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Ausgabe 139-3/2014

"Ich wusste, dass ich diese Geschichte mit vollem Herzblut erzählen muss"

Gespräch mit Neele Leana Vollmar, Regisseurin des Films "Rico, Oskar und die Tieferschatten"

(Interview zum Film RICO, OSKAR UND DIE TIEFERSCHATTEN)

Neele Leana Vollmar, 1978 in Bremen geboren, war nach ihrem Abitur bereits als Regieassistentin tätig, bevor sie an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg von 2000 bis 2005 Regie studierte. Für ihren Kurzfilm "Meine Eltern", der im Rahmen des Studiums entstand und auf Festivals weltweit gezeigt wurde, erhielt sie zahlreiche Preise. Auch ihr Abschlussfilm, "Urlaub vom Leben", wurde mehrfach ausgezeichnet und hatte 2006 Kinostart. Es folgte der Spielfilm "Friedliche Zeiten" (2008) nach dem gleichnamigen Roman von Birgit Vanderbeke, den sie zusammen mit Caroline Daube, einer Kollegin von der Filmakademie Ludwigsburg, mit der sie 2008 die Produktionsfirma Royal Pony Film in München gründete, entwickelt und finanziert hat. Ein Jahr später, 2009, entstand unter ihrer Regie die humorvolle Verfilmung des Bestsellers von Jan Weiler "Maria, ihm schmeckt's nicht".
Wir trafen uns mit Neele Vollmar nach der erfolgreichen Münchner Premiere des Kinderfilms "Rico, Oskar und die Tieferschatten" auf dem Filmfest München zum Gespräch.

KJK: Sie stehen bei diesem Film "nur" für die Regie, wie ist es dazu gekommen?
Neele Vollmar: Philipp Budweg von Lieblingsfilm, der die Filmrechte am Buch von Andreas Steinhöfel erworben hatte, fragte mich eines Tages – man kennt sich, München ist klein –, ob ich Lust auf einen Kinderfilm hätte. Daraus ergab sich eine tolle Zusammenarbeit.

Lag bereits ein Drehbuch vor, als die Zusammenarbeit mit Lieblingsfilm begann?
Ja, es war eine der ersten Drehbuchfassungen, die ich zum Lesen bekam. Kurz danach – im Herbst 2011 – war ich mit meinem Mann in Argentinien im Urlaub und nahm die drei Rico-Romane mit auf Reisen. Wir sind durch die Pampa gefahren und ich las meinem Mann im Auto den Roman vor. Beim Lesen hatte ich das starke Gefühl, ich muss das machen, muss das erzählen mit vollem Herzblut, ich bin die Richtige dafür. Auch jetzt im Nachhinein glaube ich, es ist ein Film, der es wert ist, gesehen zu werden. Er bringt Kindern viel, auch den Eltern, er gibt viel mit auf dem Weg. Er macht Mut, eine tolle Botschaft. Oft sind es ja Bilderbuchwelten, die in Kinderfilmen gezeigt werden, bei uns ist es nicht so. Es ist ein raues Milieu, die Mutter ist allein erziehend, aber mit Wärme.

Karoline Herfurth spielt diese Rolle auf unnachahmliche Weise, eine Berlinerin, die das Herz auf dem rechten Fleck hat.

Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn war mir sehr wichtig, dass sie die Wärme ausstrahlt, durch die der Junge jenes Selbstbewusstsein hat. Das er nicht hätte, gäbe es diese Mutter nicht, die ihn mit ihrer Liebe überhäuft und ihm auch etwas zutraut. Er ist sozusagen der Mann im Haus und so behandelt sie ihn auch.

Wie hat sich das Casting gestaltet? Woher kamen die Kinder?
Wir haben Deutschlandweit 800 Kinder angeschaut. Das Wichtige ist, dass sie Lust haben, voller Energie sind, ein Selbstbewusstsein in sich tragen. Und als Anton und auch Juri ins Zimmer kamen, wussten wir bei beiden: das sind die Richtigen! Da es eine Koproduktion der Lieblingsfilm mit der Twentieth Century Fox of Germany war, mussten dann noch alle anderen zustimmen. Wir waren uns fast immer einig. Und wenn wir uns nicht einig waren, ich aber von einer Idee besessen war, konnte ich sie zum Glück davon überzeugen. Es war eine gute Zusammenarbeit.

Was erwarten Sie von den Kindern beim Drehen?
Kinder müssen das Schauspiel-Gen in sich haben. Sie können nicht so wie Erwachsene über ihre Arbeit reflektieren. Deshalb merkt man beim Casting ziemlich schnell, ob es funktionieren könnte oder nicht. Wir hatten das Glück, zwei extrem schlaue Jungs gefunden zu haben, die beide extrem textsicher sind. Das ist sehr hilfreich. Wir konnten auf einem ganz anderen Niveau anfangen. Das war auch eine der Bedingungen, denn sie haben ein großes Pensum an Text. Juri Winkler (Oskar) hatte schon einiges im Fernsehen gemacht, Anton Petzold (Rico) spielt in Dresden am Theater.

Brachten diese beiden schlauen Kerlchen beim Drehen Eigenes ein?
Ja, viel. Ich habe ganz oft gefragt: Wie würdest du es sagen? Dann haben sie es in ihre eigene Sprache umgeformt.

Nach der Münchner Premiere auf dem Kinderfilmfest wurden Sie sehr herzlich von den beiden kleinen Hauptdarstellern umarmt – eine Show fürs Publikum?
Nein! Es ist eine gegenseitige große Liebe geworden, Vertrauen ist auch wichtig, ich meine, dass die beiden mir vertrauen, und ich ihnen vertraue. Dass sie zu mir kommen, wenn es ihnen nicht gut geht, dass sie auch sagen: Ich kann nicht mehr, ich möchte eine Pause.

