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Ausgabe 140-4/2014

DIE BIENE MAJA

Bild: DIE BIENE MAJA
© Universum

Produktion: Studio 100 Media / Buzz Studios / ZDF; Deutschland / Belgien / Australien 2014 – Regie: Alexis Stadermann – Buch: Marcus Sauermann, Fin Edquist, nach einem Roman von Waldemar Bonsels – Animation: Fish Blowing Bubbles – Musik: Ute Engelhardt – Stimmen: Nina Schatton, Jan Delay, Eva-Maria Hagen, Nina Hagen, Cosma Shiva Hagen – Länge: 79 Min. – Farbe/3D – FSK: ab 0 – Verleih: Universum – Alterseignung: ab 5 J.

Drama ohne Action
Die Inhaltsangabe, die der Verleih vorlegt, klingt erst mal aufregend: "Arbeit, Fleiß und Honig – eigentlich ist das Leben einer Biene geregelt, aber nicht mit dem Wirbelwind 'Die Biene Maja'. Neugierig und stets auf der Suche nach Abenteuern bringt sie die Ordnung des Bienenstocks ganz schön durcheinander. Doch plötzlich ist die Aufregung noch größer: Das Gelée Royale ist gestohlen – das Lebenselixier der Bienenkönigin (Eva-Maria Hagen)! Die königliche Ratgeberin Gunilla (Nina Hagen) verdächtigt die Hornissen und hält Maja zudem für deren Verbündete." Hornissen-Feinde noch und noch, dazu ein Monster, das am Ende der Klatschmohnwiese lauert und sich als Vogelscheuche entpuppt.

Trotzdem ist das alles so betulich, banal und uninspiriert inszeniert, dass sich schon bei den Kleinsten nur noch Langeweile einstellt, die auch von der Filmmusik verbreitet wird. Sie ist das Werk der jungen Komponistin Ute Engelhardt, die immer dann, wenn es dramatisch zu werden droht, den Stachel zieht.

Auch sonst demonstriert der Film geradezu exemplarisch den Niedergang des deutschen Animationsspielfilms. Das Resultat ist das Werk eines Komitees (Filmförderer, Fernsehen, Verleih usw.), dem es darum ging, nirgendwo anzuecken. Warum erzählt man eine im Kern aufregende Geschichte, um dann mit aller Kraft gegenzusteuern, bis kaum mehr was vom Drama bleibt? Wer sagt denn, dass sich Kinder im Kino nicht fürchten dürfen? Wenn es dem Initiationscharakter des Märchens dient, wenn es die Figur weiterbringt. So ist allein Vordergründiges und Oberflächliches von Bonsels' Naturmärchen geblieben. Schön allein sind die bunten Backgrounds der Klatschmohnwiese, aber das ist für einen so teuren Film zu wenig.

Die Kriegsgewinnlerin von der Klatschmohnwiese
Spätestens nach dem überraschenden Kinoerfolg des "Kleinen Eisbären" war der deutsche Animationsspielfilm auf ein Zielpublikum von Vorschulkindern abonniert. Damit rangierte er, nicht den Kosten nach, die bei Animationsfilmen ungleich höher sind als bei den meist unterbudgetierten Spielfilmen aus Deutschland, wohl aber in der Reputation, noch unter dem regulären Kinderfilm mit Darstellern aus Fleisch und Blut. Den künstlerischen Tiefpunkt erreichte die deutsche Filmanimation in der in TV und auf der Kinoleinwand ausgewerteten "Mondbär"-Serie nach den Büchern von Rolf Fänger und Ulrike Möltgen, die offenbar in deutschem Auftrag und mit deutschen Geldern in China oder sonstwo hergestellt wurde und die Tierfiguren zu digital aufgeblasenen Luftballons macht: ein Armutszeugnis in Technik und Design. Digitale Software hilft eben nicht immer beim Erreichen künstlerischer Ziele, sondern allenfalls bei der fortwährenden Standardisierung eines Produkts und der Entwicklung stereotyper Charaktere.

