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Ausgabe 70-2/1997

"Jeder Film hat sein eigenes Schicksal"

Gespräch mit Nansalmaagyn Uranchimeg, Regisseurin des Films "Das Seil" ("Argamshaa"), Mongolei 1991, 75 Min., s/w, 35mm, Spielfilm

(Interview zum Film DAS SEIL)

Vorbemerkung: Zur Situation des Films in der Mongolei

Die Mongolische Volksrepublik galt lange Zeit als treuer Vasallenstaat der UdSSR und Bollwerk gegenüber dem benachbarten China, das sich einen Teil der Mongolei als autonome Region einverleibt hat. 1992 gab sich das Land eine neue Verfassung, im gleichen Jahr wurde das Filmstudio Mongolkino aufgelöst, das bis dahin mehrere staatlich finanzierte Spielfilme pro Jahr produziert hatte. Inzwischen ist das neue mongolische Kino mit den üblichen Schwierigkeiten konfrontiert, die ein kleines, wirtschaftlich instabiles Land mit der Finanzierung von Filmen hat. Dennoch entstehen jährlich etwa 20, von privaten Filmproduktionen hergestellte Filme. Schon 1994 war auf der Berlinale eine kleine Länderschau mit Filmen aus der Mongolei zu sehen, die einen erstaunlich facettenreichen Blick auf das von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen gekennzeichnete Land zulassen. Einige Filme waren seither im Rahmen von Filmreihen wieder zu sehen. "Das Seil" ("Argamshaa") ist einer der ersten Filme, die ohne die Kontrolle Russlands fertig gestellt wurden.

Inhalt: Der Film spielt im postsozialistischen Großstadtdschungel der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator. Es ist die Geschichte eines ungefähr zehnjährigen Jungen, der nicht ertragen kann, dass seine Mutter nach dem Tod des geliebten Vaters einen neuen Mann mit nach Hause bringt. Um Geld für den Grabstein seines toten Vaters zu verdienen, schließt er sich einer Gruppe von Jugendlichen an, die für eine professionelle Diebesbande arbeiten. Seine Aufgabe besteht darin, sich von Hochhäusern abzuseilen, in Wohnungen zu klettern und von innen die Türe für die Diebe zu öffnen. Eines Tages trifft er einen älteren Mann, zu dem sich ein vertrautes Verhältnis entwickelt. Als der Mann erfährt, dass der Junge in Diebstähle verwickelt ist, nimmt er ihn mit zu einem Lama-Tempel, bespricht sich mit einem Mönch und versucht, ihn mit religiösen Werten vertraut zu machen.

"Das Seil" ("Argamshaa") wurde beim 16. Augsburger Kinder Film Fest im November 1996 gezeigt. Dort entstand das nachfolgende Interview mit der mongolischen Filmemacherin.

KJK: Die Geschichte von "Argamshaa" lässt die sozialen Veränderungen erkennen, die die Mongolei nach dem Ende des Kommunismus durchlebt. Was sind die wichtigsten Veränderungen?
Nansalmaagyn Uranchimeg: "Als der Film 1991 gedreht wurde, hatte dieser Transformationsprozess gerade erst begonnen, und wir befinden uns noch mitten in diesem Umbruch. Solch weitreichende Veränderungen bringen zwangsläufig Probleme mit sich. Ich denke, unsere Gesellschaft hat sich noch nicht festgelegt, wohin die Entwicklung gehen soll, sie hat noch keine Orientierung gefunden. Dieser Zustand eines Landes wirkt sich natürlich auf das Verhalten und die Befindlichkeit seiner Bürger aus. Vielleicht lässt sich die Situation, in der sich unsere Gesellschaft derzeit befindet, am ehesten mit einer bestimmten Phase in der Entwicklung von Teenagern vergleichen: Die Kinder müssen sich verändern; aber es ist nicht leicht, alle sich ergebenden Probleme auf einmal zu lösen. Wir befinden uns derzeit in einem solchen Zwischenstadium. Der Aufbau des Sozialismus in der Mongolei war ein Irrtum, und er dauerte 60 Jahre. Diesen Irrweg zu verlassen, braucht nun auch viel Zeit. Aber meiner Meinung nach ist das Land jetzt auf dem richtigen Weg. In etwa zehn Jahren wird es uns besser gehen."