Schön, dass diese Liebe nicht abrupt endet, dass es weitergeht mit einer Fortsetzung der Abenteuer von Rico und Oskar.

Ja, es geht weiter, aber ich mache nicht den nächsten Film – leider. In vier Wochen beginnen bereits die Dreharbeiten. Ich habe einen eineinhalbjährigen Sohn, und dieser Sommer gehört ihm!

Wie ließ sich die Arbeit an "Rico, Oskar und die Tieferschatten" mit Schwangerschaft und Geburt vereinbaren – für Regisseurinnen eine Gratwanderung.
Das war ein perfektes Timing. Als mein Sohn ein halbes Jahr alt war, fingen die Vorbereitungen für den Dreh an. Ich war ein halbes Jahr zu Hause, dann ging mein Mann ein halbes Jahr in Elternzeit. So sind wir dann zu dritt nach Berlin und Leipzig gegangen. Jetzt aber kann mein Mann nicht ein halbes Jahr Urlaub nehmen.

Sind die Jungen enttäuscht, dass Sie nicht mehr dabei sind?
Nein – sie haben mich schon begeistert angerufen, nachdem sie Wolfgang Groos, den neuen Regisseur, der schon viel mit Kindern gearbeitet hat (u. a. "Die Vampirschwestern", Anm. der Red.), kennen gelernt hatten. Gedreht wird wieder in Berlin und Leipzig, hinzu kommt München. Ich werde die Kinder auch besuchen.

Wo wurden die Drehorte für diesen Kinderkrimi gefunden, das verlassene Abrisshaus, das Wohnhaus in der Berliner Dieffenbachstraße?
Die Dieffenbachstraße sieht leider nicht mehr so aus wie sie im Roman beschrieben ist. Sie ist sehr touristisch geworden, aber die Mohrenapotheke, die im Buch eine große Rolle spielt, gibt es noch. Es ist die Kreuzung, an der sich Rico orientiert. Mir war es wichtig, die originale Dieffenbachstraße im Film zu zeigen – wenn auch nur einen kleinen Teil von ihr. Ricos Wohnhaus haben wir in Neukölln gefunden, dort wurden alle Außenaufnahmen gedreht. Das Haus von innen – also Treppenhaus und auch alle Wohnungen – wurde in Leipzig gedreht. Hier hatten wir das große Glück, ein komplett leerstehendes Haus zu finden, das wir nach unseren Wünschen umgestalten konnten.

Es gibt die Initiative "Der besondere Kinderfilm", wo Originalstoffe gefördert werden sollen. "Rico, Oskar und die Tieferschatten" hingegen ist eine Literaturverfilmung …
Gerade bei Kinderfilmen ist es leichter, wenn man eine Vorlage hat, die die Kinder kennen. Deshalb ist es auch wesentlich schwieriger, Originalstoffe für Kinder zu finanzieren.

Der Kinderfilm spielt ja zunehmend eine starke Rolle. Was ist Ihre Vorstellung von Kinderfilm?
Kinderfilme, die ich mag, sollen den Kindern etwas mit auf den Weg geben, ihre Neugierde beflügeln und sie auch zum Nachdenken anregen. Und natürlich sollen sie auch Spaß und Spannung haben! Ich denke, das trifft für Kinder, aber auch für Erwachsene zu.

Welche Kinderfilme haben Sie geprägt?
Ich erinnere mich an "Aschenputtel" von Karin Brandauer, das war 1989, ich war elf Jahre damals. Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, denke ich an Märchenfilme. Und in den letzten Jahren hat mich der Animationsfilm "Grüffelo" beeindruckt.

Planen Sie weitere Kinderfilme?
Mit  Kindern zu drehen ist eine ganz andere Art des Arbeitens. Bei einem Dreh mit erwachsenen Schauspielern hat man die Möglichkeit, Pläne umzuwerfen und neue zu gestalten. Man kann proben und diskutieren. Auch kann man ganz anders auflösen. Bei einem Dreh mit Kindern hat man wenig Zeit, da sie maximal fünf Stunden am Tag am Set sein dürfen. Sobald sie auftauchen, muss es losgehen. Das ist extrem stressig. Dafür bringen Kinder eine Energie und Leichtigkeit mit ans Set, die ich mir bei anderen Drehs manchmal mehr wünschen würde. Der Wechsel ist das Spannende!

Noch eine Frage zur Musik in "Rico, Oskar und die Tieferschatten", zum Song "Mein Kopf spielt Bingo"…
Neben der Filmmusik, die es gibt, war uns klar, dass wir verschiedene Songs brauchen. Wir recherchierten, ob es irgendwelche Bands gibt, die sowohl Kinder als auch Erwachsene cool finden. Einer der Produzenten, Robert Marciniak, kennt Peter Brugger von den "Sportfreunden Stiller", den er ansprach. Peter hatte Zeit, meinte, er könne sich ja mal eine Woche hinsetzen und sehen, ob ihm was einfällt. Er hat das Lied für den Vorspann komponiert. Dann fanden wir es so toll, dass wir es zudem auch instrumental eingesetzt haben und im Abspann noch einmal.

Und das wunderbare italienische Lied, mit dem Karoline Herfurth ihren Filmsohn Rico in den Schlaf singt?

Das stammt aus einer "Maria"-Connection. Ich fragte Imogen Kusch, die mir bei "Maria, ihm schmeckt`s nicht!" an der Seite stand, nach einem italienischen Schlaflied. Es sollte etwas Besonderes sein.

Das ist es – wie der gesamte Film.

Mit Neele Vollmar sprachen Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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