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Ausgabe 137-1/2014

Märchenfilme in ARD und ZDF zu Weihnachten 2013

Hintergrund

Seit einigen Jahren liefern sich ARD und ZDF einen Wettbewerb um die schönsten Märchenverfilmungen. Das "Erste" schnitt dabei regelmäßig besser ab, weil seine Filme kürzer, charmanter und dank einer gewissen Selbstironie ohnehin stärker auf die ganze Familie ausgerichtet waren; von der prominenteren Besetzung ganz zu schweigen. Die prominentesten Märchen der Brüder Grimm hat die ARD jedoch längst verfilmen lassen. 2013 sind daher gleich zwei Filme nach Vorlagen von Hans Christian Andersen entstanden, und prompt ist ein ungewohnt düsterer Tonfall ins Spiel gekommen: Die Adaption der Geschichte vom Mädchen mit den Schwefelhölzern ragte derart aus dem Angebot an Weihnachten 2013 heraus, dass die anderen Beiträge beinahe verblassten. Eine Enttäuschung war dagegen der Zweiteiler "Pinocchio". Das ZDF, das schon 2012 mit dem Film "Die Schöne und das Biest" einen Klassiker zeitgemäß adaptiert hat, sorgte mit der Verfilmung "Die Goldene Gans" buchstäblich für Glanz zur Weihnachtszeit.

Vom Fischer und seiner Frau
Regie: Christian Theede – Buch: Dieter und Leonie Bongartz – Kamera: Felix Cramer – Produktion: Zieglerfilm Köln (NDR)

Man kann das Märchen vom braven Fischer und seiner gierigen Frau auch in knapp sieben Minuten erzählen und der Vorlage trotzdem treu bleiben; die "Sendung mit der Maus" hat das 2012 mit einem überdies originell animierten Film vorgemacht. Die Sechzig-Minuten-Version krankt daher ein wenig daran, dass sich die Geschichte spiralförmig im Kreis dreht und einem wiederkehrenden Muster gehorcht: weil Fischer Hein (Fabian Busch) immer wieder zum Meeresufer eilen muss, um einen Butt, dem er die Freiheit geschenkt hat, die Wünsche seiner gierigen Frau (Katharina Schüttler) vorzutragen. Die Moral der Geschichte ist offenkundig, zumal sich die Atmosphäre mit wachsender Hybris Ilsebills, die am Ende gar Gott werden will, immer mehr verfinstert. Fabian Busch spielt das wachsende Unbehagen des Fischers ebenso glaubwürdig wie Katharina Schüttler die Geltungssucht von Ilsebill, die fast wie eine Getriebene der eigenen Gier wirkt. Etwas unspektakulär sind die Auftritte des Butts, der Hein aus einem glühenden Meer vor die Nase hüpft. Dafür trumpft er akustisch auf: Jan Fedder hat dem Fisch seine markante Stimme geliehen.

Das Mädchen mit den Schwefelhölzern
Regie: Uwe Janson – Buch: David Ungureit – Kamera: Marcus Stotz – Produktion: Askania Media (RBB/SR)

Anders als die Märchen der Brüder Grimm enden die Geschichten von Hans Christian Andersen in der Regel nicht mit dem Satz "Und wenn sie nicht gestorben sind ..." Bei der Erzählung vom "Kleinen Mädchen mit den Schwefelhölzern" ginge das schon deshalb nicht, weil die bedauernswerte Titelfigur am Ende erfriert. Es ist also durchaus mutig, dass die ARD das Wintermärchen in ihren Kanon aufgenommen hat. Das gilt auch für die Umsetzung. Regisseur Uwe Janson und Kameramann Marcus Stotz haben ein Lichtkonzept ersonnen, das die Düsternis der ohnehin wenig erbaulichen Handlung buchstäblich verstärkt: Nur wenige Lichtinseln vermitteln warme Behaglichkeit; der weitaus größere Teil des Films ist in betont kühlem Blaugrau gehalten. Damit entspricht die Umsetzung der Geschichte perfekt dem Geist des Märchens. Gleiches gilt für die Adaption durch den märchenfilmerfahrenen David Ungureit: Das Mädchen Inga hat beide Eltern verloren und lebt in einem Waisenhaus, wo die Schutzbefohlenen schamlos ausgebeutet werden. Dank Schminke, Kostüm und Beleuchtung verkörpert Nina Kunzendorf die Besitzerin des Heims, Frau Landfried, als klassische Märchenhexe. Inga ist ihr Gegenentwurf, ein herzensgutes Geschöpf, das sich für andere einsetzt. Als Frau Landfried die Kinder an Heiligabend auf die Straße schickt, um Schwefelhölzer zu verkaufen, überlässt Inga einem Jungen ihre Einnahmen. Anstatt ins Waisenhaus zurückzukehren, sucht sie das verfallene Haus ihrer Eltern auf. Im Widerschein der hell brennenden Streichhölzer sieht sie das in goldenem Licht erstrahlende Weihnachtszimmer und schließlich auch ihre Eltern, die sie ins Paradies geleiten.

