. Er möchte nun gemeinsam mit seinen behinderten neuen Freunden die Tankstelle überfallen und es der Welt und dem Nebenbuhler endlich mal zeigen.

Erzählt wird die Geschichte in drei kunstvoll miteinander verschachtelten Ebenen: der sich anbahnenden Liebesbeziehung zwischen Valentin und Mira, die der ansonsten sehr toleranten Heimleitung ein Dorn im Auge ist, der rührenden Annäherung zwischen Valentin und den beiden Spastikern im Rollstuhl, die an schrägem Humor kaum zu überbieten ist, und einem von einem echten Profi geleiteten Theaterworkshop zu Shakespeares "Hamlet", der mit der öffentlichen Aufführung des Stücks enden soll. Die Durchführung ist jedoch von innen wie von außen stark gefährdet. Auf allen drei Ebenen geht es letztlich um eine entscheidende Frage des Lebens: Sein oder Nichtsein.

Vielerorts steht der Integrations- und Inklusionsgedanke zurzeit hoch im Kurs, wenn auch häufig nur auf dem Papier. Der Film greift diese Diskrepanz, die sich manchmal als Doppelmoral entpuppt, thematisch unmittelbar auf, zumal sie sich auch schon in der Produktionsphase auswirkte. Die TV-Anstalten jedenfalls hatten Bedenken, diesen Film mit zu finanzieren, da er mit echten Behinderten gedreht werden sollte. Einer von ihnen kann gar nur mit Hilfe eines Sprachcomputers mit der Außenwelt kommunizieren, aber hindert das etwa am Schauspielern? Der oftmals abwertenden Haltung behinderten Menschen gegenüber, die mitunter aus reiner Ignoranz etwa im Verhalten zwischen einem Vater und seinem an den Rollstuhl gefesselten Sohn deutlich wird, hält der Film auch schon mal einen Spiegel mit drastischen Erzählmitteln vor. Beispielsweise verkauft ein Werkstattbesitzer dem Rollstuhl-Trio bedenkenlos eine Pistole in der Überzeugung, diese könnten die Waffe sowieso nicht einmal richtig in Händen halten.

Oliver Paulus und Stefan Hillebrand ließen sich trotz des großen Wagnisses und der sehr begrenzten finanziellen Mittel nicht davon abbringen, ihren ungewöhnlichen Filmstoff zu realisieren. Aber sie konnten sich dadurch wenigstens ohne die im TV-Betrieb gängigen "Abschleifungsprozesse" mit augenzwinkernder Ironie über die Gebote der politischen Korrektheit hinwegsetzen. Das hat wesentlich dazu beigetragen, dass der Film erfrischend leichtfüßig und humorvoll geraten ist, unterhaltsam und lehrreich trotz des sehr ernsten Hintertons und mit einer an echter Situationskomik reichen Handlungskonstellation, die alles andere als vorhersehbar ist oder abgedroschen wirkt. Eine Gratwanderung sicherlich, gerade auch angesichts des verblüffenden Filmendes, aber eine geglückte.

Holger Twele

 

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