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Ausgabe 70-2/1997

"Die Persönlichkeit hat mich magisch angezogen"

Gespräch mit Scott Hicks zu seinem Film "Shine"

(Interview zum Film SHINE)

Bei den Filmfestspielen Venedig im vergangenen Jahr galt Scott Hicks "Shine" noch als absoluter Geheimtipp. Inzwischen erhielt das Drama über den australischen Pianisten David Helfgott sieben Oscar-Nomierungen und den "Oscar" in der Kategorie Hauptdarsteller. Aber schon beim Kinderfilmfest in Frankfurt 1990 erregte er mit dem Film "Sebastian und der Spatz" Aufmerksamkeit.

KJK: Wie sind Sie auf die phantastische Geschichte des David Helfgott gestoßen? Sie hört sich fast wie ein Märchen an.
Scott Hicks: "Das war reiner Zufall. Ich hatte eine kleine Zeitungsnotiz über sein Schicksal gelesen und bin dann 1986 zu seinem Konzert gegangen, ein unvergessliches Erlebnis. Ich kam einfach nicht davon los und musste mich mit diesem Mann beschäftigen, die Persönlichkeit hat mich magisch angezogen. Es dauerte allerdings etwas, bis er Vertrauen zu mir fasste."

Und worin lag der Reiz für Sie?
"Ich habe alle Energien in dieses Projekt gesteckt, mein Herzblut hängt daran, denn das Thema ist universell. Es geht um die Liebe zu den Eltern, um die Differenzen mit ihnen, um Trennung von denen, die man liebt. Das erlebt jeder in irgendeiner Form und kaum jemand unbeschadet, diese psychischen Wunden schmerzen oft ein Leben lang. Man ließ David Helfgott einfach nicht erwachsen werden, hinderte ihn an der eigenen Entwicklung, seine Hilferufe verhallten ungehört. Natürlich ist die Abnabelung nicht bei jedem Kind so schmerzhaft, aber wer kennt sie nicht, diese zermürbenden Auseinandersetzungen, dieses Kräftemessen, was so furchtbar viel Kraft verbraucht?"

Auf was kam es Ihnen hauptsächlich an?
"Weniger auf eine biografische Darstellung. Mir lag daran, die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens zu thematisieren, die künstlerische Seite. Es geht um die zerstörerische, aber auch erlösende Kraft der Liebe."

Trotz aller Härte zeigen Sie den Charakter des Vaters sehr differenziert.
"Man muss nicht alles gut finden, was er macht, aber der Zuschauer soll Verständnis für den Vater entwickeln. Man weiß, warum er so handelt. Die Erinnerungen an den Holocaust, in dem er seine Familie verloren hat, lassen ihn nicht los. Da ist es doch selbstverständlich, dass er nicht jetzt auch diese Familie verlieren will. Sie ist das einzige, was er noch hat."

Wie fiel die Entscheidung für Armin Mueller-Stahl in der Rolle des autoritären Vaters?
"Ich hatte ihn in 'Music Box' gesehen. Er verfügt über so viel Stärke und kontrollierte Kraft, ich halte ihn für einen überragenden Schauspieler. In 'Shine' gelang ihm die Gratwanderung zwischen Autorität und Verletzbarkeit. Was mir sehr gut gefiel, er spielte die Rolle nicht einfach runter, sondern brachte selbst Ideen ein, manchmal haben wir dann zwei Möglichkeiten gedreht."

Sie haben die Atmosphäre in der jüdischen Familie dezidiert herausgearbeitet. Haben Sie eine Affinität zur jüdischen Kultur?
"In Australien gab es sehr viele jüdische Einwanderer in den 50er-Jahren, die in den Vorstädten lebten. Die Kultur hatte für sie einen großen Stellenwert, weil sie ihnen Hilfe war in einem fremden Land, in einer fremden Gesellschaft. Dieses Festhalten, dieser Hang zur eigenen Kultur hat mich fasziniert. Es stand im Gegensatz zu dem Verhalten vieler Einwanderer, die sich schnell assimilieren wollten."

Inwieweit war David Helfgott an dem Projekt beteiligt?
"Am Anfang habe ich endlos lang mit ihm geredet, dann zeigte ich ihm das fertige Script, Helfgott hat für den Soundtrack Klavier gespielt und war auf den fertigen Film sehr stolz."

Was ist Wahrheit, was ist Fiktion? Haben Sie die Realität filmisch verändert?
"Ich habe versucht, die wichtigsten Elemente zu berücksichtigen, damit der Zuschauer sich ein Bild von der Persönlichkeit machen kann, die vielleicht auch nur fragmentarisch bleibt. Es ging mir darum, die Emotionen Helfgotts zu vermitteln, die prägenden Stationen seines Lebens. Den Zusammenbruch am Klavier musste ich auf ein paar Minuten komprimieren, das hat sich in der Wirklichkeit länger angekündigt."

"Shine" ist auch ein Film über das Glück außerhalb der Norm oder Normalität.
"Jeder hat eine andere Vorstellung von Glück, wir verbinden es oft mit Anerkennung. Bei David Helfgott entsteht es aus dem Gefühl heraus, es wirkt auf mich so rein und ohne jegliches Kalkül. Jemand, der sich den Zwängen des Alltags ausliefert, kann so eine Art Glück vielleicht gar nicht empfinden."

Sie haben lange als Dokumentarfilmer gearbeitet. War der Spielfilm eine große Umstellung?
"Man muss lernen, mit Schauspielern umzugehen und sie richtig einzusetzen. Auch Dokumentarfilme erzählen eine Geschichte und sind in irgendeiner Form inszeniert. Für mich war es kein großer Sprung vom Dokumentar- zum Spielfilm. Mit 'Sebastian und der Spatz' hatte ich ja schon im Spielfilm Erfahrungen gesammelt. Ich möchte mich aber auch in Zukunft nicht auf eine Richtung festlegen. Es hängt immer vom Thema ab, für welches Genre man sich entscheidet."

"Shine" erhielt jede Menge Preise. Regnet es jetzt Angebote aus Hollywood?
"Nach dem Erfolg in Sundance bekam ich eine Reihe von Projekten aus Amerika angeboten, bei den meisten handelte es sich um Musik und Verrücktheiten. Aber ich möchte nicht in eine Ecke geschoben werden und mich nicht wiederholen. Es interessiert mich, einen Film in Amerika zu drehen, schon allein wegen der tollen Schauspieler. Ich finde es gut, dass 'Shine' mir die Tür zu einem größeren Finanzrahmen öffnet, das heißt aber nicht, dass ich Australien den Rücken kehren will. Ich habe eine ganze Reihe von Ideen, die man mit amerikanischem Geld in Australien realisieren könnte."

Interview: Margret Köhler

 

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