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Ausgabe 69-1/1997

BOGUS

BOGUS

Produktion: Yorktown / New Regency; USA 1996 – Regie: Norman Jewison – Buch: Alvin Sargent – Kamera: David Watkin – Schnitt: Stephen E. Rivkin – Musik: Marc Shaiman – Darsteller: Whoopi Goldberg (Harriet), Gérard Depardieu (Bogus), Haley Joel Osment (Albert), Nancy Travis (Lorraine) u. a. – 110 Min. – Farbe – FSK: o. A. – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Warner Bros. (35mm) – Alterseignung: ab 8 J.

Der siebenjährige Albert muss einen schweren Schicksalsschlag verkraften: Bei einem Autounfall kommt seine Mutter Lorraine, eine temperamentvolle Bühnen-Künstlerin, ums Leben. Da sich in der Künstlerszene von Las Vegas niemand um den verträumten Jungen kümmern kann, wird er von Lorraines schwarzer Jugendfreundin Harriet in New Jersey aufgenommen. Die beiden Frauen sind als Waisenkinder einst bei derselben Pflegefamilie aufgewachsen, haben sich aber über die Jahre auseinander gelebt. Harriet, eine eingefleischte Junggesellin und viel beschäftigte Unternehmerin, fällt es nicht leicht, ihr Leben auf den "geerbten" Jungen umzustellen.

Noch schwerer ist der Wechsel für Albert, der sich in der düsteren Industriestadt Newark an der kalten Ostküste zunächst keineswegs wohl fühlt. Geplagt vom Heimweh, flüchtet er sich in eine Traumwelt. Schon auf der Anreise im Flugzeug verwandelt sich eine hingekritzelte lustige Figur in seiner Phantasie in einen französischen Kauz namens Bogus, den niemand außer ihm sehen kann. Bogus hilft Albert immer dann, wenn er in schwierige Situationen gerät. Als Albert eines Tages in einer Zeitung liest, dass zwei Freunde seiner Mutter in einer nahe gelegenen Stadt gastieren, fährt er auf eigene Faust mit einem Bus dorthin. Die emotional etwas verkümmerte Harriet folgt ihm, muss aber erst von Bogus zum Glauben an die Magie bekehrt werden, ehe sie den schlafwandelnden Albert retten kann, der auf einer Feuerleiter unterwegs ist zu seiner Mutter im Himmel.

"Bogus" bedeutet im Amerikanischen "Schwindel, Täuschung, Humbug, Gaukelei". Als heiterer Gauklertyp ist denn auch die Figur des Film-Bogus angelegt. Regisseur Norman Jewison und Drehbuchautor Alvin Sargent haben die Rolle zugeschnitten auf den französischen Starschauspieler Gérard Depardieu, der trotz seiner 47 Jahre hier mit sichtlicher Spielfreude manchmal wie ein kleiner Junge herumtollt, so zum Beispiel bei einem imaginären Schwertkampf mit Albert. Als eine Art moderner Schutzengel tritt der hünenhafte Mime 46 Jahre nach "Mein Freund Harvey" in die Fußstapfen jenes unsichtbaren Hasen, der in Henry Kosters Filmkomödie über die Kraft der Poesie James Stewart zur Seite steht. Als leibhaftig gewordener Phantasie-Freund des vereinsamten Jungen ist er der dramaturgische Gegenpol zur nüchternen Geschäftsfrau, die Whoopi Goldberg mit verhaltenem Charme spielt. Aus diesem Kontrast bezieht das besinnliche Adoptionsdrama einen Großteil seiner sentimentalen Wirkung.

Der bereits siebenmal zum Oscar nominierte Kanadier Jewison ("Mondsüchtig") gibt gerne zu, dass er wie Albert als kleiner Junge unsichtbare Freunde hatte: "Ich hatte sogar Dutzende in jeder Schattierung, große, kleine, Zwillinge und Drillinge." In Bogus scheut er auch vor kitschigen Wunschtraumszenen nicht zurück, so etwa, wenn Albert von seiner toten Mutter als blondem Rauschgoldengel (gespielt von der deutschen Sängerin Ute Lemper) phantasiert.

Große Ausstrahlung hat auch der kleine Haley Joel Osment, der 1995 für seine erste Kinorolle als Sohn von Forest Gump im gleichnamigen Oscar-prämierten Film den 'Youth in Film Award' gewann. Wer sich gerne von etwas Zirkus-Flair, heiteren Träumereien und einer edlen Botschaft bewegen lässt, ist in dem gefühlvollen Rührstück gut aufgehoben.

Reinhard Kleber

 

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