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Ausgabe 66-2/1996

DER SOMMERGARTEN – DIE FREUNDE

NATSU NO NIWA – THE FRIENDS

Produktion: Kitty Films, Japan 1994 – Regie: Somai Shinji – Buch: Tanaka Yozo, nach dem Roman "Gespensterschatten" von Umoto Kazumi – Kamera: Shinoda Noboro – Schnitt: Okuhara Yoshiyuki – Musik: Sergio & Odair Assad – Darsteller: Mikuni Rentaro, Awashima Chikage, Toda Naho, Sakata Naoki – Laufzeit: 114 Min. Farbe – Weltvertrieb: Herald Ace Inc. 5-11-1 Ginza, Chuo-Ku, Tokyo 104, Japan, Tel: 0081-3-3248 1151, Fax: 0081-3-3248 1170 – Altersempfehlung: ab 8 J.

"Die Filme, die ich als Kind gesehen habe, haben mich am meisten geprägt und sie leiten noch heute meine Schritte. Seitdem ich erwachsen wurde, habe ich noch viel mehr Filme gesehen, aber nicht ein einziger davon ist mir so in Erinnerung geblieben. Darum mache ich so gerne Filme für junge Leute. Sie verstehen vielleicht nicht alles, aber ich weiß, dass sie dafür eine Reihe von Dingen verstehen, die die anderen Zuschauer gar nicht sehen." (Somai Shinji)

Als Mitte der 80er-Jahre eine Generation neuer Filmemacher – vornehmlich aus der Super-8-Szene stammend – die japanische Filmszene erneuerte, gehörte Somai Shinji (wie auch Itami Juzo) zu den Ausnahmeerscheinungen dieses jungen, wilden Kinos. Stammte er doch noch aus dem eigentlich schon untergegangenen Studiosystem (er lernte als Regieassistent bei der traditionsreichen Nikkatsu) und bezeichnet sich auch heute noch als "Erbe einer bestimmten Tradition des japanischen Kinos" (Somai Shinji). Dennoch gehörte sein Film "Taifu kurabu" / "Taifun Club" (1984) ganz unmittelbar in den Kontext dieses Kinos, das den schnellen Umbruch der Lebensverhältnisse genauso thematisierte, wie die Unzufriedenheit der Jugend mit den traditionellen Zuständen. Doch hierzulande blieb er weitgehend unbekannt: Sein Regiedebüt "Dreamy Fifteen" (1980) war in der BRD noch nie zu sehen; das eindrucksvolle Jugendporträt "Taifu kurabu" lief nur im Fernsehen, "Tokyo joku irasshaimase" / "Tokio Himmel" (1990), die Geschichte eines Werbemädchens, das als Geist in Tokio umherwandelt, wurde nur vom Japanischen Kulturinstitut Köln gezeigt und "Moving" (1993) war ausschließlich auf dem Filmfestival von Cannes zu sehen.

Wie alle seine vorherigen Arbeiten erzählt auch "Der Sommergarten" seine Geschichte aus der Sicht junger Protagonisten; waren es bisher zumeist Jugendliche oder sehr junge Erwachsene, so sind es hier erstmals Kinder:

Als Yamashita nach drei Tagen von der Beerdigung seiner Großmutter zurückkommt, sind die beiden Schulfreunde Jun und Kawabe ganz neugierig auf seine erste Todeserfahrung. Doch dessen Erzählungen reichen ihnen nicht; sie wollen das ganz genau wissen und am besten selbst erleben. Sie hören von einem alten Mann, der wie ein Einsiedler mitten in einem sterilen Neubaugebiet ein traditionelles japanisches Haus mit einem verwilderten Garten bewohnt. Sie beobachten und verfolgen ihn auf Schritt und Tritt und Denpo Kihachi – grandios, wenn auch zu Beginn etwas übertrieben gespielt vom Altstar Mikuni Rentaro – reagiert äußerst unwillig auf diese ständige Präsenz der Gören; ja er hält sie sogar zunächst für Diebe. Doch langsam schlägt die Freundschaft eine Brücke zwischen den Generationen: Die Jungen helfen dem alten Mann bei Alltagsverrichtungen, bringen erst seinen Garten und dann sein Haus auf Vordermann; und das in den Sommerferien und obwohl sie noch auf die Nachhilfeschule gehen.

