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Ausgabe 69-1/1997

"Wim Wenders ist begnadet im Umgang mit Kindern beim Drehen"

Gespräch mit Yella Rottländer, 32, die vor 22 Jahren in dem Wim-Wenders-Film "Alice in den Städten" die Hauptrolle spielte

(Interview zum Film ALICE IN DEN STÄDTEN)

Über den Film

Für viele ist dieser vierte Spielfilm von Wim Wenders aus dem Jahre 1974 der schönste. Mit aufregender Langsamkeit erzählt er die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft zwischen dem Reporter Felix (Rüdiger Vogler) und dem Mädchen Alice (Yella Rottländer). Am New Yorker Flughafen begegnen sie sich zum ersten Mal. Felix, enttäuscht von seiner Arbeit, nimmt zunächst mehr die Mutter (Lisa Kreuzer) wahr als das Kind. Mit ihr verbringt er eine Nacht im Hotelzimmer, mit dem Kind ist er tagelang unterwegs – unfreiwillig. Die Mutter hat ihm per Notizzettel, den er auf dem Nachttisch fand, die Verantwortung für Alice übertragen. Das Mädchen, spontan, direkt und souverän, lässt Felix keine Zeit, über seine Lebens- und Arbeitskrise nachzudenken. Als die Mutter mit dem nächsten Flugzeug nicht nachkommt, ist Felix ratlos, im Gegensatz zu Alice. Sie zieht ein Foto aus ihrer Tasche, auf dem das Haus ihrer Oma abgebildet ist. Zu ihr, nach Wuppertal, möchte sie gebracht werden. Damit beginnt die Geschichte einer behutsamen Annäherung. Bei der lange Zeit vergeblichen Suche nach dem Haus der Großmutter, das so aussieht wie tausende von Häusern im Ruhrgebiet, entsteht zwischen dem Mann und dem Mädchen eine Beziehung, die in ihrer vertrauensvollen Zuneigung heute – vor dem Hintergrund der Missbrauchs-Debatte – so nicht mehr darstellbar wäre. Aus einer zeitgenössischen Filmkritik: "Die neunjährige Alice, dieses merkwürdig tapfere Kind ..., bringt wieder Leben, Engagement und Emotion in sein dumpfes Dasein. Diese kleine, zarte und kraftvolle Alice wird für diesen empfindsamen, doch verhärteten und verschlossenen Mann zu einer konkreten Utopie auf märchenhaft natürliche Weise." (Siegfried Schober, in "Spiegel" 10/74)

Wir trafen Yella Rottländer in München. Eine engagierte junge Frau, Mutter zweier Kinder. Und noch genauso zart, kraftvoll und überzeugend wie einst als "Alice in den Städten".

KJK: Sie waren ein "Kinderstar" und haben jetzt selbst zwei Kinder, dreieinhalb und sechs Jahre. Wie würden Sie reagieren, wenn Ihre Kinder zum Film wollen?
Yella Rottländer: "Mein sechsjähriger Sohn hatte vor Monaten die Idee für einen eigenen Film geboren, und er redet immer noch darüber. Da ich die Konsequenzen vor Augen habe, verspürte ich erst mal keine Lust dazu. Es ist der innere Spagat, den Erwachsene machen müssen, wenn die Kinder etwas wünschen ... Vor allem verlangt es kontinuierliche Aufmerksamkeit dem Kind gegenüber. Es ist ein Prozess von vielen kleinen Schritten, die Geschichte aufschreiben, Bilder dazu malen, darüber sprechen, wie man Ideen umsetzen kann."

Haben Sie selbst noch mit Film zu tun?
"Bei uns zu Hause spielt Film eine wichtige Rolle, weil mein Mann Filmkritiker ist und mir natürlich das Metier nicht fremd. Ich selbst arbeite aber nicht beim Film, sondern von Zeit zu Zeit am Theater als Kostümbildnerin. Es gefällt mir, dort eigene Welten zu entwerfen."

Hatten Sie nach "Alice" und anderen Kinderrollen den Wunsch, Schauspielerin zu werden?
"Schauspielerei hat mich überhaupt nicht interessiert, bis heute nicht. Ich bin eine Schauspielerin im Alltag, aber das als Beruf auszuüben, kann ich so nicht sehen. Ich versuchte es noch einmal, machte Statisterie bei Edgar Reitz in der 'Zweiten Heimat'. Als sie dort herausbekamen, dass ich die 'Alice' bei Wenders war, interessierten sich auf einmal alle für mich. Dem habe ich nicht standhalten können ... Ich stellte sehr bald fest, dass ich als Erwachsene zu dieser Arbeit vor der Kamera nicht tauge, es öffnet mich nicht."

