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Ausgabe 70-2/1997

LORENZ IM LAND DER LÜGNER

Produktion: Provobis Film / Video Press / MDR; Deutschland / Luxemburg 1996 – Regie und Kamera: Jürgen Brauer – Buch: Beate Hanspach, Anne Goßens, Jürgen Brauer, nach Motiven der Erzählung "Gelsomino nel Paese dei Bogierdi" von Gianni Rodari – Schnitt: Haike Brauer – Musik: Manuel Karpinski – Darsteller: Fabian Oscar Wien (Lorenz), Mechtild Hönmann (Elise), Marianne Sägebrecht (Martha), Rolf Hoppe (König), Jochen Busse (Minister), Volker Prechtel (Spitzel) u. a. – Länge: 85 Min. – Farbe – FSK: ab 6 – Verleih: Progress (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Lorenz treibt auf einem Floß dahin, an den Lippen seine Mundharmonika, der er fröhliche Lieder entlockt. Kommt eine Flaute, pustet er kräftig ins schlaffe Segel und schon treibt er weiter über die Wellen, hin zu einer unbekannten Küste. Wie alle Kinder im Alter von elf Jahren ist Lorenz neugierig und geht an Land – und sieht Seltsames: Menschen sitzen rücklings auf Pferden und finden offensichtlich nichts Ungewöhnliches daran. Er kommt in ein Städtchen, auf den Marktplatz, wo die Menschen aussehen wie überall. Und doch ist auch hier vieles anders: Sie bezahlen mit falschem Geld, reden krudes Zeug, sagen "ja", wenn sie "nein" meinen, verdrehen alles, weil die Lüge offizielle Amtssprache ist, wie Lorenz und die Zuschauer bald merken. Selbst die Tiere wurden umerzogen, Katzen bellen, Hunde miauen.

Was ist das für ein König, der mit der Lüge regiert? Die Untertanen rebellieren nicht, sondern haben sich eingerichtet im Land der Lüge. Nur Martha gibt nicht auf, ihren Katzen das Miauen beizubringen und sich in dieser verrückten Inselwelt selbst nicht ver-rücken zu lassen. Sie sagt, was sie denkt und nimmt Lorenz, den Fremdling, bei sich auf, auch wenn das Aufnehmen von Fremden meldepflichtig ist. Lorenz verguckt sich in Tante Marthas Nichte Elise, die schnippisch ist, wie alle kleinen heranwachsenden Mädchen, und Lorenz erstmal links liegen lässt. Und doch schaut sie interessiert, wie Lorenz eine blaue Katze auf die Wand malt. Ein Spitzel beobachtet ebenfalls die Szene. Lorenz mit der Puste bläst ihn davon und animiert damit die Katze, von der Wand zu steigen, hinein in den Film zu springen und fortan in die Handlung einzugreifen. Die Geschichte spitzt sich zu, als die Kinder zum Schloss schleichen und dort weitere haarige Ungereimtheiten beobachten ...

Jürgen Brauer (u. a. "Gritta vom Rattenschloss") hat diesen märchenhaften Film realistisch inszeniert. Nach der Buchvorlage von Gianni Rodari schrieben Beate Hanspach und Anne Goßens das Drehbuch. Aus der Idee könnten sich aberwitzige Situationen ergeben, skurrile Wortspiele, auf den Kopf gestellte Wahrheiten. Das gelingt aber nur in Ansätzen. Vor zehn Jahren wäre "Lorenz im Land der Lügner" vielleicht ein hochbrisanter Film gewesen, entstehende Ähnlichkeiten mit einem real existierenden Staat wären alles andere als zufällig. Aber heute wirkt das ein bisschen bieder bis anbiedernd und alles in allem recht brav. Das mag auch an den kindlichen Hauptdarstellern liegen. Lorenz, konzipiert als ein zu groß geratener kleiner Junge mit ungewöhnlichen Fähigkeiten, kommt daher wie ein Schüler aus dem Gymnasium, schlaksig, modisch mit lässiger Lederjacke und zusammengebundenen Haaren. Laut Drehbuch sagt er mehrmals "geil", aber das macht noch keinen kindlichen Helden aus ihm. Auch Elise bleibt farblos. Das ist das Manko nicht nur dieses neuen deutschen Kinderfilms, das passiert auch in "Spur der roten Fässer", in "Dizzy, lieber Dizzy". Man denke dagegen an "Matilda" oder "Hexen aus der Vorstadt" – dort tragen die Kinder den Film, überzeugen in jeder Szene, wachsen hinein und über sich hinaus. Hier bleibt das Spiel hölzern. Hinzu kommt der Drehort Mallorca. Da ist nichts geheimnisvoll oder rätselhaft. Das sommerliche Ferienparadies mit seinem schönen Licht bringt alles an den Tag. Aber auch die Stärken des Films: Marianne Sägebrecht als Martha, die souverän den Part der unbestechlichen mutter-witzigen Bürgerin spielt, furchtlos jeder Anweisung von oben trotzt und Elise und Lorenz Zuversicht und Stärke vermittelt. Und die gezeichnete Katze, die durch den Film purzelt; ihr wilder Tanz am Kronleuchter zum Beispiel ist ein kleines animiertes Glanzstück.

Gudrun Lukasz-Aden

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 74-2/1998 - Interview - "Der Kinderfilm hat ein weltweites Publikum, und von daher gibt es auch einen weltweiten Bedarf"
KJK 70-2/1997 - Kinder-Film-Kritik - Lorenz im Land der Lügner

 

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