So verbringen die drei – die er nur "Sumo", "Brille" und "Knochen" nennt – und der alte Mann immer mehr Zeit miteinander und nach beharrlichem Insistieren der Kinder gesteht er im Taifun (Somai liebt Stürme über alles), was er noch nie jemand erzählte: Im Zweiten Weltkrieg war er an einem Kriegsverbrechen beteiligt, und darum hat er sich nach seiner Heimkehr zurückgezogen. Selbst seine Ehefrau hat er nie mehr wieder gesehen; seine Schuld (er tötete eine schwangere Zivilistin) verhinderte, dass er ihr unter die Augen treten konnte. Klar, dass sich die Jungen auf die Suche nach der alten Frau namens Yayoi machen und sie auch finden; näher als sie dachten, denn sie ist die Großmutter ihrer Lehrerin (man kann Drehbuchzufälle auch übertreiben). Sie verleugnet jedoch ihren Ehemann und bleibt davon überzeugt, dass er als Soldat im Krieg gefallen ist. Inzwischen haben die drei den Alten in ihr Herz geschlossen und ganz vergessen, warum sie ihn kennen lernten. Doch die Zeit lässt sich nicht anhalten, und so finden sie ihn eines Tages tot in seinem Haus. Bei seiner Beerdigung kommt es zu einem sehr anrührenden Moment, als Yayoi sich weinend am Sarg verbeugt und Denpo Kihachi als ihren Ehemann anerkennt. Noch einmal besuchen die Jungen Kihachis Haus, öffnen den so lange verschlossenen Brunnen im Garten, aus dem hunderte von Schmetterlingen in den Himmel schweben: Die Seelen der Verstorbenen treten wieder in die Welt; ein ebenso bewegendes wie typisch japanisches Bild.

Somai mischt auf für ihn typische Weise Tragik mit Witz, Politik mit (Familien-)Melodram und der Moment, wenn Kenpachi seine ganz persönliche Beteiligung an einem Kriegsverbrechen gesteht, ist nicht nur dramatisch inszeniert, sondern in dieser Deutlichkeit außergewöhnlich in der japanischen Filmgeschichte; sieht man einmal von Kobayashis monumentaler Trilogie "Ningen no joken" / "Barfuß durch die Hölle" aus den 50ern ab. Und da die Aufarbeitung dieser Schuld viel zu lange verdrängt wurde, ist es nun an den ganz Jungen, das zu tun, was ihre Eltern (und deren Eltern) so zwanghaft vermieden. Geblieben ist auch die harsche Kritik an der Wirtschaftswundergeneration, die die jungen Regisseure der 80er-Jahre verband: Der Neffe des Alten ist ein habgieriger Mensch, der die Mitteilung, dass nicht er erbt, sondern die von ihm für tot gehaltene Ehefrau, äußerst ungehalten aufnimmt. Dabei bleibt Somai seinem Stil der langen Einstellungen und der sehr mobilen Kamera treu, immer wieder folgt die Kamera in langen Fahrten den Kindern durch den verwilderten Garten, dessen Zauber sie so bewegend einfängt, dass man die Rodung nachgerade zu bedauert. Haus und Garten stehen dabei auch für die Präsenz des traditionellen Japan im modernen, aber auch dafür, wie Modernität Tradition verdrängt; schließlich fällt das Grundstück am Ende den Baggern zum Opfer.

Wenn der Film auch für so manch westliches Auge etwas zu langatmig wirkt, ist er doch ein eindringliches Werk über die Wiederkehr des Verdrängten, die in Japan besonders seit der Abdankung des alten Tenno zu beobachten ist, er war ja immerhin der Hauptverantwortliche für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg war und wurde nach der Kapitulation von den siegreichen Amerikanern aus rein strategisch-politischen Gründen verschont. Aber wie immer bei Somai ist das kein politisches Lehrkino, sondern ein unterhaltsames Melodram, das seine "Botschaft" eher nebenbei vermittelt.

Lutz Gräfe

PS: Die Zitate von Somai Shinji stammen aus einem Porträt von Fréderic Strauss in den "Cahiers du cinéma" Nr. 469 vom Juni 1993. Der Roman "Gespensterschatten" von Umoto Kazumi ist bei Nagel & Kimche in der Reihe "Baobab" erschienen (174 Seiten; 24,80 DM)

 

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