Wie empfanden Sie es damals, als Hauptdarstellerin Alice, vor der Kamera?
"Das war eine ganz natürliche Arbeit. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich schauspielere. Wim Wenders ist begnadet im Umgang mit Kindern beim Drehen."

Sind Sie nach den Dreharbeiten mit Wim Wenders in Verbindung geblieben?
"Er war eine wesentliche Vertrauensperson für mich. Ich fand es sehr eigenartig, dass alles vorbei war, als ich älter wurde. Da war ich eine heranwachsende Frau in einer anderen Welt, die nichts mit seiner zu tun hat. Erst jetzt haben wir uns in Berlin ein paar Mal getroffen. Ich zeigte auch meine Mappe, nicht weil ich bei ihm arbeiten wollte, sondern weil es für mich ganz schön war zu zeigen, wie mein Leben weitergegangen ist. Die Arbeit mit ihm war ja prägend und kommt immer wieder auf mich zurück."

Waren Sie enttäuscht über Wim Wenders' Rückzug?
"Es war erst mal schmerzhaft für mich, diesen Menschen als Freund verloren zu haben. Ich hatte eine problematische Vatergeschichte, und dies war noch etwas obendrauf."

Wie sind Sie überhaupt zum Film gekommen, wer hat Sie "entdeckt"?
"Das war in den 70er-Jahren in München. Wim Wenders fragte seinen Freund Hark Bohm, ob er nicht ein kleines freches Mädchen kennt. Hark Bohm hatte ein Zimmer in unserer großen Altbauwohnung und versuchte dort ein Drehbuch zu schreiben. Er hatte das Pech, sich in meine Räuberhöhle einquartiert zu haben. Das passte mir überhaupt nicht, ich wehrte mich dagegen – rohe Eier, Reißnägel, alles Mögliche. Deshalb sagte er nur zu Wim Wenders: Ich weiß jemand."

Damals war ja eine allgemeine Aufbruchsstimmung in unserer Gesellschaft, es war die Zeit des Ausprobierens neuer Lebens- und Erziehungsformen. Wie weit hat das in Ihr Leben eingegriffen?
"Ich bin nur mit meiner Mutter aufgewachsen, war in der Freien Schule, da kam alles zusammen. Die Schule war eine Katastrophe, als ich endlich in der Regelschule war, sagte ich: Mama, ich darf lernen. Aber es war für mich völlig normal, etwas mit Kultur, mit Film zu tun zu haben. Da kamen die Kinder von Hark Bohm, die Kinder von Welser-Ude, alle machten irgendetwas Kreatives."

Wie war die erste Begegnung mit Wim Wenders?
"Das war auf dem Land auf einem Bauernhof. Ich war im Heu. Meine Mutter rief mich. Ich sah nur ein riesiges buntes Auto, aus dem jemand mit einem bunten Hemd ausstieg mit einem Cowboyhut auf dem Kopf. Ich bin im Heu sitzen geblieben, und er ist wieder weggefahren. Ich weiß nur, dass dieser bunte Mensch kam und ich dachte: Nein. Dann erinnere ich mich an Testaufnahmen. Anfangs fand ich das komisch, doch bald habe ich die Kamera vergessen, dann war alles selbstverständlich für mich."

Kinder beim Film – wie beurteilen Sie das heute? Ist es Kinderarbeit?
"Ich finde etwas anderes wichtig. Es geht um die Nutzung des Kindes. Filmarbeit ist ein starkes Prägungserlebnis. Man ist konzentriert und man merkt, dass man von den wichtigsten Menschen am Drehort die volle Aufmerksamkeit hat. Man empfindet es als eine ganz intensive Beschäftigung. Meines Erachtens ist es für ein Kind überhaupt nicht zu verstehen, warum das in einem Moment da ist, bei Proben und beim Drehen, und dann nicht mehr. Deshalb spreche ich von Nutzung."

Fühlten Sie sich ausgenutzt?
"Nein, eher verlassen als heranwachsender Mensch, wobei ich sagen muss, dass es nicht nur an einer Seite lag. Ich hatte immer das Gefühl, da ist einer, der mir als Freund verbunden bleibt, aber das war eben mehr ein Gefühl, keine tatsächliche Hilfe. Es ist wichtig, dass man sich der emotionalen Verantwortung bewusst ist, wenn man mit Kindern arbeitet, damit das bei der Filmarbeit gewonnene Selbstwertgefühl erhalten bleibt. Sonst rutscht man aus und weiß nicht warum. Oder man arbeitet sich von einem Film zum nächsten und hat nichts mehr mit der Realität zu tun. Die Entwicklung des tatsächlichen Selbstwertgefühls wird dadurch stark gefährdet."

