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Ausgabe 138-2/2014

Für die Trauer über den Verlust eines Freundes gibt es kein Ende

Gespräch mit Bas Devos zu seinem Film "Violet"

(Interview zum Film VIOLET)

Bas Devos wurde 1983 im flämischen Zoersel (Belgien) geboren. Von 2005 bis 2009 hat er vier Kurzfilme realisiert und auch als Theaterregisseur und Lichtdesigner gearbeitet. "Violet" ist sein Langfilm-Debüt und feierte im Wettbewerb von Generation 14plus bei den Internationalen Filmfestspielen Berlin 2014 Premiere. Die Internationale Jury von Generation 14plus zeichnete den Film mit dem Großen Preis für den besten Langfilm aus.

KJK: Der Film beginnt mit der Video-Überwachung eines Einkaufszentrums. Den Gewaltakt sieht man nur durch die Überwachungskameras. Warum wählten Sie dies als Beginn?
Bas Devos: Es gibt mehrere Gründe für diesen Ausgangspunkt. Der wichtigste Grund für mich lag darin, dass dadurch ein anderer Blick auf die Realität entsteht. Es ist eben etwas anderes, ob man Augenzeuge eines Ereignisses ist oder ob man es auf dem Monitor einer Überwachungskamera sieht. Der Blick wird gelenkt und gefiltert. Ich bin sehr daran interessiert, auf unterschiedliche Weise auf Bilder zu reagieren. Wie wirken sie auf uns und was lösen sie beim Betrachter aus. Ich wollte bei meinem Film von Anfang an erreichen, dass die Zuschauer auf diesen Überwachungshype reagieren. Der zweite Grund ist, dass die Gesellschaft längst daran gewöhnt ist, solche Gewalttaten in Videoaufzeichnungen zu sehen. In meinem Film sieht man die Gewalttat auch nicht, da sind Kameras mit verschiedenen Perspektiven auf das Geschehen, aber von der Gewalt sind immer nur Teile sichtbar. Und trotzdem passiert es ja, es ist ein Film über Beobachtung und Wahrnehmung. Der Film beginnt mit dieser Tat und am Ende taucht alles in weißen Nebel ab, er verschwimmt und verschwindet.

Die Nebelschwaden kommen ins Bild, bis nichts mehr zu sehen ist. Ist es der Nebel des Vergessens?
Die Idee mit dem Nebel hat mich fasziniert, weil es die Geschichte wegträgt und die Bilder lösen sich auf, als ob man Zucker in eine Tasse mit Tee gibt und er sich auflöst.

Eigentlich würde man erwarten, dass auf den Mord an Jonas die Aufklärung folgt, die Polizei ermittelt, die Täter werden gefunden, doch genau darum geht es nicht. Warum haben Sie sich gegen diese Erwartungen und für eine andere Geschichte entschieden?
Das hat mich einfach nicht so interessiert. Ich wollte diese Gewalttat am Anfang, und danach ist der weitere Film ein Kontrast zu diesem Ereignis. Diese üblichen Geschichten von der Ermittlungsarbeit der Polizei sind für mich nicht interessant, weil sie sich außerhalb der Trauer bewegen: Mir geht es nicht um die Typen, die die Tat begangen haben und wie sie überführt werden. Das führt nur weg von der Einsamkeit und der Trauer der Hauptperson. In Mainstreamfilmen geht es immer um die Tätersuche, aber niemals um die Gefühle der Trauer.

Ist das auch der Grund, warum es im Film fast keine Musik gibt?

Ja, das hat damit zu tun, eigentlich liebe ich die Musik und bin in gewisser Weise sogar davon besessen. Aber bei diesem Film wollte ich auf Musik verzichten, denn sie hat oft eine provozierende Kraft. Die Emotionen der Zuschauer sollen durch die Musik gelenkt und verstärkt werden, Musik soll unterstreichen und betonen. Und genau das wollte ich nicht, der Zuschauer soll nicht geleitet werden, jedenfalls nicht durch Musik. Der Zuschauer soll sich öffnen und bereit sein, sich auf den Film einzulassen. Die Zuschauer sollen sich fragen, warum sehe ich das jetzt und was für eine Bedeutung hat das. Ich wollte die Emotionen nicht so wecken, wie sie normalerweise im Kino geweckt werden. Die Zuschauer sollen sie selbst entdecken.

