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Ausgabe 140-4/2014

„Beim Kinderfilm ist jeder Konflikt, der erzählt wird, existenziell“

Gespräch mit Arend Agthe, Regisseur, Drehbuchautor und Produzent, anlässlich der Verleihung des Ehrenschlingels beim Internationalen Filmfestival für Kinder und junges Publikum "Schlingel" in Chemnitz am 14.10.2014

Interview

Arend Agthe, im Februar 1949 im niedersächsischen Rastede geboren, studierte Theaterwissenschaft und Germanistik in Marburg und Frankfurt am Main. Ab Ende der 1960er-Jahre gehörte er zur "Gruppe Arnold Hau" um die Satiriker, Lyriker und Zeichner F.W. Bernstein, Robert Gernhardt und F.K. Waechter und realisierte zusammen mit Bernd Eilert zahlreiche humoristisch-satirische Kurzfilme, wie "Der Klauer" oder "Die Milchkännchen Trilogie". Im Rahmen der Gruppe Arnold Hau entstand 1981 der abendfüllende Spielfilm "Das Casanova-Projekt". Mitte der 1970er-Jahre wandte sich Arend Agthe als Filmemacher dem jüngeren Publikum zu und begann, für verschiedene Sendungen im Kinderfernsehen zu arbeiten.

KJK: Herr Agthe, beginnen wir mit der "Gruppe Arnold Hau". Sie waren ja mehr als zehn Jahre jünger als F.W. Bernstein, Robert Gernhardt und F.K. Waechter. Wie haben Sie die Gruppe kennen gelernt?
Arend Agthe: Als Bernd Eilert und ich zusammen Abitur machten, kam ein Buch unter dem Titel "Die Wahrheit über Arnold Hau" heraus. Diese satirische Biografie eines fiktiven Autors namens Arnold Hau fanden wir Oberschüler „total irre“ und wollten ein Theaterstück daraus machen, es also umschreiben für die Bühne. Uns schwebte so eine Art literarisches Varieté vor. Das haben wir zu Beginn unseres Studiums in Marburg an der Studiobühne realisiert. Wir hatten das Stück auf der Grundlage dieser "Hau"-Texte geschrieben und mussten uns von den Autoren dazu die Erlaubnis einholen. Dadurch kam der Kontakt zu Bernstein, Gernhardt und Waechter zustande und dann haben wir zusammengearbeitet.

Der erste Film "Der Klauer" ist 1969 entstanden, noch im Rahmen dieser Theaterinszenierung.
Ja, der Film hat auf den Kurzfilmtagen in Oberhausen die "Lobende Erwähnung der Filmkritik" bekommen. Ich habe damals meine erste Co-Regie geführt und stand hinter der Kamera. Man muss dazu sagen, dass es damals eine Blüte des Kurzfilms in der Bundesrepublik gab. Jeder, der eine Kamera halten konnte, machte zu dieser Zeit Kurzfilme.

Bis Mitte der 1970er-Jahre haben Sie ausschließlich Kurzfilme gedreht?
Ja, ausschließlich. Mehr war finanziell auch nicht drin. Wir haben unsere ersten 15 Kurzfilme alle aus eigener Tasche finanziert. Ich bin dann von Marburg nach Frankfurt gegangen und habe mein Examen als Deutschlehrer für die Sekundarstufe 2 gemacht. Das war wichtig für meine Mutter, die meinte, ich sollte etwas Anständiges lernen und Lehrer werden. Aber mein Wunsch war es, weiterhin Filme zu machen. Das hat auch geklappt, weil zeitgleich die vielen Vorschulsendungen im Fernsehen entstanden, also die deutsche "Sesamstraße", die "Sendung mit der Maus" und "Das feuerrote Spielmobil". Es gab einen großen Bedarf an Drehbüchern, Ideen und Stoffen, und das kam mir als Kurzfilmvorgebildeten sehr zupass. So habe ich ab 1976/77 für die deutsche "Sesamstraße" einige Formate mit Kindern im Vorschulalter entwickelt, geschrieben und gedreht.

