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Ausgabe 70-2/1997

DIE STORY VON MONTY SPINNERRATZ

DIE STORY VON MONTY SPINNERRATZ

Produktion: Monty Film / Warner Bros.; Deutschland 1997 – Regie: Michael F. Huse – Buch: Werner Morgenrath, Peter Scheerbaum, nach dem Roman "A Rat's Tale" von Tor Seidler – Puppengestaltung: Hannelore Marschall-Oehmichen – Kamera: Piotr Lenar – Schnitt: Timothy McLeish – Musik: Frederic Talgorn – Darsteller: Josef Ostendorf, Lauren Hutton, Beverly D'Angelo, Jerry Stiller – Länge: 90 Min. – Farbe – FSK: o. A. – Verleih: Warner Bros. (35mm) – Alterseignung: ab 8 J.

Ein Jahr vor ihrem 50. Geburtstag wagt sich die Augsburger Puppenkiste erstmals auf die große Leinwand. Seit 1953 hat das traditionsreiche Marionettentheater mehr als 700 Fernsehsendungen hergestellt und mit Figuren wie Urmel, Kalle Wirsch oder Jim Knopf Generationen von jungen Zuschauern begeistert. Tatkräftige Unterstützung erhielt die Produktionsfirma Monty Film und das Augsburger Team von Warner Bros. Deutschland. In den neuen Studios der Warner Bros. Movie World in Bottrop fand ein Teil der aufwändigen Dreharbeiten statt. Für die Cinemascope-Premiere einigte man sich auf einen Stoff, den die Puppenkiste schon länger in der Schublade liegen hatte, den aber trotz mehrfacher Anläufe kein deutscher Fernsehsender angepackt hatte: den Roman "A Rat's Tale" des New Yorker Autors Tor Seidler.

Im New Yorker Stadtteil Manhattan spielt denn auch der amüsante Puppentrickfilm von Michael F. Huse. In der "Unterwelt" der Metropole sorgt ein fleißiges Rattenvölkchen für Ordnung, indem es die Kanalisation von Müll und Treibgut freihält. Eines Tages jedoch bedroht der skrupellose Immobilienspekulant Dollart das idyllische Tierreich, weil er ein riesiges Parkhaus in die stillgelegten Hafenanlagen bauen will. Und dazu lässt er massenweise Gift versprühen, um die lästigen Ratten zu vernichten. Allerdings hat er nicht mit der Cleverness des Rattenjungen Monty Spinnerratz gerechnet, der gerade die hübsche Präsidententochter Isabella Nobelratz vor dem Ertrinken gerettet hat. Zwar versucht auch eine große Rattenversammlung dem Treiben des Spekulanten Einhalt zu gebieten, indem man Dollars sammelt, um dem Fiesling das Hafenareal abzukaufen. Doch die großspurig verkündete Aktion "Rettet die Ratten" erweist sich als Pleite. Erfolgreicher sind Monty und Isabella: Nach einem Hinweis von Montys Onkel und mit Hilfe des gutmütigen Kanaligators Charon machen sie sich auf die Suche nach der indianischen Zauberpflanze Sambucina, die mit ihren magischen Heilkräften allein die Katastrophe verhindern kann.

Im Gegensatz zu den populären alten TV-Folgen der Puppenkiste treffen die Marionetten bei "Monty Spinnerratz" – vergleichbar den "Muppets"-Filmen – mit realen Menschen in realer Umgebung zusammen. Das nimmt dem Puppenspektakel teilweise den Charme des Naiven, zumal auch statt der guten alten Plastikplanen, die etwa in "Urmel aus dem Eis" das Meer symbolisierten, echtes Wasser in den Röhren schwappt. Erstaunlicherweise "beißen" sich dagegen die stets sichtbaren elf Zwirnsfäden, mit denen jede Rattenfigur bewegt wird, keineswegs mit den hochmodernen Computertricks, die die Wiesbadener Firma Upstart hergestellt hat. Zu den sieben Minuten digital bearbeiteter Passagen zählt u. a. die Szene, in der ein Dampfer hinter dem New Yorker Firmensitz des Immobilienhais vorbeifährt: Der Dampfer existiert nur im Computer und das Gebäude steht in Duisburg.

Zu den Pluspunkten gehört die Synchronisation der putzigen Rattenschar, für die prominente Schauspieler gewonnen wurden. So lieh etwa Klaus Havenstein Onkel Monty seine Stimme; Martin Semmelrogge spricht den Arnie Packratz und Wolfgang Völz den Hugo Nobelratz. Den nachhaltigsten Eindruck gerade bei Kindern hinterließ zumindest bei der Weltpremiere in Bottrop der Tiefbass von Donald Arthur, der den Kanaligator Charon zum heimlichen Star des Puppenensembles erhebt.

Da Puppen sich nicht mimisch, sondern – von der hinzugefügten menschlichen Stimme abgesehen – nur gestisch ausdrücken können, lag der dramaturgische Kunstgriff nahe, die realen Schauspieler übertrieben agieren zu lassen. Hollywood-Stars wie Lauren Hutton und Beverly D'Angelo, aber auch der Hamburger Bühnenschauspieler Josef Ostendorf können da richtig aufdrehen. Ausgehend von der Annahme, die Puppen wirkten realistischer, je grotesker die realen Darsteller agieren, ist die Regie jedoch der Gefahr erlegen, die Darsteller letztlich zu Karikaturen zu stilisieren.

Richtig ärgerlich bei dieser wagemutigen 16-Millionen-Mark-Produktion macht jedoch der harmoniesüchtige Schluss. Dass sich der böse Spekulant durch die Berührung mit der Zauberpflanze urplötzlich in einen lieben, verständnisvollen Softie verwandelt, der sich herzlich bei seinen Rettern bedankt (woher weiß er das bloß?) und selbstverständlich auf den Bau des gewinnbringenden Parkhauses verzichtet, das kann man heutzutage selbst Vorschulkindern nicht mehr weismachen. Überzeugt die Parabel über die Solidarität der Ratten über weite Strecken durch die scheinbar beiläufige, aber treffende Darstellung arroganten Klassenbewusstseins und oberflächlichen Politikergeschwätzes im menschenähnlichen Tierreich, so schlägt das Märchen spätestens an dieser Stelle in ein seichtes Rührstück mit peinlichen Dialogplattitüden zum modischen Öko-Kitsch um.

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 71-2/1997 - Interview - "Ich würde mich riesig freuen, wenn der Film den Sprung nach Amerika schafft"
KJK 71-2/1997 - Interview - "Wir sind der Meinung, dass wir einen schönen, vorzeigbaren Familienfilm gemacht haben"

 

Bundesverband Jugend und Film e.V.DIE STORY VON MONTY SPINNERRATZ im Katalog der BJF-Clubfilmothek unseres Online-Partners Bundesverband Jugend und Film e.V.

 

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