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Ausgabe 64-4/1995

"Taschendieb"

(Hintergrund zum Film TASCHENDIEB)

Filmdokumentation

Alex' (10) bester Kumpel ist Roos, seine Großmutter, eine patente alte Frau, die nichts mehr fürchtet, als in ein Altersheim gesteckt zu werden. Ihre Angst vor dem Heim ist der Auslöser für die weitere spannende Filmerzählung: Rose wird in ihrem Haus von zwei Jugendlichen überfallen, Alex sieht die beiden gerade noch davonrennen. Die Oma verbietet ihm aber, jemals jemandem davon zu erzählen, aus Angst, ins Altersheim zu müssen, weil sie eben nicht mehr auf sich selbst aufpassen kann. Die Jungen, von denen wir erfahren, dass es sich um zwei Brüder handelt, bedrohen nun ihrerseits Alex, nichts zu verraten, und merken, dass sie in ihm ein leichtes Opfer haben: Mit Schikanen und Schlägen bringen sie ihn soweit, alten Omas Handtaschen zu klauen. Damit ist er straffällig geworden und kann sich jetzt erst recht niemandem mehr anvertrauen. In dem Moment, wo er von sich aus, ohne Bedrohung durch die Jungen, eine blinde Frau bestiehlt, die ihm behilflich war, schlägt seine permanente Angst in Wut und Enttäuschung über sich selbst um – er will keiner "ohne Rückgrat" sein. Der Film endet in einem klassischen Showdown, aus dem Alex als Gewinner hervorgeht.

Erfahrungen

Sonntag Nachmittag beim Kinderfilmfest/Filmfest München: Der Saal ist fast bis auf den letzten Platz besetzt, die Besucher warten gespannt auf den Film "Taschendieb", die Regisseurin Maria Peters ist zur anschließenden Diskussion anwesend. Die Hälfte der Besucher sind Erwachsene, die meisten Kinder zwischen 6 und 12 Jahre – eine kleine Gruppe feiert mit dem Kinobesuch den 9. Geburtstag eines Kindes –, nur ein paar Kinder sind über 12 Jahre alt. Ein weiteres Mal läuft der Film als Schulvorstellung für zwei dritte Klassen (60 Kinder, die meisten neun Jahre alt). Sie kommen verspätet im Kino an und haben kaum Zeit zu verschnaufen, als der Film auch schon anfängt. "Taschendieb" wird in der Originalfassung gezeigt, deutsch eingesprochen.

Die Kinder waren während der beiden Vorstellungen emotional sehr stark beteiligt, es herrschte gespannte Ruhe. In der Nachmittagsveranstaltung waren die meisten mit einem Elternteil da, sie waren also beschützter und nicht so mitgenommen wie die Kinder in der Schulvorstellung. Einige Schulkinder mussten bei den Schlägerei-Szenen wegschauen. Sie haben richtig mitgefiebert, zum Beispiel, ob Alex beim ersten Mal tatsächlich die Handtasche stiehlt: Erleichtertes Aufatmen, als er es zunächst nicht tut. Die Unterhaltungen sind klar auf Alex' Seite: "Die anderen sind gemein", sehr mitfühlend: "Jetzt kann er nicht einschlafen, weil er Angst hat", bis hin zu Ratschlägen: "Ich würde einfach zur Polizei gehen". Ein Mädchen will unvermittelt gehen, interessanterweise während der einzigen spannungsfreien Sequenz, als Alex bei seiner Schulkameradin ist. Es ist die einzige Situation des Films, in der überhaupt gelacht wird. Das Showdown erleben die Kinder als befreiend, sie sehen, Alex wehrt sich und ruft die Polizei an, die Zuschauer wissen jetzt: Es geht gut aus!

Bewertung

Die anschließende Diskussion mit der Regisseurin zeigt, dass die Intention von "Taschendieb" richtig angekommen ist. Von den Kindern kommen Überlegungen, was sie in Alex' Situation tun würden, die Erwachsenen loben die Realitätsnähe des Films. Diesem positiven Urteil kann ich mich nur anschließen: "Taschendieb" ist Maria Peters' erster Film (in 34 Tagen gedreht, der Hauptdarsteller ist ein kleiner Filmprofi), mit erstaunlicher Präzision und ohne übertriebene Effekte sehr stringent und spannend erzählt. Die Geschichte wird dennoch gleichzeitig differenziert dargestellt, indem die Brüder nicht nur als schikanierende Unholde gezeigt werden, sondern einige Sequenzen auch ihren familiären Hintergrund beleuchten – hier sind sie es, die den Schlägen und Demütigungen des Stiefvaters ausgesetzt sind.

Die gespannte Atmosphäre vor allem während der Schulvorstellung lässt sich – neben den gewalttätigen Szenen – auch daraus erklären, dass Alex nicht der positive starke Held ist, sondern einer, um den man Angst haben muss, der in die Enge getrieben wird. Aus dieser Situation wird er den gesamten Film über nicht entlassen, die physische und psychische Bedrohung ist immer präsent. Unter acht Jahren ist "Taschendieb" darum nicht zu empfehlen, bis zehn Jahre auch eher in Begleitung Erwachsener. Aber es ist ein Thema, das Kinder heute immer häufiger betrifft. Dabei kann der Film zur Problemlösung beitragen – schon darum wünscht man ihm, dass er seinen Weg in die Kinos auch außerhalb der Niederlande findet!

Katrin Hoffmann

 

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