So verlor der deutsche Animationsfilm zusehends Publikum. Stationen auf dem Weg nach unten waren "Der kleine Rabe Socke", "Ritter Rost" und "Keinohrhase und Zweiohrküken", die alle nur noch eine halbe Million Besucher erreichten und das auch noch als Erfolg werteten. Um die Legitimität und Förderungswürdigkeit des Genres zu erhalten, waren offensichtlich keine frischen Ideen und neuer Stil gefragt, wie er in den Animationsklassen der Filmschulen auszumachen ist, sondern erprobte Erfolgsfiguren. Inhalt  und Ästhetik sind nebensächlich, weil man kleinen Kindern offensichtlich jeden Mist vorsetzen zu können glaubt. Da der Publikumszuspruch angesichts solcher Ware verständlicherweise rückläufig ist, musste eine Figur her, die über jeden Zweifel erhaben ist: eine deutsche Micky Maus, deren Bekanntheitsgrad kommerziellen Erfolg bei Kindern und deren Eltern garantierte.

Ein Kinderbuch an der Front
Diese Figur wurde vor über hundert Jahren in einem Kinderbuch geschaffen und geistert seitdem auch transmedial durch Funk, Film, Fernsehen, flankiert von vielgestaltigem Merchandising. 1912 erschien Waldemar Bonsels' "Die Biene Maja und ihre Abenteuer. Ein Roman für Kinder" zum ersten Mal. Bonsels hatte das Kunstmärchen, eine Initiationsgeschichte unter Insekten, ursprünglich für seine Söhne geschrieben. Er und sein Verleger rechneten mit keinem großen Erfolg, aber dann lieferte der Feldbuchhandel überzählige Exemplare an die Soldaten im Weltkrieg aus, und bald war die "Biene Maja" an der Front ebenso wie bei den Lieben daheim so bekannt wie Hindenburg und Ludendorff zusammen. 1951, ein Jahr vor seinem Tod, nahm Bonsels darauf in einem Brief an seinen amerikanischen Verleger Bezug: "Nicht ganz ohne Bedeutung ist die Tatsache, dass der erste große Erfolg des Buchs im Kriegsjahr 1915 bei den Soldaten im Feld begann. Diesen Männern, die zwischen Kampf, Tod und Grauen ihr Leben verbrachten, gab das Buch eine Erinnerung an ihre Heimat." Geschildert wurde schließlich, zeitnah, der Kampf des edlen Bienenvolkes (die Biene Maja sucht geradezu den Kontakt mit den Menschen und will alles über sie wissen) gegen schurkische Hornissen. Die kleine Biene, seitdem auf Bestseller-Kurs, wurde eine echte Kriegsgewinnlerin.

1926 gab die Biene ihr Filmdebüt in einem stummen Kulturfilm mit echten Bienen und Insekten. Wolfram Junghans führte Regie, Adolf Otto Weitzenberg stand hinter der Kamera. Albin Grau, der okkulte Motor hinter Murnaus Vampirdrama "Nosferatu", entwarf die Hornissenburg, Bonsels selbst verfasste die Zwischentitel, ohne die die aneinandergereihten Bilder von Bienen, Hornissen und anderen Insekten vollkommen unverständlich gewesen wären.

Trickfilm-Biene von Goebbels' Gnaden
Es schien, dass allein der Trickfilm dem märchenhaften Rahmen und der angestrebten Vermenschlichung der Figuren gerecht werden könnte. 1941 erwarben die frisch gegründete Deutsche Zeichenfilm GmbH und die Ufa eine Option und planten die Realisierung eines animierten "Biene Maja"-Kinofilms in Farbe, in dem der Kampf Bienen gegen Hornissen eine dem aktuellen Kriegsgeschehen geschuldete größere Rolle spielte als vordem. Doch der Mann, den der erklärte Trickfilm-Fan Goebbels mit der Leitung der Zeichenfilm GmbH betraut hatte, Oberregierungsrat Karl Neumann, der von einer leitenden Stelle in einer Wurstfabrik ins Propagandaministerium gewechselt war, war nicht in der Lage, die Produktion durchzuziehen. Millionen Reichsmark wurden versenkt, ohne dass viel dabei herauskam, allenfalls ein farbiger Kurzfilm "Armer Hansi" und ein Überläufer, der dann bei der Defa erschien: "Purzelbaum ins Leben". Das Ziel, Disney auf seinem eigenen Terrain Paroli zu bieten, blieb unerreicht.