Wie sind Sie auf die Geschichte dieses Filmes gekommen? Ist dies das authentische Schicksal eines Jungen?
"Das Leben selbst hat mich dazu gebracht. Damals gab es ungefähr 300 Straßenkinder in Ulan Bator. Sie haben sich z. B. in den Zügen herumgetrieben. Mittlerweile sind es sehr viel mehr geworden. Ihre Geschichten sprechen für sich. Die Idee zu dem Film kam ganz unerwartet. Für mich war der Ausgangspunkt die Idee des Zusammentreffens eines sehr alten mit einem sehr jungen Menschen auf dem Friedhof. Dies war erfunden, bildete aber die Basis des Filmes. Normalerweise verabschieden sich die Menschen an diesem Ort – sie verabschieden sich von den Verstorbenen. Hier aber finden sich zwei einsame Menschen, Tougudor und der alte Mann. Dies war der wirkliche Anfang der Geschichte."

Ist der Darsteller des Tougudor selbst ein Straßenkind?
"Nein, der Junge ist kein Straßenkind. Aber er hat viele Schwierigkeiten zu Hause. Er hat einen Stiefvater, und mit ihm gibt es oft Streit. Die Familie ist auch sehr arm und wohnt in einem sehr armen Stadtteil in der Nähe des Bahnhofs von Ulan Bator. Ich habe dem Jungen nur das in Erinnerung gerufen, was sein Leben an Schwierigkeiten mit sich bringt, wie sein Stiefvater mit ihm umgeht und wie ihn seine Mutter manchmal beschützen muss. Ähnliches geschieht mit ihm in dieser erfundenen Geschichte. Er musste sich dabei nur an solche Situationen erinnern, um weinen zu können."

Können Sie etwas zur Figur des Großvaters sagen?
"Diese Figur ist für die Geschichte erfunden. Aber es ist ein gewöhnlicher alter Mann, wie man ihn überall treffen kann, in der Mongolei ebenso wie in Japan oder in Deutschland. Nichts wünscht er mehr, als ein lebendiges Wesen um sich. Und als er seine Hoffnung schon fast aufgegeben hat, geht sie doch noch in Erfüllung, als er Tougudor trifft. Und gerade diese Freude wollte ich mit diesem Film zeigen."

Gibt es Organisationen, die sich um Straßenkinder kümmern? Helfen ihnen staatliche Stellen, oder sind sie ganz auf sich selbst angewiesen?
"Zurzeit gründen sich viele Organisationen, die solchen Kindern helfen. Zum Teil werden sie auch aus Europa finanziert, aber nicht alle. Eine deutsche Organisation namens KARUNA kümmert sich um 50 Straßenkinder in Ulan Bator. Für mehr Kinder haben sie kein Geld. Aber es gibt der letzten Statistik zufolge ungefähr 2000 Straßenkinder, bei einer Gesamtbevölkerung von 2,5 Millionen Einwohnern."

Ein anderes Thema: Europäische Kritiker haben ihren Film oft mit dem Stil des italienischen Neorealismus in Verbindung gebracht. Sie selbst sind in Moskau an der berühmten Filmhochschule WGIK ausgebildet worden. Was halten Sie von diesem Vergleich?
"Viele haben mich schon danach gefragt. Ich mache mir auch schon Gedanken darüber, aber es war nicht mein Ziel, den italienischen Neorealismus oder irgendetwas anderes nachzuahmen. Dieser Film hat sich vielmehr so ergeben. Wenn man ein Leben ehrlich zeigen will, dann findet man zwangsläufig zu dieser Form von Filmen. Dies ist das 'Rezept des italienischen Neorealismus'. Auch die Entscheidung, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen, war nur konsequent. Der Film hätte sonst etwas ganz Spezifisches verloren."

Wie ist es derzeit um die Kino-Infrastruktur in der Mongolei bestellt? Wie wurde Ihr Film "Argamshaa" ausgewertet?
"Jeder Film hat sein eigenes Schicksal. 'Argamshaa' war gerade fertig, da hörte ich, dass einige japanische Filmkritiker in die Mongolei gekommen seien, um eine Auswahl der besten mongolischen Filme seit den 30er-Jahren zusammenzustellen. Sechs Filme wurden dabei ausgewählt. 'Argamshaa' war dabei, und ich habe mich darüber natürlich sehr gefreut. So ist mein Film durch die Welt gegangen. Im Ausland ist er vielleicht sogar bekannter als in der Mongolei. Er ist bei uns aber gut angekommen. In Ulan Bator gibt es nur vier Kinotheater. Aber der Film wurden in allen vier Kinos gezeigt."

Interview: Bernd Wolpert, Übersetzung aus dem Russischen: Inna Reinfeldt

 

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