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Ausgabe 66-2/1996

WILLIES KRIEG

WILLIE'S WAR

Produktion: Children's Film Unit (CFU), Großbritannien 1994 – Regie und Buch: Colin Finbow und Mitglieder der CFU – Kamera: Jamie Cairney (17) – Schnitt: Colin Finbow – Ton: Chalie Walker-Wise (16) – Musik: Dave Hewson – Darsteller: Lee Turnball (Willie), Philip Boddy (Zander Basset), Jean Alexander (Kindermädchen), Charles Kay (Captain Basset)- Laufzeit: 73 Min. Farbe – Weltvertrieb: Primetime, Seymour Mews House, Seymour Mews, GB-London W.1., Tel: 0044-181-935 9000, Fax: 0044-181-487 3975 (16 mm) – Altersempfehlung: ab 10 J.

Die Filme der Children's Film Unit gehören seit Jahren zum festen Repertoire des Frankfurter Kinderfilmfestivals. Die meisten davon sind jedoch allein aufgrund ihrer besonderen Produktionsbedingungen interessant und kaum in der Lage, mit dem Rest des Wettbewerbs wirklich zu konkurrieren. Denn in der CFU stehen die Kids nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera. Unter Anleitung des ehemaligen Lehrers Colin Finbow erarbeiten, produzieren und drehen die Kinder und Jugendlichen die Filme in Eigenverantwortung. Mit "Willies Krieg" ist ihnen dabei ein Film gelungen, der ein provokantes Thema erstaunlich professionell und dabei doch frisch und zuweilen originell verarbeitet:

Der 13-jährige Arbeiterjunge Willie wird wegen der Bombardierungen Londons im Zweiten Weltkrieg aufs Land geschickt und vom hochnäsigen "upper class boy" Zander Basset als Spielkamerad ausgewählt. Doch es zeigt sich bald, dass der Klassengegensatz auch zwischen den Kids nicht so einfach zu überbrücken ist. Das Leben auf dem Gut der Bassetts ist bestimmt von militärischem Drill, den Willie instinktiv ablehnt, denn schließlich hat er es dem Krieg zu verdanken, dass sein Vater von zu Hause fort und die kleine Familie allein zurücklassen musste. Willie lernt den auf dem Gut stationierten Soldaten Blake kennen, der froh ist, jemanden zu finden, mit dem er offen über seine Ängste vor dem drohenden Kampfeinsatz sprechen kann. Als Willie im Herrenhaus der Bassets seltsame Geräusche hört, geht er der Sache nach; erst recht, nachdem Zander versuchte, ihn mit der Mär vom Familiengespenst zu ärgern. Denn das Verhältnis der beiden Jungen hat sich nicht gebessert, da half auch kein Boxkampf zur Klärung der Rangordnung; besonders, nachdem Willie auf Zanders Geburtstagsparty viel besser bei den Mädchen ankam als der Gastgeber. Und tatsächlich birgt der Dachboden eine Art Geist: Zanders vom Ersten Weltkrieg traumatisierter Großvater, der von der Familie totgeschwiegen wird, weil einer, der den Krieg nicht verkraftete, so gar nicht zum Stolz der Familie auf ihre militärische Tradition passen will.

Dass Willie nicht völlig vereinsamt, hat er neben Blake dem freundlichen Kindermädchen der Bassets zu verdanken, das allabendlich Essen für einen Deserteur vor die Tür stellt. Dieser entpuppt sich als Willies Vater (schon wieder so ein Drehbuchzufall), der seinem Sohn erklärt, dass er es wichtiger findet, für seine Familie zu sorgen, als für Krone und Vaterland auf dem "Feld der Ehre" zu sterben. Doch gerade als der Junge seinen Vater wieder gefunden hat, wird dieser ausgerechnet von dem übernervösen Blake erschossen, der zum Wachdienst verdonnert war. Dieses tragische Ereignis bestärkt Willie in seiner grundsätzlichen Ablehnung von Militär und Krieg.

Ausgerechnet zum Jahrestag der Befreiung vom Faschismus erdachten, entwickelten und inszenierten die Kinder der CFU diesen Film, der in exemplarischer Weise herausarbeitet, dass auch im (gerechten) Zweiten Weltkrieg Herrschende und Beherrschte durchaus unterschiedliche Interessen hatten. Denn fernab aller hehren (und ehrenwerten) Erklärungen vom Kampf gegen den Faschismus zur Rettung der Demokratie, legt der Film die je nach Klassenzugehörigkeit durchaus unterschiedlichen Motive der Menschen dar, in diesen Krieg zu ziehen. Den Beherrschten bleibt einfach nichts anderes übrig. Sie werden ohne Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten in den Krieg gezwungen. Die Bassets dieser Welt jedoch sehen darin eine Möglichkeit, erneut ihre militaristischen Traditionen zu pflegen und führen sich ansonsten weiterhin wie die Herren des Landes auf: Die landverschickten Arbeiterkinder werden nicht etwa den reicheren Land-Familien zugeteilt; nein, diese suchen sich ihre "Gäste" auf einer Veranstaltung aus, die für die betroffenen Kinder wie ein Sklavenmarkt wirken muss – in einer Reihe aufgestellt, werden sie von den Reichen begutachtet und dann ausgesucht, wofür sie sich auch noch artig bedanken müssen.

In der Verteilung von Sympathie und Antipathie zeigt sich der Film recht entschieden, wenn ihm auch manche deswegen Einseitigkeit und Eindimensionalität vorwerfen werden: Auf der einen Seite das freundliche Kindermädchen, das einem Deserteur hilft; der unwillige Soldat Blake, der aus Angst zum Mörder wird; und nicht zuletzt Willies Vater, dem seine Familie wichtiger ist als das Vaterland. Und auf der anderen Captain Basset, ein arroganter und rassistischer Offizier, der in seinem Sohn schon lange kein Kind mehr, sondern nur den zukünftigen Bewahrer der Familientradition sieht; sowie sein Sohn Zander, der – von dieser Erziehung geprägt – in Willie bestenfalls einen untergebenen Spielkameraden, aber keinen gleichberechtigten Freund sehen kann. In Inszenierung und Spiel ist dieser Film viel geschlossener und professioneller als die anderen Arbeiten der CFU und vermag auch abseits des brisanten Themas zu überzeugen. In einer Zeit, in der das über 60 Jahre alte Tucholsky-Zitat "Soldaten sind Mörder" die Rechten immer noch auf die Palme und Pazifisten vor Gericht bringt, wäre es wichtig, dass dieser aus der Sicht der Kinder erzählte deutliche Antikriegsfilm nicht nur auf ein Festival-Publikum beschränkt bleibt.

PS: In Großbritannien erlebte "Willies Krieg" am 4. Mai 1995 (also vier Tage vor den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus) seine festliche Premiere in Anwesenheit von Prinz Charles, der schon lange zu den Förderern der CFU gehört.

Lutz Gräfe

 

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