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Ausgabe 66-2/1996

"Es reizt mich, Geschichten mit der Kraft des Bildes zu erzählen"

Gespräch mit Lou Brouwers, Drehbuchautor des Films "Der Junge, der nicht mehr sprechen wollte"

(Interview zum Film DER JUNGE, DER NICHT MEHR SPRECHEN WOLLTE)

KJK: Die Geschichte ist näher an der Wirklichkeit als sonst in Kinderfilmen üblich. Der kurdische Freiheitskampf ist mit dem Schicksal eines Jungen verknüpft: Wie wichtig ist Ihnen eine Stellungnahme zum Kurden-Problem?
Lou Brouwers: "Es gibt bei der Kurden-Problematik ganz viele Parteien, aber die politische Parteinahme ist im Grunde nicht so wichtig. Wichtig ist das Schicksal eines Volkes, gespiegelt an den Erfahrungen eines Kindes, denn es bleibt an erster Stelle ein Film über das Schicksal eines Kindes irgendwo auf der Welt, das irgendwo hineingeboren ist und das zu tun hat mit Entscheidungen von Erwachsenen, die zum Teil auch bestimmten Entscheidungen gegenüber machtlos sind. Im Grunde ist das die Essenz einer Geschichte, die wir oft im Kinderfilm sehen können, wie sich ein Kind in der Erwachsenenwelt zurechtfinden muss."

Das Kind muss sich in einer neuen und anderen Welt zurechtfinden, aber dieses Grundmotiv ist hier viel krasser als etwa bei einem Umzug der Familie innerhalb eines Landes, denn hier kommt ja ein Kulturschock hinzu – vom Bergdorf in eine unwirtliche Großstadt ...
"... ja. Ich lebe schon seit zehn Jahren in Berlin und habe auch viele türkische Freunde, in diesem Sinne kenne ich das Problem der Kurden und habe es über Jahre hinweg verfolgt. Und als ich die Figuren für mein Drehbuch weiterentwickelt habe, war es für mich auf einmal ein kurdischer Junge, obwohl es am Anfang mal ein marokkanischer Junge war. Am Anfang war es eine holländische Geschichte, eine gute Freundin von mir in Amsterdam, die Lehrerin in einer Sonderschule ist, hat mir mal erzählt, dass sie einen marokkanischen Jungen in der Klasse hat und der redet nicht. Und das ist immer in meinem Hinterkopf geblieben, ein Junge redet nicht, wahrscheinlich aus Protest. Jahre später habe ich nachgefragt, da hieß es dann, der Junge redet inzwischen, aber es waren viele Psychologen und Therapeuten nötig, um ihn zum Sprechen zu bringen. Ich habe nur die Grundidee entnommen: Ein Junge kommt in eine fremde Welt und spricht nicht mehr – aus Protest, denn was für Möglichkeiten hat ein Kind, sich zu widersetzen?"

Obwohl es natürlich das Radikalste ist, was man tun kann ...
"... genau. Und dann wurde es für mich selbstverständlich ein kurdischer Junge. Es gab für mich noch ein Zeichen, warum diese Geschichte stimmte: Den Kurden wird verboten, öffentlich ihre eigene Sprache zu sprechen – und da ist ein kurdischer Junge, der 'aus eigenem Willen' nicht seine Sprache spricht. In der Fernsehserie, die länger sein wird als der Kinofilm, wird es auch eine Szene geben, in der die Lehrerin den anderen Schülern etwas über die Kurden erklärt und auch sagt, dass die Kurden ihre Sprache nicht sprechen dürfen. In der Fernsehserie hat man viel mehr Zeit, die Geschichte zu erzählen. Im dramaturgischen und filmischen Sinne ist es die Geschichte eines Jungen, wo wir ihn am Anfang in seiner eigenen Umgebung sehen – und plötzlich sitzt dieses Kind vor dem Fenster einer Souterrainwohnung und sieht nur noch Beine, also eine halbe Welt. Dieses Bild vom Souterrainfenster ist die Seele des Films, und es ist auch im psychologischen Sinne ein wichtiger Punkt, denn man muss immer versuchen, dass bei einem Film die Bilder innere Bilder werden."

Das ist hier noch um eine Stufe verschärft, weil der Junge stumm ist, den Bildern kommt eine viel größere Bedeutung zu als in einem "gängigen" Dialogfilm.
"Ja, das ist auch meine Aufgabe als Drehbuchautor, Geschichten in Bildern zu erfinden. Ich habe zum Beispiel überhaupt keine Ambitionen, Romane zu schreiben – das reizt mich nicht. Weil ich früher Dokumentarfilme gemacht habe, reizt es mich, Geschichten mit der Kraft des Bildes zu erzählen. Manchmal leben Filme von einem einzigen Bild. Ich hatte irgendwann die Idee mit der Souterrainwohnung und so hat sich das entwickelt. Über das Fenster begegnet Memo dann auch seinem neuen Freund, so löst sich langsam die Einsamkeit auf und führt am Ende zum Sprechen. Ich bin sehr froh, dass sich mit Ben Sombogaart ein sehr guter Kinderfilmregisseur dieser Geschichte angenommen hat."

