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Ausgabe 64-4/1995

DIE PRINZESSIN AUF DER ERBSE

Prinzessa Na Goroschinge

UdSSR 1976. Produktion: Zentrales Studio für Kinder- und Jugendfilme Maxim Gorki, Moskau. Regie: Boris Ryzarew. Buch: Felix Mironer. Kamera: Wjatscheslaw Jegorow, Alexander Matschilski. Musik: aus Werken von Antonio Vivaldi. Darsteller: Innokenti Smoktunowski (König), Alissa Frejndlich (Königin), Andrej Podoschjan (Prinz), Irina Malyschewa (1. Prinzessin), Irina Jurewitsch (2.Prinzessin), Marina Liwanowa (3. Prinzessin), Swetlana Orlowa (4. Prinzessin), I. Kwascha (Troll). 87 Min. CinemaScope. Farbe. FSK: o. A. – Früherer Titel: "Prinzessin gesucht"

Es war einmal eine Burg in dunkler Nacht, über der ein fürchterliches Unwetter tobte. Vom Blitz erhellt, kann man ein Schild am Schlosstor lesen: "Prinzessin gesucht". Doch bislang hat diese Kontaktanzeige noch keinen Erfolg gebracht, und am Kaminfeuer streiten König und Königin. So werde das nie was, beharrt der König, denn: "Prinzessinnen laufen einem nicht zu. Man muss sie erkämpfen, erobern und rauben." Da klopft es an der Tür und ein völlig durchnässtes Mädchen begehrt Einlass und behauptet, sie sei eine Prinzessin. Der König aber ist nicht überzeugt, und er schickt seinen Sohn noch am nächsten Morgen los.

Im ersten Schloss soll es eine liebreizende Prinzessin geben. Die jedoch ist ein arrogantes verzogenes Gör, zunächst von seinen Geschenken (einer Rose und einer Nachtigall) zwar begeistert, die ihm aber bald den Rücken zuwendet. Denn diese natürlichen Dinge sind für sie nur wertloses Zeug. Da erteilt ihr der Prinz eine Lehre. Er tauscht seine Kleider mit einem Schweinehirten und führt der Prinzessin allerlei hübsches Spielzeug vor, das sie unbedingt haben will. Als Preis fordert er erst 10 und dann 100 Küsse von ihr. Beim 99. Kuss überrascht sie der König und jagt sie aus dem Haus. Nun muss sie doch den Schweinehirten zum Manne nehmen. Im zweiten Schloss begegnet er einer geheimnisvollen Schönheit, die jedem Freier drei Fragen stellt. Wer sie nicht beantwortet, muss sterben. In der folgenden Nacht entdeckt er das Geheimnis der dunklen Schönheit: Sie liebt einen Troll und traut sich nicht, zu ihrer Liebe zu stehen. Am nächsten Morgen beantwortet er zwei Fragen und wieder folgt er ihr in der Nacht. Er wird entdeckt und vom Troll zum Kampf gefordert. Der Troll ist ein verzauberter Prinz, der seine wahre Gestalt erst dann wieder annehmen kann, wenn die Prinzessin öffentlich zu ihrer Liebe steht. Mit einer List verhilft unser Prinz den Liebenden zu ihrem Glück. Er macht sich wieder auf die Reise und begegnet im dritten Schloss einer kunstsinnigen Prinzessin, die den zum Gatten nehmen will, der ihr das unübertrefflichste Kunstwerk darbietet. Allerlei Gecken bewerben sich um diese Ehre und doch erobert der Prinz ihre Gunst mit einer Rose in sonnendurchflutetem Glas. Schon scheint alles perfekt, da taucht ein dunkler, gewalttätiger Ritter auf, der des Prinzen Kunstwerk einfach zerschlägt und die Prinzessin (mit ihrem stillschweigenden Einverständnis) entführt. Enttäuscht kehrt der Prinz nach Hause zurück, wo immer noch die Anzeige am Schlosstor steht. Das Mädchen hat ihm seinen Lieblingskuchen gebacken: "Schade, dass sie keine Prinzessin ist", meint da der König. Aber das lässt sich einfach überprüfen und es folgt die bekannte Probe mit der Erbse unter 20 Matratzen. Und so werden der Prinz und die Prinzessin ein Paar und wenn sie nicht gestorben sind, dann ...

Der versierte Märchenfilmer nahm hier die allgemein wenig beachtete Einleitung von Andersens bekanntem Märchen von der Prinzessin auf der Erbse zur Grundlage seines Films und vermischte sie mit Motiven aus dem "Schweinehirt" und anderen Arbeiten des Dänen. Daraus schuf er einen ungemein unterhaltsamen, zuweilen komischen, dann wieder ernst-düsteren Märchenfilm, dessen Machart und Geschichte Menschen jeden Alters anspricht. Natürlich fehlen auch hier nicht die antifeudalen Töne, die sich sowohl im Dialog, als auch in der Gestaltung der Prinzessinnen finden: Die Erste ist eine versnobte, arrogante, angebliche Kunstliebhaberin, der jedoch der Sinn für einfache, wahre Schönheit abhanden gekommen ist. Wie sonst könnte sie eine Nachtigall und eine Rose hochmütig ablehnen und sich stattdessen für unsinniges Spielzeug erwärmen. Die Zweite traut sich aus Rücksicht auf ihren Vater und die Hofetikette nicht, ihre Liebe zu einem Troll zu gestehen und opfert dafür ohne mit der Wimper zu zucken das Leben anderer Menschen. Erst als der Prinz ihr vormacht, ihr Geliebter sei tot, erkennt sie, was sie anrichtete und steht zu ihrem Troll. Und die Dritte tut nur so feinsinnig: In Wahrheit möchte sie lieber einen raubeinigen Helden als einen kunstsinnigen Prinzen.

So fügte Ryzarew der klassischen Entwicklungsgeschichte vom jungen Mann, der in die Welt zieht, um zu lernen und zu reifen, eine zweite Ebene hinzu. Denn hier werden auch die Prinzessinnen geprüft: Vom Prinzen, aber auch vom Zuschauer. Dieser in vier Episoden unterteilte Märchenfilm bietet intelligente Unterhaltung mit Witz und Tiefgang und manch klugem Spruch. Da meint etwa der Schweinehirt zum Prinzen: "Es ist immer dasselbe. Die Prinzen stehen auf dem Rücken der Schweinehirten." Getragen von der wunderbaren Musik Antonio Vivaldis entwirft Ryzarew geradezu ein Kompendium des Märchenfilms. Da gibt es trutzige Burgen, mutige Helden, schöne Schlösser, arrogante Prinzessinnen, wahre Liebe und am Ende findet der Held, was er in der Ferne suchte, bei sich zu Hause. Im Gegensatz zu "Iwan und Marja" geht es hier aber ernsthafter zu; keine Grotesken, sondern ein echtes Märchen und merke: "Nicht alles, was in den Märchen vorkommt, ist unwahr", wie die Königin so richtig zum König bemerkt. Und wenn am Ende das Königspaar entscheidet, dass zukünftig nicht mehr eine Erbsenprobe, sondern der Charakter der Braut darüber entscheiden soll, ob sie eine wirkliche Prinzessin ist, dann haben auch die Eltern des Prinzen dazugelernt, und die Erbse kommt als Relikt vergangener Zeiten ins Museum.

Lutz Gräfe

 

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