Jansons Verfilmung ist sogar noch ergreifender als das Märchen; daran ändern auch die liebenswerten Slapstick-Einlagen Oliver Korittkes als freundlicher Wachtmeister nichts. Von großer Wirkung sind auch die Auftritte Jörg Hartmanns als zunächst mysteriöse Figur, die sich schließlich als Engel des Todes entpuppt. Das größte Lob aber gebührt der jungen und filmisch noch weitgehend unerfahrenen Lea Müller (Inga), die sich als echte Entdeckung entpuppt. Für kleine Kinder ist die Geschichte möglicherweise zu düster, zumal die finstere Frau Landfried bis ins Mark böse ist. Aber mit Hilfe einer kleinen dramaturgischen künstlerischen Freiheit ist es Ungureit gelungen, der Verfilmung doch noch ein positives Ende zu geben, ohne Andersen untreu zu werden. Und die Bildgestaltung ist dank einiger ausgeklügelter Fahrten und mehrerer überraschender Perspektiven herausragend.

Die kleine Meerjungfrau
Regie: Irina Popow – Buch: Bettine von Borries – Kamera: Patrick Popow – Produktion: Kinderfilm GmbH (MDR)

Viele Kinder werden die Geschichte der kleinen Meerjungfrau aus dem Disney-Film "Arielle" kennen und womöglich überrascht sein, dass Undine, wie das Wesen mit dem Fischschwanz bei Hans Christian Andersen heißt, anders als bei Disney am Schluss keineswegs den Prinzen bekommt. Auch sonst hat Drehbuchautorin Bettine von Borries die Vorlage werkgetreu adaptiert: Die hübsche Undine, jüngste Tochter des Meereskönigs, rettet einen Prinzen vor dem Ertrinken und verliebt sich in ihn, doch der junge Mann hält eine andere für seine Retterin. Um ihn wiederzusehen, lässt sich Undine von Meerhexe Mydra in einen Menschen verwandeln. Der Preis ist hoch: An Land ist sie stumm wie ein Fisch, und wenn sich Nikolas nicht für sie entscheidet, wird sie als Schaum auf den Wellen enden. Zoe Moore reiht sich nahtlos in die Riege attraktiver Nachwuchsschauspielerinnen ein. Sie verkörpert das Meerwesen als modernen Teenager, der aus den gewohnten Bahnen ausbricht. Eine hübsche Besetzungsidee war es, den Meerkönig und die Meerhexe von den Geschwistern Ben und Meret Becker verkörpern zu lassen. Die sonnendurchflutete, ansonsten aber unauffällige Umsetzung des Drehbuchs durch Irina Popow gehorcht den Regeln der Reihe; die Dialoge sind zum Teil recht flott.

Der Teufel mit den drei goldenen Haaren

Regie: Maria von Heland – Buch: Rochus Hahn – Kamera: Egon Werdin – Produktion: Bavaria (SWR)

Obwohl das Kernstück dieses Märchens eine geradezu exemplarische Heldenreise ist, gehört die Umsetzung zu den schwächeren der diesjährigen Verfilmungen. Das Buch (Rochus Hahn) hält sich weitgehend an die Vorlage: Um zu verhindern, dass ein Glückskind der Weissagung zufolge später mal seine Tochter heiratet, setzt der König (Thomas Sarbacher) das Baby in einem Korb auf einem Bach aus; es wird jedoch gerettet. 14 Jahre später findet der König durch Zufall heraus, dass der Junge, der mittlerweile Felix heißt, keineswegs gestorben ist, sondern sich zu einem virtuosen Geiger gemausert hat. Er schickt ihn mit einer versiegelten Botschaft an den Königshof. Der Brief enthält sein Todesurteil, doch Rebellen sorgen dafür, dass er die Prinzessin heiratet. Der schockierte König schickt den Jungen buchstäblich zur Hölle: Die Ehe soll nur dann Bestand haben, wenn Felix dem Teufel seine drei goldenen Haare raubt.

Im Unterschied zur Vorlage darf der junge Mann in Begleitung reisen: Prinzessin Isabell gibt sich als Jäger aus, was zu einigen netten Szenen führt. Jakub Gierszal und Saskia Rosendahl sind ohnehin ein hübsches Paar; schade nur, dass beide ihre Dialoge aus unerfindlichem Grund oft so tonlos vortragen (Regie: Maria von Heland). Im Reigen der mittlerweile insgesamt dreißig Märchenfilme der ARD gehört "Der Teufel mit den drei goldenen Haaren" daher allenfalls ins Mitteldrittel.

