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Ausgabe 140-4/2014

„Der deutsche Film sollte seinen Blick deutlich mehr auf das Drama des Alltäglichen lenken“

Interview mit Edward Berger zu seinem Film "Jack"

(Interview zum Film JACK)

Der gebürtige Wolfsburger Edward Berger (Jahrgang 1970) studierte Regie an der New York University. Nach dem Studienabschluss 1994 sammelte er erste Erfahrungen als Mitarbeiter bei Projekten unabhängiger US-amerikanischer Produzenten, etwa bei Filmen der Regisseure Ang Lee, Hal Hartley und Todd Haynes. Seit 1997 lebt Edward Berger in Berlin. Seine erste Spielfilmregie übernahm er bei dem Jugenddrama "Gomez – Kopf oder Zahl" (1998), 2001 folgte seine Kino-Romanze "Frau2 sucht HappyEnd". Der Adolf-Grimme-Preisträger 2012 (für "Ein guter Sommer") gehörte zum Regie-Team der herausragenden Fernsehserie "KDD – Kriminaldauerdienst" und arbeitete bei Krimireihen wie "Tatort" und "Polizeiruf 110" sowie "Unter Verdacht". Edward Bergers dritter abendfüllender Kinospielfilm ist "Jack", den er zusammen mit seiner Frau Nele-Müller-Stöfen entwickelte. Aktuell schreibt er wieder gemeinsam mit seiner Frau am Drehbuch von "Die Hoffmanns", sein nächstes Spielfilmprojekt, bei dem er auch Regie führen wird.

KJK: Gab es für das Drehbuch einen realen Fall von Heimkindern, die auf der Suche nach ihren Eltern waren?
Edward Berger: Nein, das ist fiktiv. Aber als ich an einem Sonntag vor vier Jahren mit meinem Sohn im Garten Fußball spielte, ging draußen ein kleiner Junge mit einem Schulranzen vorbei. Er winkte meinem Sohn zu und marschierte dann weiter die Straße hinab. Ich hakte nach, bis mein Sohn mir erzählte, dass das ein Junge aus seiner Klasse war, der Freitag abends zu seiner Mutter ging, um am Sonntag wieder ins Heim am Ende unserer Straße zurückzukehren. Der Junge strahlte so eine positive Kraft aus, dass mich dieses Bild einfach nicht mehr losgelassen hat. Über so einen Kerl wollte ich einen Film machen.

Ihr Film wurde als ein Werk über Straßenkinder angekündigt, ich finde dies ein wenig irritierend, denn Jack und sein Halbbruder leben nur eine begrenzte Zeit auf der Straße. Hatten Sie bei den Recherchen zu Ihrem Film auch zu Kindern Kontakt, die ständig auf der Straße leben?
Es ist mir nicht bewusst, dass "Jack" als ein Film über Straßenkinder angekündigt wurde. Ich habe auch keinen Einfluss darauf, wie die Presse den Film ankündigt. Für mich war es jedenfalls nie ein Film über Straßenkinder oder vernachlässigte Kinder, sondern immer ein Film über die Kraft eines Kindes. Jack ist ein Junge, der – egal wie schlimm die Situation gerade steht – niemals aufgibt. Davor habe ich großen Respekt.

Bei den Figuren Ihres Films ist mir aufgefallen, dass Sie eigentlich niemanden diskriminieren: Sie haben für die junge Mutter, die die Kinder vernachlässigt, ebenso viel Verständnis wie für die anderen Erwachsenen, die alle sehr mit sich beschäftigt sind und für Jack und seinen Halbbruder höchstens begrenzte Aufmerksamkeit haben. Warum haben Sie auf deutlichere Hinweise der Kinderfeindlichkeit verzichtet?

Weil es darum im Film nicht geht. Erstens wollte ich keine Mutter, die dem Klischee entspricht. Keine alkoholsüchtige, drogenabhängige Frau, die im Hochhaus wohnt. Ich wollte eine tolle Frau, die wir mögen können, die ihre Kinder über alles liebt, selbst aber noch zu jung ist, um diese große Verantwortung zu übernehmen. Sie ist selbst noch ein Kind. Und was die anderen Figuren betrifft: Ich finde es wichtig, dass man die Handlung eines jeden Charakters versteht und nachvollziehen kann. Jede Figur ist in dem Moment ihrer Begegnung mit Jack in ihrer eigenen Agenda gefangen, so dass sie über ihn hinwegsieht.

