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Ausgabe 138-2/2014

KREUZWEG

Bild: KREUZWEG
© Camino Filmverleih

Produktion: UFA FICTION Ludwigsburg; Deutschland 2013/2014 – Regie: Dietrich Brüggemann – Buch: Anna und Dietrich Brüggemann – Kamera: Alexander Sass – Schnitt: Vincent Assmann – Darsteller: Lea van Acken (Maria), Franziska Weisz (Mutter), Florian Stetter (Pater Weber), Lucie Aron (Bernadette), Moritz Knapp (Christian), Klaus Michael Kamp (Vater), Hanns Zischler (Bestatter), Birge Schade (Sportlehrerin), Georg Wesch (Thomas), Ramin Yazdani (Arzt) u. a. – Länge: 107 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Camino Filmverleih – Altersempfehlung: ab 14 J.

Was können wir heute opfern, fragt Pater Weber anfangs seine Schützlinge, die kurz vor der Firmung stehen. Angesichts des allgegenwärtigen Konsumzwangs könnte der erwachsene Zuschauer zunächst bei sich denken, dass es doch gar nicht so schlecht sei, wenn die Jugendlichen wieder etwas mehr Triebverzicht üben würden. Wenn sie weniger Fettes und Süßes verschlängen, wenn sie einmal häufiger ihrem Gegenüber in die Augen sähen, statt selbstvergessen auf das Display ihres Smartphones zu starren. Doch bei der 14-jährigen Maria nimmt der moralische Appell gleich wahnhafte Züge an. Sie will ein Opfer bringen, um ihren stummen Bruder, dem es offenbar seiner Familie wegen die Sprache verschlagen hat, zu heilen. Und in den nächsten Szenen zeichnet sich immer klarer ab, dass damit Maria sich selbst gemeint hat. Brüggemanns Wettbewerbsbeitrag auf der Berlinale 2014 erhielt für das meisterhafte Drehbuch völlig zu Recht einen Silbernen Bären.

"Kreuzweg" erzählt von zweierlei Dingen: Auf beeindruckende Weise malt er aus, wie beim Erwachsenwerden objektive Gegebenheiten und subjektive Wahlmöglichkeiten einander zuspielen. Einerseits zeigt er mit unerbittlicher Konsequenz, wie eine ideologisch fanatisierte Familie Seite an Seite mit einer indoktrinierenden Institution die Reifung eines jungen Menschen verhindert. Beispielhaft teilt Brüggemann seine Schelte an der fundamentalistischen katholischen Priesterbruderschaft St. Pius X aus. Andererseits handelt der Film genauso von einer gescheiterten jugendlichen Rebellion. Weil Maria im reinen Zustand der Kindheit verbleiben will, bezwingt sie mit ihrem Selbstopfer erfolgreich das in ihr aufkeimende erwachsene Begehren. In ihrem adoleszenten Größenwahn erscheint sie dem Zuschauer keineswegs immer sympathisch, sondern setzt ihm auch auf unbequeme Weise zu: eine Eiferin, die unbedingt leiden will. Doch dabei gibt Maria zugleich sich selbst auf und erfüllt die rigorosen Forderungen der Familie und Religion.

Brüggemann hat die dogmatische Familie als Hort des Schreckens entworfen. Marias Mutter ist schlichtweg eine Zumutung. Schon beim kleinsten Einwand der Tochter fühlt sie sich brüskiert. Es stößt den Zuschauer beim Zusehen immer mehr ab, wie sie automatenhaft die Tochter barsch abwürgen will, ihr das Wort im Munde verdreht. Anteilnahme, Trost, Unterstützung sind dieser Mutter fremd.

Brüggemann erzählt seinen Film in der Art eines Sittenstücks formal kompromisslos. Er wählt einen betont nüchtern-artifiziellen Stil. In 14 sehr langen Einstellungen, die einem Kreuzweg nachgestellt sind, verdichtet der Film bestimmte Verhaltensmuster und Glaubenssätze in religiösen Systemen. Diese Tableaus nehmen auch ikonografisch Bezug auf solche bildliche Darstellungen, reformulieren aber ebenso die Tradition von Filmen wie "Ordet" von Carl Theodor Dreyer. Ganz bewusst hintertreibt der Filmemacher mit seiner Inszenierung die ausgestellte Werteordnung der Figuren und hält derart den Zuschauer auf Distanz. Teilweise wähnt der sich in einem absurden Theaterstück. So wird Marias Tod geradezu als lächerlicher Akt inszeniert. Sie erstickt beinahe an der Hostie, die eigentlich ein Ausdruck für die Erlösung des Menschen durch den Tod Christi ist. Gleichwohl ist dieses Bild symbolisch hoch aufgeladen. Denn das Mädchen geht damit buchstäblich an ihrem Glauben an das heilsame Opfer zugrunde. Das Ende des Films könnte man fast schon deuten als Zuspruch von Gnade. Nachdem ihr der Schulkamerad Christian die letzte Ehre erwiesen hat, erhebt sich die Kamera in die Lüfte, als wenn Marias Seele in den Himmel aufsteige. Doch zuvor sieht man weit über ein Feld. Und da kann einem schon unwillkürlich der letzte Satz des Vaters aus Fontanes Gesellschaftsroman "Effi Briest" durch den Kopf gehen, der jede Reflexion von Schuld verweigert. "Lass ... das ist ein zu weites Feld".

Heidi Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 138-2/2014 - Interview - Wahrheit und Schmerz

 

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