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Ausgabe 69-1/1997

JENSEITS DER STILLE

Produktion: Claussen + Wöbke Filmproduktion / Roxy Film; Deutschland 1996 – Regie: Caroline Link – Buch: Caroline Link, Beth Serlin – Kamera: Gernot Roll – Schnitt: Patricia Rommel – Musik: Niki Reiser – Darsteller: Sylvie Testud (Lara), Tatjana Trieb (Lara als Kind), Howie Seago (Martin), Emmanuelle Laborit (Kai), Sybille Canonica (Clarissa), Hansa Szypionka (Tom), Matthias Habich (Gregor) u. a. – 112 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – FBW: besonders wertvoll – Verleih: Buena Vista (35mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Caroline Links erster Kinospielfilm "Jenseits der Stille" ist vielleicht ein Glücksfall für den deutschen Film. Zum einen ist er ein besonders gelungenes Beispiel dafür, dass heute deutsche Filmemacher in Deutschland nicht nur Komödien drehen, sondern auch anspruchsvollere und unkonventionelle Kinostoffe publikumswirksam umsetzen können. Zum anderen bildet er für den Großverleih Buena Vista den Start zu einer ganzen Reihe von 1997 ins Programm genommenen deutschen Filmen, die von der Infrastruktur dieses Verleihs profitieren können.

"Jenseits der Stille" verknüpft geschickt die uns fremde Welt der Gehörlosen mit den typischen Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens. Im Mittelpunkt steht Lara, die Tochter taubstummer Eltern, ein aufgewecktes und sensibles Kind, das frühzeitig mit dem Ernst des Lebens konfrontiert wird und – in Umkehrung der normalen Verhältnisse – gewisse Verantwortung für die Eltern übernehmen muss. Denn sie ist das Bindeglied zwischen der lautlosen, der Wirklichkeit entrückten Welt der Eltern und der auf das gesprochene Wort und auf Geräusche fixierten Außenwelt. Während andere Kinder einfach spielen, dolmetscht sie in der Gebärdensprache Geschäftsverhandlungen, kann ihren Eltern umgekehrt freilich auch die Ermahnungen der Lehrerin in einem wesentlich positiveren Licht darstellen. Der Familienfriede bleibt dennoch ungetrübt, bis Lara eines Tages von der Schwester ihres Vaters eine Klarinette geschenkt bekommt und – wie seinerzeit Tante Clarissa – ihre Liebe zur Musik entdeckt. Doch diese Welt bleibt den Eltern verschlossen, und Laras Vater reagiert darauf mit offener Ablehnung, zumal ihn die musikalischen Ambitionen seiner Tochter schmerzlich an die eigene Kindheit erinnern, als er durch Clarissas Klarinettenspiel endgültig vom Leben der geliebten Schwester ausgeschlossen war.

Voller Skrupel und widersprüchlicher Gefühle versucht Lara später, ihren Traum von einer Karriere als Musikerin zu verwirklichen, ständig in der Hoffnung auf ein Zeichen der Anerkennung und des Verständnisses von ihrem Vater – und das lässt auf sich warten. Unterdessen lernt Lara die Liebe und das freie Leben kennen.

Dies ist ein stiller Film mit Beobachtungen, Gesten und Blicken aus dem alltäglichen Leben. Voller Humor und Situationskomik schildert er anhand einer eher ungewöhnlichen Vater-Tochter-Beziehung (die Mutter muss nicht erst noch etwas dazulernen und stirbt bei einem Unfall) den Prozess der Selbstfindung und des Erwachsenwerdens. "Jenseits der Stille" ist kein Problemfilm über die Welt der Taubstummen, aber er bringt uns diese Welt näher, weckt Verständnis, allein schon durch die beredte Sprache der Hände, der im Kino zuzusehen eine wahre Freude ist. Die Rollen der beiden Laras sind ideal besetzt: Tatjana Trieb als etwa neunjährige Lara und die Französin Sylvie Testud (bekannt geworden durch Nico Brüchers Film "Maries Lied") als 18-jährige Lara spielen eindrucksvoll. Beide mussten die Gebärdensprache für den Film extra lernen, im Gegensatz zu den Eltern, die von amerikanischen (Howie Seago) bzw. französischen (Emmanuelle Laborit) Gehörlosen-Schauspielerprofis verkörpert werden. Ein wunderbarer Film für die ganze Familie!

Holger Twele

 

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KJK-Ausgabe 69/1997

 

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