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Ausgabe 53-1/1993

HEXEN AUS DER VORSTADT

CARODEJKY Z PREDMESTI

Produktion: Filmstudio Barrandov, CSFR 1990 – Regie: Drahomirá Králová – Buch: Kreta Kursová, Drahomirá Králová – Kamera: Miroslav Cvorsjuk – Schnitt: Dalibor Lipsky – Musik: Jaroslav Uhlir – Darsteller: Lucie Chechová, Tereza Fliegerová, Marie Tomásová u. a. – Länge: 88 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Filmexport Prag – Altersempfehlung: ab 6 J.

Mit dem tschechoslowakischen Kinderfilm hat es seine ganz eigene Bewandtnis: Mit einer beinahe forschen Unbekümmertheit und einer schier ungebändigten Fabulierlust schritten die Filmemacher dieses Landes zur Sache und schufen im wahrsten Sinne des Wortes bezaubernde Werke: mit einem besonderen, oft spröden Glanz, einem ausufernden Witz, der jenseits aller gängigen Clownerie lag und einer – bei aller meist obligatorischen Melancholie – sehr warmen Sinnlichkeit. Verblüffen mag da vor allem der Umstand, dass gerade unter staatlicher Kontrolle solche Produktionen entstanden, die dem Kinderfilm aus der Tschechoslowakei international einen Platz an der Spitze einräumten. Traurig nur, dass es diesen Staatssäckel, aus dem die Filmproduktionen finanziert wurden, so nicht mehr gibt. Und wegen mangelnder Kommerzialität scheuen sich die Privatiers, in das Genre Kinderfilm zu investieren.

Drahomirá Královás Film "Hexen aus der Vorstadt" könnte somit zugleich das Ende einer Epoche markieren oder auch an einen Neubeginn appellieren. Es ist der letzte tschechoslowakische Film, der 1990 mit Staatsgeldern produziert wurde. Was danach kommt, weiß keiner. Doch gerade "Hexen aus der Vorstadt" hat die magische Kraft und die jubelnde Frische, um zu bezeugen, wie wichtig die weitere Existenz des tschechoslowakischen Kinderfilms (auch nach der Teilung des Landes) ist.

Zwei kleine Mädchen, Veronika und Petra, vier und fünf Jahre alt, wirken wie zwei Farbkleckser in ihrer Umgebung. Die Stadt, in der sie leben, ist ein Hochhaus-Dschungel – verschandelt vom ehemals real existierenden Sozialismus; grau, desolat und trist. Wie ein Elixier gegen die Traurigkeit setzt die Regisseurin die beiden Freundinnen ein, um dumpfem Ordnungssinn, menschlicher Verbissenheit und Alltagsstarre ein heftiges Contra entgegenzusetzen. Veronikas und Petras größter Wunsch ist es, das kleine Paradies von zwei schrulligen, warmherzigen Tanten retten zu können: inmitten der Neubau-Schluchten hegen und pflegen die beiden Alten ein üppig blühendes Biotop. Doch die Abrissbirne droht ... Dann entdecken die Mädchen ein zerfleddertes Zauberbuch auf dem Müll und kochen die eigenartigen Rezepte nach. Hier bricht der unkonventionelle Drang der Regisseurin, witzig und phantastisch zu erzählen, ungehemmt durch: Vom verheerenden Chaos in der Küche, das die Zauberinnen veranstalten, bis zum Mini-Fisch, den der Vater von seiner dürftigen Angeltour mitgebracht hat, denn plötzlich ist das zaubergetränkte Tier ein Riesenfisch, der kaum mehr in die Badewanne passt. Beste Komik ist es, wenn die beiden Mädchen (ziemlich überrascht von ihren Künsten) lieber keines der panierten Fisch-Schnitzel essen wollen, die die Mutter von dem gigantischen "Fang" zubereitet hat.

Seinen naiv-enthusiastischen Esprit hält der Film ohne jede Anstrengung durch. Dass die beiden sehr jungen Darstellerinnen nie verkrampft oder unnatürlich erscheinen, beweist, dass Drahomirá Králová sie mit enormer Sensibilität geführt hat. Ohne jemals in die Koketterie abzudriften, spielen die beiden ihre Rollen, als wär's das echte Leben. Dass dabei ein kleiner Schoßhund zum Straßen-Bastard mutiert, bringt sie nicht aus der Fassung. Erst als das Pferd der Tanten zum steinernen Monument wird, finden sie das Zaubern ziemlich bescheuert. Sie lassen ihre Zauberbrühe stehen, die dann versehentlich in dem paradiesischen Garten umkippt ... Als am nächsten Tag ein prächtiger Baum dort steht, ist das Grundstück gerettet. Denn solche edlen Exemplare dürfen laut Gesetz nicht gefällt werden. Dass stattdessen der Beton-Bungalow nebenan weichen muss, stört natürlich nicht. Auch nicht, dass sich die gesamte missgelaunte, kitschverseuchte Nachbarsfamilie in eine Fliegenpilz-Gruppe verwandelt.

Ein Appell ist Královás Film allemal, ein Appell an die Phantasie, an die Liebe zur Natur und an den Mut zur experimentierfreudigen Eigenwilligkeit. Eine vergnüglich überbrachte Botschaft, die auch schon jüngere Zuschauer mit Wonne verstehen werden. Schön wäre es auch, wenn der Film ein Aufruf sein könnte, die Tradition des tschechoslowakischen Kinderfilms fortzuführen und sie nicht so glanzlos dem leisen Sterben zu überantworten.

Katja Nele Bode

 

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