In der Synopsis heißt es, die BMX-Freunde würden sich um Jesse kümmern. Das habe ich anders empfunden: Für mich machen sie weiter wie bisher, für sie war der Mord nicht so einschneidend wie für Jesse.
Na, da gibt es ganz verschiedene Inhaltsangaben zu meinem Film, gute und weniger gute. Mit der zitierten bin ich nicht einverstanden, denn ich wollte doch zeigen, wie wenig es möglich ist, mit jemandem umzugehen, der in tiefer Trauer steckt, denn da entsteht eine große Lücke, die sich nicht überbrücken lässt. Das gehört für mich zu den Dingen, die man nicht klar in einem Film zeigen kann. Es gibt nicht nur Dinge, die nicht ausgesprochen werden, sondern auch welche, die man nicht zeigen kann. Deutlich wird es für mich dadurch, dass die anderen Jungs die Hauptfigur nicht erreichen können, sie finden nicht die richtigen Worte.

Während die Freunde sich weiter mit dem BMX-Fahren beschäftigen, gerät Jesse mehr und mehr in die Isolation. Wie erklären Sie sich die Einsamkeit Ihrer Hauptfigur?
Das Ereignis war für ihn so einschneidend, dass es ihn isolieren musste, selbst wenn andere in dieser Situation nicht so reagiert hätten. Auch wenn es Leute um dich herum gibt, die dir helfen wollen, bleibst du mit dem Schmerz, dem Verlust und der Trauer doch allein. Du musst es mit dir selber ausmachen, du musst einen Weg finden. Und das kann ein langer Prozess sein, manche benötigen Jahre, um über den Verlust eines anderen Menschen hinwegzukommen. Und dass es im Film um einen Jugendlichen geht, hat es für mich noch interessanter gemacht, denn einen Jugendlichen, der allein und auf sich selbst gestellt ist, gibt es in der Regel nicht. Wenn man sich selbst an die Zeit als Jugendlicher erinnert, dann ist das immer eine Zeit, in der man nicht allein ist, man ist mit Freunden unterwegs und hängt in Cliquen herum. Vor allen Dingen sind sie draußen unterwegs und sitzen nicht zuhause. Es ist fast so, als hätten sie keine Persönlichkeit, sie werden nur in Gruppen wahrgenommen. Und die Hauptfigur des Films verliert die Gruppe und ist ganz auf sich allein gestellt – und genau darum ging es mir, einen subjektiven Film zu machen, der diese außergewöhnlichen Momente im Leben zeigt.

Gibt es Bezüge zwischen dem Inhalt der Films und eigenen Erfahrungen?
Ja, in einem ganz allgemeinen Sinn, jeder kennt Gefühle der Trauer, jeder verliert Menschen, das ist schon ein universelles Thema. Aber nicht in dem Sinn, dass ich selbst die Erfahrung gemacht habe, den besten Freund zu verlieren. Wir hören von solchen Gewalttaten in den Medien, aber wir sehen sie nicht in der Realität. Ich brauchte diese Gewalt am Anfang des Films als Auslöser, denn ich war erschüttert von Geschichten, die in Belgien passiert sind. Aus unwichtigen und dummen Sachen geraten Jugendliche in Streit und werden gewalttätig. Und die Medien berichten darüber und machen daraus einen Thriller, die Realität verwandelt sich in Fiktion. Mich beunruhigt sehr, welche Bilder über diese Gewalt verbreitet werden, das ist das Thema des Films. Hier geht es um einen Jugendlichen, der seinen besten Freund verloren hat. Er ist tief verletzt und muss seinen Weg herausfinden, der Film begleitet ihn dabei.

