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Ausgabe 138-2/2014

EINSTEIN UND EINSTEIN

Bild: EINSTEIN UND EINSTEIN
© Beijing Enlight Pictures / Berlinale Generation

Produktion: Xi’an Qujiang Shangguozhixiong Publishing / Audio & Visual Development Xi’an; Volksrepublik China 2013 – Regie: Cao Baoping – Buch: Jiao Huajing – Kamera: Luo Pan – Schnitt: Ma Yuanfei – Musik: Ba Shui – Darsteller: Zhang Xueying (Li Wan), Guo Jinglin (Vater), Cao Xinyue (Stiefmutter), Huang Shijia (Li Tang), Dai Xu (Gao Fang), Zhi Yitong (Großvater), Zhou Zhen (Großmutter) u. a. – Länge: 119 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Beijing Enlight Pictures, Beijing, VR China, zhangyamin@ewang.com – Altersempfehlung: ab 14 J.

Die chinesische Filmproduktion boomt, und die Berlinale 2014 lud dazu ein, deren Reichtum zu entdecken. Bei der Auswahl der realistisch-kritischen Werke konnte der Zuschauer die in der Volksrepublik schwelenden gesellschaftspolitischen Debatten miterleben. So widmete sich "Einstein und Einstein", der in der Reihe Generation 14plus zu sehen war und von der Internationalen Jury mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde, dem Aufwachsen in einer modernen, sozialistischen Marktwirtschaft.

Wie es für Chinas Mittelschicht üblich ist, wird Li Wan von ihren Großeltern großgezogen. Noch weiß sie nicht, dass sie inzwischen ein neues Geschwister hat. Und fürs Erste wird sie es auch nicht erfahren, das hat die ganze Familie bei der Geburt des Bruders entschieden. Denn Li Wan soll vor allem eins: funktionieren und sich noch steigern in dem gängigen Ringen um Bestnoten. Sie bekommt von ihren Eltern einen Hund geschenkt, da man glaubt, schon die Jüngsten mit kleinen Gaben bestechen zu können. Schnell stiehlt sich das Tier, der titelgebende Einstein, in das Herz der Tochter, entwischt jedoch dem Großvater bei einem Gang über den Markt. Obgleich Li Wans Schmerz groß ist, denken die Eltern, sie könnten den Hund einfach durch einen neuen ersetzen und die Tochter zudem auch noch glauben machen, dass es der entlaufene sei. Gegen diese Vertuschung der Wahrheit rebelliert das Mädchen vehement, ohne das Gebot des Respekts vor Eltern und Großeltern zu beachten. Da macht ihr der Vater auf brutale Art deutlich, wer über die Deutungshoheit der Realität verfügt.

Cao Baoping erzählt nicht nur vom schmerzlichen Verlust eines Hundes, sondern insbesondere auch von der Unstimmigkeit zwischen den Generationen. Inzwischen stößt der traditionelle chinesische konfuzianische Erziehungsstil, der mit den Werten der modernen Marktgesellschaft konkurriert, immer mehr auf Widerspruch bei dem selbstbewusster gewordenen Nachwuchs. Der findet sich nicht mit der Rolle ab: Kinder sollen stets Ehrfurcht und Freundlichkeit erweisen. Zumal diese Art 'Heuchelei' auch noch durch den autokratischen Regierungsstil der kommunistischen Partei und Regierung verstärkt wird, der die richtige Wahrnehmung der Realität diktieren will. Und die nächste Generation nimmt es auch nicht mehr fraglos hin, dass trotz Gleichstellung von Mann und Frau die Knaben den Mädchen weiter vorgezogen werden. Diese Generation fordert von den Erwachsenen in ihrem Streben und in ihrer Weltsicht als Gleichberechtigte anerkannt zu werden, obschon sie darum weiß, dass ihr Anspruch noch mehrmals frustriert werden wird, sie Kompromisse eingehen muss. Nichtsdestoweniger träumt Li Wan von der Existenz eines Paralleluniversums, von Pluralität.

Der Filmemacher jedenfalls macht deutlich, dass er auf Seiten der Protagonistin steht. Er versteht es, durch die geschickte Figurenkonstellation, durch die wechselseitige Kritik der drei Generationen aneinander, sein Erziehungsideal zu modellieren, auch wenn er dabei den Erzählfluss der Geschichte nicht immer organisch-stringent und mit gleichmäßiger Spannung entfalten kann. Gerade der Vater, der die neuerliche Hochachtung von Maos Person teilt, ringt mit seinen Erziehungsmethoden, um schließlich doch wieder in Parteimanier rücksichtslos seine Interessen gegen die Tochter durchzusetzen und danach sentimentale Selbstkritik zu üben. Der Film findet intensive Einstellungen und expressive Sinnbilder dafür, wie dieses Aufbegehren durch die Jugend aus Angst vor Kontrollverlust sofort niedergeschlagen wird. Dabei fangen die bewegliche Kamera und schnelle Schnitte die Veränderungen in der jungen Generation trefflich ein.

Geradezu grotesk wirkt das Ende, wenn der Abspann pflichtschuldig darauf verweist, dass beim Dreh kein Tier zu Schaden kam. Aber man noch in der letzten Szene mit ansehen muss, wie sich der kleine Bruder vergeblich auf einer Eisbahn aufzurichten versucht. Das qualvolle Sich-alleine-Abstrampeln-Müssen kommt in diesem Erziehungssystem vor jeder Rücksicht und Hilfeleistung.

Heidi Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 138-2/2014 - Interview - Der zwangsläufige Preis des Erwachsenwerdens …

 

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