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Ausgabe 53-1/1993

GESTOHLENE KINDER

IL LADRO DI BAMBINI

Produktion: Erre Produzioni / Alia Film / RAIDUE in Coproduktion mit Arena Films und Vega Film, Italien / Frankreich 1991 – Regie: Gianni Amelio – Buch: Gianni Amelio, Sandro Petraglia, Stefano Rulli – Kamera: Tonino Nardi, Renato Tafuri – Schnitt: Simona Paggi – Musik: Franco Piersanti – Darsteller: Enrico Lo Verso (Antonio), Valentina Scalici (Rosetta), Giuseppe Ieracitano (Luciano) u. a. – Länge: 110 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Pandora Film (35mm; DF und OmU) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Zwei Kinder und ein junger Carabiniere durchqueren Italien von Nord nach Süd – die widerwillig angetretene Reise wird zu einer wichtigen sozialen Erfahrung. Die Geschichte beginnt in einer der tristen Neubausiedlungen am Rande von Mailand. Dort leben – gleich vielen anderen aus dem Süden des Landes Zugewanderten – Rosetta, elf Jahre alt, und deren neunjähriger Bruder Luciano. Der Vater hat die Familie verlassen, von der Mutter ist die Elfjährige zur Prostitution angehalten worden, bis die Polizei eingreift, die Mutter verhaftet und beide Kinder in öffentliche Fürsorge gibt.

Mit dem Auftrag, die Kinder nach Civitavecchia in ein Heim zu bringen, werden zwei junge Carabinieri losgeschickt. Sie übernehmen nur widerstrebend – weil wieder einmal die Sozialarbeiter fehlen – die Begleitung der Kinder. Einer entledigt sich schon in Bologna seiner Pflicht, steigt aus dem Zug aus und gibt seinem Kollegen Antonio noch gute Ratschläge mit auf den Weg. Der lässt sich durch das abweisende Verhalten der beiden Geschwister jedoch nicht davon abhalten, seine Fürsorgepflicht ernst zu nehmen. Als sie endlich am Ziel, einem katholischen Kinderheim, angekommen sind, ist die Reise für die drei nicht zu Ende: Wegen Rosettas "Vergangenheit" verweigert man ihnen die Aufnahme in dieses Heim. Antonio, enttäuscht und verärgert, muss mit Rosetta und Luciano nach Sizilien, wo sie geboren sind, weiterfahren. Zu allem Überfluss bekommt Luciano auf dem Rückweg zum Bahnhof einen Asthmaanfall – für die Schwester nichts Ungewöhnliches, für Antonio ein Alarmzeichen.

Rosetta, die einerseits versucht, Antonio mit den Mitteln, die sie gelernt hat, auszutricksen, hat andererseits auch Mitgefühl für den Carabiniere: "Da haben sie dir eine schöne Fahrt aufgehalst – niemand will uns haben!" Er aber sieht am wenigsten die Schuld bei den Kindern selbst und handelt gefühlsmäßig spontan und ganz pragmatisch, indem er die anstrengende Eisenbahnfahrt bei seiner Schwester in Kalabrien unterbricht. Hier, in einer Großfamilie, die sich bei einer turbulenten Festlichkeit im halbfertigen Haus trifft, erleben die Kinder zum ersten Mal auch so etwas wie Geborgenheit. Doch die Fröhlichkeit, die auf den Kindergesichtern sichtbar wird, währt nicht lange. Auch hier werden sie wieder von dem Fluch ihrer Vergangenheit eingeholt, da die Zeitungen inzwischen über den Fall der elfjährigen Prostituierten berichten.

Die Reise – fast schon eine Flucht vor der bedrückenden Realität – geht weiter. Mit der Fähre erreichen sie Sizilien, und jetzt endlich gibt der kleine Luciano sein bis dahin beharrliches Schweigen auf, fasst Vertrauen zu Antonio. War anfangs sein ganzes Verlangen, den Vater zu suchen, sobald er 15 ist, so verspricht er dem jungen Begleiter, der zum Freund wird, dann zu ihm zu kommen. Die Fahrt der drei nimmt immer mehr ferienhafte Züge an: Antonio gönnt den Kindern am Meer, das sie noch nie gesehen haben, eine Ruhepause, bringt Luciano das Schwimmen bei, gemeinsam entdecken sie touristische Sehenswürdigkeiten, freunden sich mit zwei jungen Französinnen an. Durch einen Diebstahlversuch, den Antonio verhindern kann, endet jäh die unbeschwerte Zeit. Auf der Polizeistation wird der Carabiniere zur Rechenschaft gezogen über die vergangenen drei Tage. Ausführung einer behördlichen Anordnung contra spontaner Nächstenliebe. Er wird angewiesen, die Kinder auf schnellstem Wege in das Kinderheim zu bringen. Ob sie dort ankommen, bleibt offen. Auf einem einsamen Platz irgendwo an einer Straße endet der Film mit einer anrührenden Geste: Rosetta legt ihrem Bruder die Jacke um, die ihn vor der Morgenkälte schützen soll.