Wie sind Sie denn mit dem Regisseur Ben Sombogaart in Kontakt gekommen?
"Das Treatment war fertig und ich hatte eine Drehbuchförderung in Hamburg bekommen, deshalb spielte die Geschichte damals auch noch in der Hafenstadt Hamburg. Aber es war schwierig, die Geschichte in Deutschland zu realisieren, es fanden sich keine Interessenten. Aus meiner Studienzeit an der Filmhochschule kannte ich Ben Sombogaart, aber ich hatte fast nie mit ihm gesprochen. Beim Dokumentarfilmfestival in Amsterdam habe ich ihn getroffen und ihm mein Treatment gegeben, denn man hatte mir gesagt, dass ich das Drehbuch zu einem Kinderfilm verfasst hätte. Als ich die Geschichte geschrieben hatte, war mir das gar nicht so bewusst. Nicht jeder Film, wo ein Kind die Hauptfigur ist, muss auch ein Kinderfilm sein."

Oft sind dies auch Filme über die Kindheit, aber keine Filme für Kinder.
"Diese Unterscheidung ist für mich immer noch ein Problem, ich lasse mich immer noch gerne aufklären, wo der Unterschied liegt."

In diesem Film ist es ganz klar, die Geschichte wird aus der Sicht des Jungen erzählt.
"Ja, auf jeden Fall. Ich habe also Ben Sombogaart das Treatment gegeben und ihn gefragt, was er von dieser Geschichte hält. Später meinte er, dass ihm erst allmählich klar geworden ist, dass er sie ganz schön fand und interessiert wäre. Er hatte die Hamburg-Fassung gelesen und es war seine Idee, dass dieses Schweigen noch ein zusätzliches Geheimnis bekommen müsste. Und so sind wir dazu gekommen, dass der Junge durch das Fenster etwas sieht und später von der Polizei befragt wird, aber nicht darüber redet – dadurch erhält sein Schweigen mehrere Dimensionen."

Der Gewalt in der Heimat steht die Gewalt in Holland gegenüber und Mohammeds Schweigen spiegelt sich in der Flucht des Freiheitskämpfers Kemal ...
"Ich würde ihn gar nicht Freiheitskämpfer nennen, am Anfang ist er ein Asylant, der in einer Textilfabrik in Holland arbeitet und aufsässig wird. Deshalb bekommt er Probleme und wird von der Polizei gesucht. Im Laufe des Films entwickeln sich zwei Figuren, einerseits dieser Kemal, der aufgrund der türkisch-kurdischen Auseinandersetzungen aus seinem eigenen Land geflohen ist und nicht mehr zurück will. Andererseits Memo, der gezwungen wurde, sein Land zu verlassen und wieder zurück will. Am Ende des Films haben sich die beiden genau gegensätzlich entwickelt: Der Kemal will in sein Land zurück, er ist eine Art Freiheitskämpfer geworden. Und Memo hat sich über die Freundschaft mit dem holländischen Jungen in der neuen Welt einen Platz erobert: Er wird von den anderen als Fußballer anerkannt, er soll immer wieder Tore schießen."

Hauptthema Ihres Buches ist die Verpflanzung von Menschen in eine andere Kultur. Überall in Europa leben Flüchtlinge, die dies erleben. Memo hat sich seinen Platz erobert, aber ist das auch eine Lösung?
"Es wäre schön, wenn das in der Wirklichkeit so funktionieren könnte. Und Kinder sind da vielleicht noch flexibler als Erwachsene, die in ihre Rolle hineingewachsen sind und nicht mehr die Fähigkeit haben, über ihren Schatten zu springen. Der Junge im Film lebt uns da auch was vor, auch über die Freundschaft der beiden Jungen wird uns Erwachsenen was vorgelebt. Und die Figur des Kemal lebt die andere, beachtliche Möglichkeit vor: Es gibt in der Heimat etwas zu tun und ich kann dem nicht entfliehen."

Drehbuchautoren führen ein Schattendasein beim Publikum und bei der Filmkritik. Gerühmt wird immer der Regisseur, auch wenn er sich die Geschichte gar ausgedacht hat. Ärgert Sie das?
"Das Wichtigste für mich als Drehbuchautor ist, ob die Geschichte, die ich geschrieben habe, im angemessenen Sinne auf der Leinwand landet. Und dass der Drehbuchautor im ganzen Trubel ein wenig untergebuttert wird, damit muss man sich wohl abfinden. Wenn die Geschichte in Bilder umgesetzt ist, vergisst man, dass es jemals einen Autor gegeben hat, der sie erarbeitet hat, weil die Bilder ein selbständiges Leben führen. Im Allgemeinen wird die Rolle der Drehbuchautoren unterschätzt."

Wollen Sie wieder Drehbücher für Kinderfilme schreiben?
"Das ist meine erste Kindergeschichte und ich habe viel dabei gelernt. Ich hatte auch das Glück, mit einem im Kinderfilm erfahrenen Regisseur zusammenzuarbeiten, und der Lernprozess ist nicht zu Ende. Langsam bekomme ich aber ein Gespür dafür, was sind Kindergeschichten und was nicht. Ich habe ein Buch geschrieben, das vielleicht kein Kinderfilm wird. Es ist die Geschichte eines blinden Mädchens und eines Clowns, eine mehr poetische Geschichte. Das Mädchen verarbeitet über die Begegnung und Abenteuer mit dem Clown ihre Blindheit. Der Bereich des Kinderfilms interessiert mich auf jeden Fall sehr."

Mit Lou Brouwers sprach Manfred Hobsch

 

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