Auch ein vom ehemaligen NSDAP-Mitglied Thea von Harbou ("Die Nibelungen", "Metropolis", "M", "Der Herrscher") kurz vor ihrem Tod verfasstes Nachkriegs-Drehbuch ("Der Elfenkönig Oberon und die Biene Maja", 1952) blieb unrealisiert. Als realer Naturfilm wäre es kaum umzusetzen gewesen, allenfalls als Trickfilm. Aber vergeblich streckte die Witwe Rose-Marie Bonsels mehrfach ihre Fühler in Richtung Disney aus, der immerhin zweimal Erich Kästner verfilmte, zuerst über Disneys deutschen Verleiher Herzog-Film, dann über Mittelsleute.

Erschwerend hinzu kamen Bonsels' Parteinahme für die Nazis (trotz einiger Probleme mit dem Amt Rosenberg). Im Vorwort zu seinem Roman "Dositos", den er 1942 als Privatdruck in einer Auflage von 100 Exemplaren an Freunde und NS-Granden verteilte, würdigte er den "gewaltigen und gewaltsamen Anstoß", der durch Adolf Hitler in die Welt getragen worden sei und der nicht nur das Judentum erschüttert habe, "sondern naturgemäß zugleich alles, was in der christlichen Kirche am Judentum krankt".

Die Anime-Biene
Verständlich, dass die Hersteller des aktuellen "Biene Maja"-Kinofilms damit nichts zu schaffen haben wollten. Obwohl Motive aus dem Buch entnommen wurden, haben die Produzenten als Referenzobjekt die bekannte, harmlose und scheinbar über jeden Verdacht erhabene Zeichenfilmserie gewählt, die der damalige Leiter des Kinder- und Jugendprogramms des ZDF, Josef Göhlen, sein zeitweiliger Arbeitgeber Leo Kirch und Apollo-Film Wien nach dem Erfolg von "Wickie und die starken Männer" Mitte der 1970er Jahre in zwei Staffeln à 52 Folgen bei Zuiyo Enterprises (heute Nippon Animation) in Japan in Auftrag gegeben hatten. Eberhard Storeck, ein weiterer Spezialist der Kirch-Gruppe, schrieb die Dialoge. Karel Gott sang das Titellied (im Kinofilm übernimmt die omnipräsente Helene Fischer den Gesangspart): "In einem unbekannten Land vor gar nicht allzu langer Zeit, war eine Biene sehr bekannt, von der sprach alles weit und breit. Und diese Biene, die ich meine, nennt sich Maja, kleine, freche [sic!], schlaue Biene Maja ..."

Um die Charakteranimation der populären Serie auf das absolut Notwendige zu reduzieren, entwarf der Amerikaner Marty Murphy, der für UPA und Hanna-Barbera gearbeitet hatte, die heute noch gültige Version der Biene mit betont einfachen Strichen: eine Ellipse für den Körper, Kreise für Kopf und Augen, Röhren für Arme und Beine, Flügel fertig. Dass dieses Design in der neuen ZDF-Reihe und jetzt im Kinofilm von Studio 100, das die Figurenrechte der Biene Maja und anderer Seriengestalten 2008 von der EM. Entertainment GmbH übernommen hat, und bei M.A.R.K. 13 in Stuttgart 1:1 auf 3D-Animation übertragen wurde, die die Figur wie eine Plastikpuppe aussehen lässt, ist schlichtweg ein ästhetisches Desaster. Ähnlich hässlich sieht übrigens auch der neue 3D-"Wickie" aus.

Rolf Giesen

Empfohlen sei die Lektüre der Dissertation von Harald Weiß: Der Flug der Biene Maja durch die Welt der Medien. Buch, Film, Hörspiel und Zeichentrickserie. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2012.

 

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