Den größten Einspruch, den Ihr Film erfahren hat, lautet immer wieder, dass es nicht möglich sein kann, dass sich zwei Kinder mehrere Tage und Nächte durch Berlin bewegen, ohne dass sie auffallen oder aufgegriffen werden. Ist das Vertrauen in staatliche Organe, die sich schon kümmern werden, aus Ihrer Sicht zu groß?
Ich finde es zumindest naiv. In Berlin schlafen ständig Kinder auf der Straße, ohne dass sie aufgegriffen oder bemerkt werden. Das hat unsere Recherche gezeigt. Kinder werden von ihren Müttern am Wochenende auf die Straße gesetzt, weil sie sich mit ihrem neuen Liebhaber vergnügen möchten. Sie schlafen bei einem Freund oder auch unter der Brücke. Wir sind vielen von diesen Kindern begegnet. Im Übrigen wurden auch unsere beiden Hauptdarsteller während der Dreharbeiten nicht ein Mal von einem Erwachsenen angesprochen, wie sie da mit einem Schlafsack unterm Arm und schmutzigen Klamotten spät am Abend durch die Straßen zogen. Wenn wir das Leben von diesen Kindern beurteilen, sollten wir nicht von unseren eigenen Erziehungsmethoden ausgehen.

Jack ist ein unheimlich starker Junge, stärker auch als viele Erwachsene in Ihrem Film. Aber sind Heimkinder wirklich so stark oder haben Sie das überhöht?
Auch hier ist die Figur natürlich wieder fiktiv. Selbstverständlich kann man das auf eine Vielzahl von Heimkindern nicht übertragen. Kinder brauchen ihre Eltern, die Unterbringung im Heim kann für ein Kind immer nur die letzte Lösung sein, wenn es gar keinen anderen Ausweg gibt. Sicherlich haben auch viele Kinder mit mangelndem Halt aus dem Elternhaus einen Knick im Selbstvertrauen. Aber wie gesagt, die Geschichte basiert auf dem Bild eines Jungen, der diese Kraft hatte. Es gibt diese Kinder, die genau wie Jack an ihr Leben und an die Zukunft glauben, egal was sie bringen mag.

Der Film lief im Wettbewerb der Berlinale und in einer zusätzlichen Vorführung auch bei der Sektion Generation. Ist "Jack" ein Film für Kinder?
"Jack" ist vor allem ein Film für Erwachsene, die aber auch ihre Kinder ins Kino mitnehmen sollten. Ich denke, der Film ist geeignet für Kinder ab circa zehn Jahren. Zumindest zeigt mir das meine Erfahrung von Vorführungen auf Festivals. Ab zehn Jahren fangen Kinder an, sich für unsere Geschichte sehr stark zu interessieren. Der Film ist aber auch toll für Schulklassen.

Ihr Film steht und fällt mit dem Hauptdarsteller: Wie haben Sie den Jungen Ivo Pietzcker gefunden?
Wir haben ihn sechs Monate gesucht. In allen Schulen, Horten, Nachmittagsprogrammen für sozial benachteiligte Kinder, in der Arche und so weiter. Wir waren wirklich jeden Nachmittag unterwegs. Und wie es halt so ist: Ivo haben wir als letztes gefunden. Es war unser letztes anberaumtes Casting. Wir hatten das Gefühl, dass wir mittlerweile jedes zehnjährige Kind in der Stadt kannten und getroffen hatten. Wir waren an dem Punkt, wo man sich nicht mehr sicher war, ob es vielleicht unmöglich sein könnte, einen derartig guten Kinderschauspieler zu finden. Und wenn er an jenem Tag nicht dabei gewesen wäre, dann hätten wir den Film verschieben oder ganz absagen müssen. Am Ende haben wir ihn dann ganz in unserer Nähe gefunden: Er war ein Klassenkamerad der besten Freundin unserer Tochter. Ivo stolperte plötzlich ins Casting, in einem roten Ferrari T-Shirt mit klatschnassen Haaren, denn draußen goss es in Strömen. Er schrie uns bei der ersten Improvisation dermaßen an, dass wir sofort wussten: Dieser Junge hat die Kraft unseres Jack.

Wenn ich zu Ihrem Film "Jack" sage, für mich ist er "Sabine Kleist" reloaded oder "Sabine Kleist 2014". Wissen Sie dann, was ich meine?
Ja, klar. Sabine Kleist ist ein toller Film, den wir selbstverständlich gesehen haben. Im Übrigen schlägt sich da auch ein kleines Mädchen völlig unbehelligt von Erwachsenen durch das damalige Ost-Berlin.