Pinocchio
Regie: Anna Justice – Buch: Alexandra Maxeiner – Kamera: Mathias Neumann – Produktion: FFP New Media (WDR)

2012 hat die ARD mit der Neuverfilmung "Baron Münchhausen" einen großartigen Weihnachts-Zweiteiler für die ganze Familie beschert. Gemessen an Witz, Tempo, Charme und Einfallsreichtum des Abenteuerfilms ist "Pinocchio" eine Enttäuschung auf der ganzen Linie. Anna Justice ("Max Minsky und ich") hält sich bei ihrer Umsetzung zwar eng an das Kinderbuch von Carlo Collodi, inszeniert "Pinocchio" aber als Kinderfilm, und zwar mit einer Konsequenz, die dem Film nicht gut tut. Das gilt vor allem der Hauptfigur: Der Titelheld ist nachträglich am Computer entstanden und in die Bilder integriert worden. Das allein wäre natürlich nicht problematisch, derlei ist bei Fantasy-Filmen längst Alltag, aber Pinocchio ist dem Geist der Geschichte zum Trotz nur im technischen, nicht jedoch im übertragenen Sinn animiert: Der Entwurf wirkt alles andere als ansprechend. Die Leblosigkeit ausgerechnet des Helden, der ohnehin nicht besonders liebenswert ist, entpuppt sich als großes Manko, das selbst so namhafte Schauspieler wie Mario Adorf (als Gepetto) und Ulrich Tukur (Puppenspieler) nicht wettmachen können. Erschwerend kommt hinzu, dass der Film selbst auf zwei Tage verteilt mit insgesamt 180 Minuten viel zu lang ist; auch und gerade als Kinderfilm. Vor allem die erste halbe Stunde, in der nach Pinocchios Erwachen außer ein paar Slapstickszenen im Grunde nichts passiert, hätte entschieden gekürzt werden müssen. Der Zweiteiler ist frei von jedem Zauber, war der Film- und Medienstiftung aber dennoch eine Fördersumme in Höhe von 1,5 Millionen Euro wert.

Die Goldene Gans

Regie: Carsten Fiebeler – Buch: Anja Kömmerling, Thomas Brinx – Kamera: Peter Nix – Produktion: Kinderfilm (ZDF)

Neben der Produktionsfirma Kinderfilm garantiert vor allem das vielfach ausgezeichnete Autorenduo Anja Kömmerling und Thomas Brinx, dass "Die Goldene Gans" ein besonderer Film ist. Die beiden gehören zu den erfahrensten Drehbuchschreibern im deutschen Kinderfernsehen; ihr ARD-Märchenfilm "König Drosselbart" ist ein großartiges Beispiel dafür, wie man eine klassische Vorlage zeitgemäß adaptiert. Gleiches gilt für "Die Goldene Gans". Waren frühere ZDF-Märchen mitunter schlicht zu lang, weil die Geschichten auf neunzig Minuten gestreckt werden mussten, können es sich Kömmerling und Brinx diesmal sogar leisten, den Schluss des Grimm’schen Märchens drastisch zu beschneiden: Der junge Held muss keineswegs noch drei unerfüllbare Aufgaben lösen, bevor er die Prinzessin zur Frau nehmen darf; der König kürzt die Sache kurzerhand ab. Bis zum Happy End ist es trotzdem ein buchstäblich weiter Weg: Till ist ein Bursche von derart reinem Herzen, dass seine Mitmenschen seine Aufrichtigkeit mit Dummheit verwechseln. Jeremy Mockridge ist mit seinem sympathischen, offenen Wesen eine ausgezeichnete Besetzung für den jungen Mann, der sich trotz aller Mobbingversuche gerade seiner älteren Brüder nicht ins Bockshorn jagen lässt und schließlich mit einer goldenen Gans belohnt wird. Das glitzernde Federkleid des Tiers bringt die Gier in den Menschen zum Vorschein. Zur Strafe bleiben sie an der Gans oder an der Person, die das Tier berührt hat, kleben, weshalb Till alsbald eine ganze Prozession hinter sich her zieht. Schon allein die unfreiwillige Polonaise ist immer wieder witzig, zumal die Gruppe ausgesprochen treffend zusammengestellt ist. Gemeinsam wandern sie zum Königsschloss, wo Till mit der Gans die traurige Prinzessin trösten will. Im Vergleich zu den fragilen Schönheiten, die die Märchen der ARD bevölkern, mag die Besetzung der Prinzessin mit Jella Haase überraschen, aber das pausbäckige Schmollgesicht Luises spielt sie sehr glaubwürdig (Regie: Carsten Fiebeler). Während die junge Darstellerin nicht viel Spielraum hat, nutzen die erfahrenen Kollegen ihre Rollen für viele hübsche Kleinodien. Die Bildgestaltung (Peter Nix) ist ausgesprochen sorgfältig, die Musik (Chris Bremus) mitreißend.

Tilmann P. Gangloff

 

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