Wie war das für Sie, nach den satirischen Arbeiten für Erwachsene nun Kurzfilme für Kinder zu machen? Gab es da ein Umdenken?
Ich habe immer versucht, die Welt aus den Augen eines Kindes zu sehen. Das heißt für mich, neugierig zu sein, Fragen zu stellen und miteinander ein Stück Spiel in den Alltag einzubringen.

Sie haben auch viele Folgen für das "Sandmännchen" gedreht und später auch "Löwenzahn".

Bei meiner Arbeit für "Löwenzahn" habe ich am besten gelernt, was Filmregie ist. Ich gehörte ja ab 1979 zu den ersten Regisseuren dieser Sendereihe mit Peter Lustig und habe bestimmt an die 50 Bücher geschrieben und ebenso viele Filme inszeniert. In dieser Zeit habe ich, denke ich, das Rüstzeug für das Filmemachen gelernt. Das ging so lange, bis ich eines Tages sagte: Jetzt ist es Zeit, einen ersten Kinofilm zu wagen. Das war "Flussfahrt mit Huhn".

Zwei Jahre später, also 1985, kam bereits "Küken für Kairo" in die Kinos.

Ja, und danach kam "Sommer des Falken", der eine Bundesfilmpreisnominierung erhielt.

Welcher Ihrer Filme liegt Ihnen am meisten am Herzen?
"Karakum". Was mir bis heute an diesem Film gefällt, ist seine Geradlinigkeit, diese klassisch gesetzte Situation: Zwei Kinder aus unterschiedlichen Kulturkreisen sind in der Wüste auf sich allein gestellt. Leider hatte ich mit diesem Film auch viel Pech. Er feierte ja seine Premiere auf der Berlinale, bekam den 1. Preis der UNICEF und wurde dann gut ausgestattet gestartet. Doch eine Woche nach dem Kinostart ging der Verleih Connexion-Film pleite und der Film flog aus allen Kinos raus.

Nach "Karakum" haben Sie lange keinen Kinderfilm mehr realisiert. Warum?
Der Film, für den ich vier Jahre gearbeitet hatte, strengte mich mehr an, als ich mir selber zugestehen mochte. Ich hatte damals das Gefühl, andere Wege gehen zu müssen und habe deshalb begonnen, für das Fernsehen, vermehrt für Erwachsenenprogramme, zu arbeiten. Trotzdem habe ich den Kinderfilm in dieser Zeit nicht ganz verlassen, habe weiter für "Löwenzahn" geschrieben und für "Siebenstein" inszeniert. Leider hatte sich bei mir nach einiger Zeit eine Ernüchterung eingestellt. Die Geschichten, die mir angeboten wurden, wurden zunehmend lapidarer. Meine Rückkehr zum Kinderspielfilm war dann 2008 mit der Märchenadaption "Dornröschen".

Wodurch unterscheiden sich Ihrer Meinung nach Filme für das erwachsene Publikum und Filme für Kinder?
Beim Kinderfilm ist jeder Konflikt, der erzählt wird, existenziell. Schließlich wird ein Kind in eine Gesellschaft hineingeboren, die es sich nicht ausgesucht hat und stellt schon dadurch alles in Frage. Nicht, dass Erwachsene Dinge nicht auch in Frage stellen würden – aber ich will mal ein Beispiel nennen. Nehmen Sie die Psychoanalyse: Ein Kinderanalytiker muss sich nicht durch so viele Schichten der Neurosen arbeiten, wie es ein Psychoanalytiker für Erwachsene tun muss. Das Arbeiten mit Kindern ist in jeder Hinsicht direkter. Und offener.