Sie haben für Ihren Film überwiegend eine Kameraperspektive gewählt, die sich auf der Augenhöhe der Hauptfigur Jack befindet. Es gibt immer wieder Filme, von denen es heißt, sie sind aus der Perspektive eines Kindes erzählt, wollten Sie das mit der Kameraperspektive noch verstärken?
Der Film heißt "Jack" und endet mit dem Satz: "Hier ist Jack." Wir wussten von Anfang an, dass alles außer dem Gesicht unseres Hauptdarstellers unwichtig ist. Die Motive, die Stadt, die erwachsenen Figuren oder die anderen Kinder: Alles steht hinter Jack zurück. Es gibt sehr wenig Schnitte und keine Totalen, denn wir wollten dem Zuschauer das Gefühl geben, in unmanipulierter Echtzeit dem Weg dieses Jungen beizuwohnen. Wir wollten ihm keine andere Möglichkeit geben, als sich mit unserem Helden zu identifizieren. Deshalb diese Perspektive.

Haben Ihre Kinder den Film gesehen und was sagen sie dazu?
Meine Kinder sind acht und zwölf. Die Ältere findet ihn toll. Der Jüngere braucht noch ein, zwei Jahre, um ihn wirklich zu verstehen. Aber er hat sich weder gelangweilt noch gefürchtet. Das ist doch schon mal was.

Bei der Berlinale hat es Kritiker gegeben, die haben den Film mit dem Hinweis auf „typische Fernsehbilder“ abgetan. Abgesehen davon, dass das nicht stimmt: Ärgert Sie so ein Stempel „Fernsehregisseur“?

Nein, ich höre da nicht hin, denn ich weiß, dass das nicht stimmt. Mich wundert eher, dass es Kritiker gibt, die die ohnehin beschränkte Sicht der Deutschen aufs Kino auch noch propagieren. Sie müssten es doch besser wissen, denn sie setzen sich tagtäglich mit dem Weltkino auseinander – zumindest sollten sie das tun. Wenn man sich beispielsweise in unserem Nachbarland Frankreich umschaut, sieht man immer wieder Filme, die ihre Geschichte im Alltäglichen suchen, ohne ausgefallene (und aus meiner Sicht häufig ausgedachte) Motive zu bedienen. Claude Sautet ist ein großes Vorbild. Er zeigt Menschen in ihren Häusern und Wohnungen beim Gehen, Essen, Schlafen, Reden, Lachen, und es ist trotzdem großes Kino. Oder Kelly Reichardt aus den USA. Da sucht eine junge Frau neunzig Minuten lang ihren Hund und viel mehr muss in dem Buch nicht passieren, um eine mitreißende Dramaturgie zu entwickeln. Für mich sollten der deutsche Film – und somit auch seine Kritiker – den Blick deutlich mehr auf das Drama des Alltäglichen lenken. Da verpassen wir eine große Chance.

Sie haben in den letzten 15 Jahren insgesamt drei Kinofilme und 14 TV-Filme inszeniert. Sehen Sie eigentlich generell für Ihre Arbeit einen Unterschied zwischen Inszenierungen fürs Fernsehen und fürs Kino?
Nein. Ich versuche immer meinen Film zu machen. Ich versuche immer etwas zu lernen. Und ich versuche immer besonders zu sein. Filme, die nur einen Auftrag erfüllen – egal ob fürs Fernsehen oder Kino – interessieren mich schlichtweg nicht.

Wenn ich Ihre Filmografie richtig gelesen habe, gibt es nur wenige Filme, bei denen Sie ausschließlich als Regisseur fungiert haben, meistens haben Sie am Drehbuch mitgearbeitet. Wie wichtig ist es Ihnen, Einfluss aufs Drehbuch zu haben?
Es ist mir sehr wichtig. Ich kann einen Film nur machen, wenn er persönlich für mich ist. Und das hat meistens zur Folge, dass man ihn auch schreiben muss, denn wie soll ein anderer Autor erahnen, was mich in meinem Leben gerade beschäftigt.

Wenn man auf Ihre Website kommt, wird man nicht mit Ihren Arbeiten fürs Fernsehen oder fürs Kino empfangen, sondern mit Werbespots, die Sie gedreht haben. Wie wichtig ist Ihnen die Arbeit an Werbespots?

Auf meiner Webseite sind nur Werbespots, weil ich für Spielfilme keine brauche. Bei einem Spielfilm schreibt man das Drehbuch und zieht dann los, um ihn zu finanzieren. Dazu brauche ich kein Forum, auf dem ich Arbeitsproben zeige. Ich gehe auch davon aus, dass kein Leser meiner Drehbücher auch nur jemals meine Webseite besucht hat. Die Webseite ist rein für die Werbung, in der ich mich ausprobieren und zusätzliches Geld verdienen kann. Geld, das mir die Freiheit kauft, meine Filme genau auszuwählen und auch mal ein paar Jahre länger an meinem nächsten Kinofilm zu schreiben.

Das Interview führte Manfred Hobsch

 

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