Wie ging es Ihnen danach? Immerhin hatten Sie eine Hauptrolle bei Wim Wenders. Hatte sich dadurch etwas in Ihrem Alltagsleben verändert?
"Das kam später. Das Fernsehen hatte einen Bericht über Kinderstars gebracht, in dem auch Yella Rottländer als 'Alice' vorkam. Da sprachen mich wildfremde Menschen im Bus an. Und als auf einmal meine beste Freundin nicht mehr zu mir nach Hause kam, war ich unheimlich traurig. Später, wenn ich auf diesen Film angesprochen wurde, der ja immer wieder mal zu sehen ist, hat das unterschiedliche Gefühle in mir ausgelöst. Manchmal sagte ich gar nichts, dachte nur, ich muss mich erst selbst behaupten."

Was halten Sie von der Forderung, die täglich erlaubten fünf Stunden Filmarbeit für Kinder auszudehnen?
"Lieber drei Stunden als fünf, damit das Ganze gar nicht zu große Wichtigkeit bekommt. Aber es geht heutzutage ums Geld. Jeder Drehtag kostet, also versucht man, möglichst schnell und möglichst viel an einem Tag zu erreichen. Schon deswegen könnte ein Film wie 'Alice in den Städten' heute gar nicht mehr gemacht werden."

Wie war das damals – Wim Wenders hat bestimmt nicht auf die Uhr geschaut beim Drehen. Noch heute beim Betrachten des Films "Alice in den Städten" hat man das Gefühl von Zeit und Ruhe, von Gelassenheit und Unangestrengtheit.
"Ich habe keine Ahnung, wie lange der Drehtag damals für mich war. Manchmal war es anstrengend, manchmal hatte ich Hunger. Das Essen war überhaupt wichtig für mich."

Das Wort "Catering" war unbekannt, man aß zwischendurch und überhaupt ging es beim Drehen familiärer zu. Gab es dennoch Stress?
"Nein. Das lag an Wenders' Arbeitsweise. Ich habe nie Texte gelernt, er hat erklärt, was es bedeutet und was ich zu tun habe, von Einstellung zu Einstellung. Zum Beispiel: Jetzt sind wir hier in einem Hotelzimmer, du bist jetzt ganz traurig und Rüdiger (Vogler) erzählt dir eine Geschichte, damit du einschlafen kannst. Ich habe die Story des Films damals nicht begriffen. Es war für mich überhaupt nicht durchschaubar, was ich da machte. Für mich war etwas ganz anderes wichtig – das Zusammenspiel der Leute im Team und wie ich mit den einzelnen zurechtkomme. Rüdiger Vogler war eher ein Kollege für mich, Wim Wenders der Freund und Bezugsmensch."

Gab es eine Kinderbetreuung?
"Ich weiß es nicht. Ich habe es nicht wahrgenommen. Damals hieß es nur: Das ganze Team spielt Fußball oder das ganze Team geht essen. Meine Mutter war übrigens dabei."

Ihre erste Filmerfahrung war eine Rolle in "Der scharlachrote Buchstabe"...
"Ja, das hatte sich positiv bei mir abgesetzt. Deshalb sagte ich ja, als meine Mutter mich fragte, ob ich noch einmal spielen möchte. Nach 'Alice' kam die ZDF-Kinderserie 'Paul und Paulinchen', meine erste 'richtige' Dreherfahrung, mit unendlichen Wiederholungen, Dienst nach Vorschrift, Text lernen. Da war ich etwa elf Jahre und bin unter großen emotionalen Druck geraten. Hinzu kamen Reibereien mit dem Regisseur."

Fühlten Sie sich überfordert?
"Kinder sind unglaublich belastbar. Obwohl sie emotional überbelastet werden, bleiben sie oft ruhig, wirken kräftig, stark und selbstsicher. So sind Kinder eben. Und dann denken die Erwachsenen: Die macht das schon, die kann das."

Ist Ihnen deshalb die Lust am Film vergangen, liegt darin Ihre Skepsis begründet?
"Meine Einstellung dazu: Im Prinzip bin ich eher gegen Arbeit mit Kindern, weil saudumm mit ihnen umgegangen wird. Es mag sein, dass ein Vilsmaier, der selbst Vater von drei Kindern ist, einen ganz anderen Umgang hat. Aber wie beim Fernsehen, in Vorabendserien, mit Menschen umgegangen wird – das ist kein gesundes Klima für Kinder. Das ist ein Vorgaukeln falscher Werte. Da geht es nicht um Menschlichkeit, sondern ums Geschäft. Es gibt so viele schöne andere Beispiele, wo Kinder etwas lernen können durch das, was sie machen. Das sind nicht die Dinge, die in den Medien ihren Niederschlag finden."

Mit Yella Rottländer sprachen Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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