Was waren Ihre Maßstäbe, Ihre Intentionen bei der Arbeit für Kinder, was war Ihnen wichtig?
Ich bin in Rastede aufgewachsen, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Ostfriesland mit einem winzigen Kino. Das war meine Rettung, auch wenn es damals noch keine Kinderfilme gab. Dort kam ich aber sehr früh mit den Hollywoodfilmen der 50er- und 60er-Jahre in Berührung. Mit Abenteuerfilmen, mit Western und Seeräuberfilmen beispielsweise. "20.000 Meilen unter dem Meer" mit Kirk Douglas und "Ben Hur" liefen dort und haben mich tief beeindruckt. Ich erinnere mich an eine Disneyproduktion, "Sein Freund Jello". Er hat mich damals als Kind, ich war vielleicht sechs oder sieben Jahre alt, völlig umgehauen. Das war für mich die tiefste seelische Erschüttrrung, die ein Film je ausgelöst hat. Filme können ein so starkes Gesamtgefühl mitgeben, manchmal sind es nur einzelne Szenen, die einen tief berühren, manchmal nur eine Geste oder ein Bild. Diese Erfahrung wurde auch für meine eigene Filmarbeit wichtig: Für Kinder etwas zu erzählen, das in ihrer Augenhöhe und Reichweite liegt und sie deshalb auch trifft.
Ein anderer wichtiger Punkt beim Filmgeschichten erzählen ist für mich die konkrete Utopie; dass die triste Wirklichkeit überwunden werden kann durch etwas, was wir ihr entgegensetzen. Mut, Phantasie zum Beispiel. Meine Grundüberzeugung ist es, dass man aus allen Lebenskrisen herauskommen kann.

Wie haben Sie mit den Kinderdarstellern gearbeitet?
Bei der Arbeit am Drehort ist es wichtig, die Kinder ernst zu nehmen und zwar in ihren jeweiligen unterschiedlichen Bedürfnissen. Sie brauchen ein gutes „Bett“, in dem sie sich wohl fühlen. Nur dann sind sie in der Lage, unangestrengt und offen zu arbeiten. Um zu einem guten Ergebnis zu kommen, muss man außerdem mit den jungen Darstellern vor dem Film proben, um sie die Geschichte in ihrer Kontinuität durchleben zu lassen.

Momentan arbeiten Sie an einem neuen Kinofilm für Kinder. Wie ist die Idee zu "Rettet Raffi" entstanden?
Zuerst war die Filmidee da. Es sollte ein collagenhaft gestalteter Großstadtfilm werden, so etwas wie "Short Cuts" von Robert Altman für Kinder. Dann wurde es zunehmend eine Geschichte, deren Hauptfigur die einzelnen Großstadterlebnisse verbindet. Dann rückte die Suche nach dem kleinen Hamster immer mehr in den Mittelpunkt. Bettina Kupfer und ich haben die Figuren von allen Seiten betrachtet, haben uns Zeit für deren Psychodynamik genommen, bis wir das Gefühl hatten, jetzt stimmen sie. Wir wollten einen Jungen zeigen, der nicht loslässt, dem sein kleines Tier wichtiger ist als alles andere. Uns war wichtig zu zeigen, dass etwas Kleines eine ganz große Bedeutung haben kann. Somit ist die Geschichte eigentlich ubiquitär.

Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
Zurzeit arbeite ich mit Bettina Kupfer an einem Holocaust-Stoff, der in der dritten Generation der jüdischen Opfer, also heute, spielt. Er erzählt von einem Mädchen aus Israel, das durch einen Schüleraustausch nach Deutschland kommt und sich mit ihrer Familiengeschichte konfrontiert sieht. Der aktuelle Antisemitismus hat uns sehr erschreckt. Wir hoffen, mit unserem neuen Stoff etwas dazu beitragen zu können, dass sich dieser grausame Teil deutscher Geschichte nicht wiederholt. Wir werden sehen. Aber erst einmal freuen wir uns darauf, "Rettet Raffi" fertigzustellen.

Mit Arend Agthe sprach Barbara Felsmann

 

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