In Ihrem Film herrscht eine Form von Sprachlosigkeit: Jesse kann die Fragen nach den Tätern und der Tat nicht beantworten. Ist das auch ein Beleg für seine Hilflosigkeit, immerhin hat er Jonas nicht geholfen?
Diese Frage habe ich mir niemals gestellt. Ich habe mir nur eine ganz natürliche Reaktion vorgestellt, er ist erschüttert von dem, was er mit ansehen musste, aber er ist nur daran interessiert, Abstand von der Gewalt zu bekommen.

Gibt es Filme oder Regisseure, an denen Sie sich orientieren?
Das ist natürlich ein weites Feld, weil es viele Filme gibt, die mir wichtig sind. Aber konkret für diesen Film wollte ich mit meinem Kameramann, mit dem ich schon vorher zusammen gearbeitet habe, einen eigenen Stil kreieren. Es gibt gegenwärtig zwei Filmemacher, deren Arbeiten mich beeindrucken, wobei sich das auch immer wieder ändert. Zum einen ist das Kelly Reichardt aus den USA, die mit ihren kraftvollen Filmen "Old Joy" und "Wendy and Lucy" bekannt geworden ist. Zum anderen ist das ein halbstündiger Dokumentarfilm, den Tacita Dean über den Maler Edwin Parker gemacht hat. Dieser Film hat mich auf eine Art beeinflusst, die ich nicht erklären kann, es ist ein sehr simpler Film, Tacita Dean zeigt aber mehr, als der Künstler selbst preisgibt. Dieser Film ist wie für mich gemacht, kaum ein anderer wird ihn richtig verstehen können. Das ist mir vorher noch nicht passiert, dass ich von einem Film dermaßen beeindruckt und gefangen war. Ich habe Dinge gesehen, die ich auch immer umsetzen wollte, ich sehe zwischen den Filmen Verbindungen.

Bei den Vorführungen Ihres Films habe ich Leute gesehen, die das Kino verlassen. Diese Zuschauer haben offenbar keinen Zugang gefunden, ihre Emotion war die Verweigerung.

Ja, das liegt aber daran, dass wir sehr stark konditioniert sind, in dem was wir sehen und wie wir darauf reagieren. Wir sehen so viele Filme, die immer die gleichen Wege beschreiten, von denen wir schon sehr früh wissen, wie sie enden werden. Und darüber vergessen wir, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, Geschichten zu erzählen und Emotionen zu wecken. Geschichten haben immer ein Ende, mein Film hat das so nicht, denn für die Trauer über den Verlust eines Freundes gibt es kein Ende. Beim Drehbuchschreiben habe ich mir den Film wie ein Feuerwerk vorgestellt, am Anfang gibt es eine Explosion, das ist die Gewalttat, alles was danach kommt, ist nur noch das langsame Verglühen, deshalb hat der Film keine logische Struktur. Trauer und Abschied gehören zum menschlichen Dasein, denn wir müssen uns ständig von Dingen oder Menschen verabschieden, es kann auch der Verlust des Jobs sein oder die Trennung von der Freundin. Wir sind ständig mit Trauer befasst.

Warum trägt Ihr Film eigentlich den Titel "Violet"?
Na, das ist endlich eine Frage, auf die ich mich vorbereitet habe. Für den Titel gibt es drei Gründe: der Wichtigste ist, dass die Farbe violett am Ende des Farbspektrums steht, es ist die letzte Farbe, die wir sehen können, es markiert die Grenze zwischen dem, was wir sehen und was wir nicht sehen. Das ist keine Metapher für den Film, aber ein Hinweis darauf, dass es Dinge gibt, die wir nicht sehen können. Zu den nicht so wichtigen Gründen gehört die Verbindung von "violet" zu "violent" gleich gewalttätig. Und der dritte Grund ist der Song in der Mitte des Films beim Black-Metal-Konzert, der Song der Band Deafheaven heißt "Violet". Lange Zeit hatte der Film keinen Titel, es ist schwer, einen Titel zu finden, der auch ein wenig abstrakt ist.

Interview: Manfred Hobsch

 

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