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Ausgabe 138-2/2014

REUE

Bild: REUE
© Shootingstar Filmcompany /Schlingel

SPIJT!

Produktion: Shootingstar Filmcompany, Niederlande 2013 – Regie: Dave Schram – Drehbuch: Maria Peters, Dick van den Heuvel, nach dem gleichnamigen Buch von Carry Slee – Kamera: Erwin Steen – Schnitt: Robin de Jong – Musik: Herman Witkam – Darsteller: Stefan Collier (Jochem), Robin Boissevain (David), Dorus Witte (Vera), Brahim Fouradi (Youssef), Gregory Samson (Niels), Eileen Farnham (Manon), Charlotte Bakker (Sanne), Dave Mantel (Lehrer Tino) u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – Kontakt: Shootingstar Filmcompany, Amsterdam, E-Mail: info@shootingstar.nl – Altersempfehlung: ab 14 J.

Jochem ist etwas schüchtern und deutlich dicker als alle seine Klassenkameraden. Weil er ständig gemobbt wurde, hat er schon zwei Mal die Schule gewechselt. Aber auch mit der neuen Schule hat sich nichts geändert, mit Ausnahme der austauschbar scheinenden Personen, die ihn schikanieren. Diesmal sind es Sanne und ihre beiden "großkotzigen" Freunde, die ihm jeden Schultag zur Hölle und sich selbst einen Spaß daraus machen, die kleinen Gemeinheiten gegen ihn so auf die Spitze zu treiben, dass sie in offene Gewalt umschlagen. Klassenlehrer Tino, der auch Sport unterrichtet und Jochems Unsportlichkeit fast schon als persönlichen Angriff nimmt, bemerkt rein gar nichts. Er macht sich unbewusst sogar mitschuldig, weil er Sanne verteidigt und Jochem selbst der Lächerlichkeit preisgibt. Jochems Mitschüler wiederum wollen keinen Ärger und schauen geflissentlich einfach weg. Nur David und Vera versuchen zaghaft, etwas gegen die Angriffe auf Jochem zu unternehmen. David, weil er Ungerechtigkeiten nicht ertragen kann, Vera, weil sie in Erfahrung gebracht hat, wie liebevoll sich Jochem im Tierheim um einen Hund kümmert, den er vor dem Hungertod rettete. Die Situation eskaliert auf einer Klassenparty, als Vera sich von Jochems plötzlichem Liebesgeständnis überrumpelt fühlt und auch David, der Jochem zuvor seine Hilfe versprochen hatte, in rasender Eifersucht gegen einen vermeintlichen Nebenbuhler in der Gunst um Vera gerade zu sehr mit sich selbst beschäftigt ist. Unterdessen flößen Sanne und ihre beiden Freunde Jochem gewaltsam Alkohol ein, um ihn voll betrunken öffentlich bloßzustellen. Jochem wird am nächsten Tag nicht mehr zur Schule kommen, er hat sich in einem See das Leben genommen.

"Reue" wurde von Dave Schram unter Mitwirkung von Maria Peters (Drehbuch), seiner Lebensgefährtin und ebenfalls Filmemacherin, nach dem gleichnamigen Roman von Carry Slee (Jg. 1949) verfilmt. Die zählt zu den derzeit erfolgreichsten Jugendbuchautorinnen in den Niederlanden. Ihren Roman "Spijt!" veröffentlichte sie 1996, er kam 2011 unter dem Titel „Schrei in der Stille“ auch in deutscher Sprache heraus. Hierzulande wurde der Film erstmals auf dem Schlingel-Festival 2013 im Jugendfilmwettbewerb präsentiert. International gewann er zahlreiche Preise, darunter in den Niederlanden den Publikumspreis bei Cinekid, einen Hauptpreis in Giffoni und den ECFA-Preis als Bester Europäischer Kinderfilm in Oulu. Allein schon diese Auszeichnungen belegen, dass die Botschaft des emotional tief bewegenden Films, Mobbing als bitterernste und niemals zu verharmlosende Angelegenheit zu betrachten, bei der jungen Zielgruppe unmittelbar ankommt und der Film daher wichtig ist – nicht zuletzt für die filmpädagogische Arbeit. Vielleicht auch, weil ausnahmslos alle Beteiligten einschließlich des jovialen Lehrers ihren oft gar nicht bewussten kleinen Teil an Jochems Selbstmord beigetragen haben. Sogar Sanne als sadistische Drahtzieherin ist nicht rundum schlecht, zumal sie zuhause mit ihrem an den Rollstuhl gefesselten mürrischen Vater überfordert ist.

Dennoch muss die Frage erlaubt sein, ob die unmittelbare Betroffenheit, die der Film zweifelsfrei auslöst, und die "Reue" der im Film agierenden Figuren schon ausreichen, um über den Augenblick hinaus eine Sensibilisierung zu erzielen, die im Schulalltag ihre Wirkung behält. Die guten und die bösen Absichten der Schüler sind klinisch dermaßen sauber und plakativ in Szene gesetzt, dass die dahinter stehende pädagogische Absicht auch ins Gegenteil umschlagen kann. Der Film erwähnt, aber problematisiert nicht weiter, dass Jochem sich den anderen, ohne auch nur den geringsten verbalen oder körperlichen Widerstand zu leisten, förmlich als Opfer anbietet. So ganz passt das auch nicht mit seiner anderen Seite zusammen, denn er ist zugleich ein sehr aktiv handelnder Tierfreund, was ihm allein schon viele Sympathien beim Publikum eintragen dürfte. Darüber hinaus war er – posthum zu erfahren – ein begnadeter Klavierspieler, dem Davids Großmutter eine große Karriere voraussagte. Umso tiefer sitzt natürlich die Reue derjenigen, die sich mitschuldig gemacht haben. Da mag man sich gar nicht ausdenken, wie es um ihre Reue gestanden hätte, wenn Jochem die von ihm erlittenen Demütigungen ungefiltert an seinem Hund ausgelassen hätte und er in keiner Weise musisch oder intellektuell begabt gewesen wäre.

Holger Twele

 

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