Anlass zu diesem Film war für Gianni Amelio der Zeitungsbericht über eine Frau, die ihre achtjährige Tochter zur Prostitution gezwungen hatte, dazu ein Foto mit dem kleinen Mädchen an der Hand eines Polizisten auf dem Weg in ein Kinderheim. "Gestohlene Kinder" macht auf ein tabuisiertes Problem aufmerksam, ohne dieses spekulativ in Szene zu setzen. Knapp und eindringlich verweisen die ersten Einstellungen auf den Tatbestand: Die Mutter in einer engen Wohnküche, ein Mann kommt die Treppen herauf, einem Jungen wird von der Mutter ein 1000–Lire-Schein "Schweigegeld" in die Hand gedrückt, das ängstlich geflüsterte Gebet des Mädchens, die Hand des Mannes auf der Hand des Mädchens, der nachdenklich-feindselige Blick des Jungen. Ob er die Polizei alarmiert, überlässt der Film der Deutung des Zuschauers.

Die präzise Beobachtung von Empfindungen und Verhaltensweisen behält der Film bei, konzentriert sich auf Situationen, die entscheidend sind für den Wandel in der Beziehung von Rosetta, Luciano und Antonio, erhält durch klare Bilder, häufig Großaufnahmen, und Originaltöne Authentizität und Aussagekraft. Sind die Geschwister zunächst sowohl untereinander als auch dem Carabiniere gegenüber feindlich und verschlossen, gewinnt der junge Mann mit seiner vorbehaltlosen Herzlichkeit und Güte das Vertrauen der Kinder. Hinter der harten Fassade, die sie sich als Schutz gegen ihr liebloses Zuhause geschaffen haben, werden Sehnsüchte, Träume und kindliche Bedürfnisse sichtbar. Antonio sieht die Kinder als Opfer ("ihr habt keine Schuld, ihr seid doch Kinder"), hat Mitgefühl und Mitleid mit den Schwachen der Gesellschaft – im Gegensatz zu allen anderen Erwachsenen, mit denen sie auf ihrer Reise zu tun haben. Der Film macht auch die unselige und unverantwortliche Stigmatisierung von Mädchen wie Rosetta bewusst. Und er zeigt ein Italien jenseits der Ferienträume, nämlich ein Land, das aus zerstörter Landschaft und gestörten Beziehungen besteht, "ein apathisches und blindes Italien ... das ein Land geworden ist, in dem solche Werte wie Solidarität und Würde nur noch bei Außenseitern und Randgruppen existieren" (G. Amelio).

Antonio, sympathisch dargestellt von dem aus Sizilien stammenden Theaterschauspieler Enrico Lo Verso, gehört zu den liebenswerten Außenseitern. Die Geborgenheit und Wärme, die er als Junge selbst erfahren hat – wie die rührende Begegnung mit seiner Großmutter zeigt – ist er in der Lage, weiterzugeben, mitmenschlich zu handeln ohne große Worte, das Gute im anderen zu sehen. Diese Eigenschaften haben jedoch in der Bürokratie, in der die Menschen nur noch verwaltet werden, keinen Platz.

In den Gesichtern der Kinder – in ihrem Spiel beeindruckend natürlich: Valentina Scalici als Rosetta und Giuseppe Ieracitano als Luciano – spiegeln sich die psychischen Verletzungen, Skepsis, Traurigkeit und Leere. Genauso werden aber auch Zutrauen, Hoffnung und Glück sichtbar, die die Begegnung mit einem Menschen, der es ernst und gut mit ihnen meint, für sie bedeutet.

"Gestohlene Kinder" ist der vierte Kinofilm des 1945 in Kalabrien geborenen Regisseurs Gianni Amelio. Bereits mit seinem vorherigen Film "Porte Aperte" (1990) konnte er den Europäischen Filmpreis erringen. Nun brachte ihm "Gestohlene Kinder" diesen Preis ("Felix 1992") zum zweiten Mal ein. Außerdem wurde er auf diversen Festivals (Cannes und Locarno 1991) ausgezeichnet – Ehrungen für einen Film mit einer berührenden und ermutigenden Aussage.

Christel Strobel

 

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