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Ausgabe 70-2/1997

ALLES IST MÖGLICH

Produktion: Studio Filmowe "Kaleydoskop" / Saarländischer Rundfunk; Polen / Deutschland 1995 – Regie und Buch: Marcel Lozìnski mit Tomek (der Junge) – Kamera: Arthur Reinhart – Schnitt: Katarzyna Maciejko-Kowalcyk – Musik: Johann Strauß, Iosif Ivanovici, Ilja Schatrow – Länge: 38 Min. – Farbe – Video-Verleih: Medienzentralen und Bildstellen; Vertrieb: Kath. Filmwerk Frankfurt/M. – Altersempfehlung: ab 8 J.

An einem dieser ersten wunderbaren, warmen Frühlingstage, an denen alles so leicht erscheint, fährt der sechsjährige Tomek, begleitet von Johann Strauß' Walzerklängen, mit seinem Roller durch einen Park in Warschau. Er summt vor sich hin, rennt den Schmetterlingen hinterher, schlägt Purzelbäume und ist voller kindlicher Unbeschwertheit. Auf den Parkbänken sitzen, noch winterlich eingemummt, aber schon die Sonne genießend, viele ältere Menschen, die Tomeks Treiben beobachten. Tomek ist ein aufgeschlossener Junge, der mit den Menschen um ihn herum ins Gespräch kommen möchte. So setzt er sich mal zu einer alten Frau, mal zu einem Mann, mal zu mehreren Frauen auf die Bank und beginnt ein Gespräch. Er fragt sie nach dem Namen, einer behauptet, er heiße "Don Juan", aber das mag ihm Tomek nicht so recht glauben. Drei Damen verwickelt er in ein Gespräch über Kleidung. Die eine trägt einen weißen und einen schwarzen Handschuh, das findet Tomek ganz außergewöhnlich. Aber seine Fragen gehen auch tiefer. Ein Mann erzählt ihm über den Krieg, mit einem anderen redet er über Religion und Sünde. Tomek fragt, was da wohl unter der Erde ist, wie es dort weitergeht, und bringt die Erwachsenen zum Nachdenken. Er redet mit den alten Menschen über ihre Gesundheit, über Armut, über die Einsamkeit und den Tod. Zum Schluss sagt er: "Es ist doch möglich, dass der Tod endet und das Leben wieder kommt. Alles ist möglich."

Tomek ist der Sohn des Regisseurs, und er hat Marcel Lozìnski auf die Idee gebracht, diesen Film zu drehen, weil Tomek immer schon sehr gern Erwachsene befragt hat.

Die Aufnahmen wurden mit "versteckter Kamera" gemacht, das heißt, die von Tomek befragten Erwachsenen wussten nicht, dass sie gefilmt wurden (selbstverständlich wurden im Nachhinein die Einverständnisse der gefilmten Personen für eine Veröffentlichung der Aufnahmen eingeholt). Insgesamt konnte der Regisseur aus 15 Stunden Filmmaterial auswählen. Und obwohl zuvor nicht feststand, was am Ende herauskommen soll, erscheint der Film in sich stimmig und schlüssig. Tomek beginnt mit leichten, oberflächlichen Fragen, doch die Gespräche werden im Verlauf des Films immer ernster, tiefgründiger, zum Teil philosophisch. Am Ende steht die Frage nach dem Tod.

Marcel Lozìnski bezeichnet seinen Film als "eine Reise durch das Leben". Dies lässt sich in zweierlei Hinsicht interpretieren. Einerseits sind die Fragen, die Tomek stellt, ein Spiegel des Lebens. Es geht um Liebe und Scheidung, Gott und die Welt, Lebensfreude und Trauer, Armut und Reichtum, um den Sinn des Lebens und den Tod. Andererseits steht der neugierige kleine Junge mit seinem Wissensdrang den lebenserfahrenen alten Menschen gegenüber, die ihr Leben bereits gelebt haben und um ihre Vergänglichkeit wissen. Tomek, Hauptfigur in diesem Film, fesselt von Anfang an die Zuschauer mit seinen Fragen. Gespannt wartet man, wie er das nächste Gespräch eröffnet. Die Sequenzen zwischen den Gesprächen, in denen Tomek in sehr schönen Aufnahmen (von Arthur Reinhart, Kameramann von "Krähen") bei seinen fröhlichen Unternehmungen im frühlingserwachenden Park zu sehen ist, lassen Raum zum Nachdenken, zum Verweilen bei den Themen, die angesprochen wurden. Und trotz der ernsten, zum Teil bedrückenden Themen, bleibt die kindliche Leichtigkeit, die selbst der Endlichkeit des Seins die Schwere nimmt.

Doris Schalles-Öttl

 

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