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Ausgabe 72-4/1997

FÜR EINEN GUTEN ZWECK

C'EST POUR LA BONNE CAUSE

Produktion: Les Films de la Chamade; Frankreich /Belgien /Deutschland 1996 – Regie und Buch: Jacques Fansten – Kamera: Laurent Machuel – Schnitt: André Chaudagne – Musik: Jean-Marie Sénia – Darsteller: Loic Freynet (Tonin), Gaspard Jassef (Moussa), Antoine de Caunes, Dominique Blanc u. a. – Länge: 105 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Président Films, 2, Rue Lord Byron, F-75008 Paris, Tel. 0031-45628222, Fax 0031-45634056 – Altersempfehlung: ab 10 J.

"Ein guter Zweck" – das heißt vier Wochen Erholungsurlaub im friedlichen Europa für Kinder aus bürgerkriegsgeschüttelten afrikanischen Krisengebieten. Kein Zweifel, diese Initiative einer rührigen Hilfsorganisation ist eine prima Sache. Darin sind sich am Schauplatz der turbulenten Handlung einer Kleinstadt in Frankreich alle einig. Doch große Worte sind das eine, aktive Mitarbeit und Opferbereitschaft das andere. Für den zwölfjährigen Tonin gehört – wie für die meisten nur scheinbar "naiven" Kinder – ganz selbstverständlich die gute Tat zur guten Sache. Weniger selbstverständlich ist das für die Erwachsenen, für seine Eltern und für die seiner Mitschüler. Deshalb steht Tonin plötzlich zwar als leuchtendes Beispiel da, aber auch ziemlich allein – mit seiner Bereitschaft, eines der afrikanischen Kinder aufzunehmen. Und gerade weil er allein dasteht, kann er auch nicht mehr hinter die vollmundig, aber voreilig gegebene Zusage zurück. Und so kommt es wie es sprichwörtlich kommen muss: Der gute Zweck heiligt einige nicht immer ganz korrekte Mittel, um aus der guten Absicht auch eine gute Tat zu machen. Die Mittel, derer sich Tonin dabei bedient, bestehen zunächst vorwiegend aus frommen Notlügen. Doch er entwickelt mit einer gehörigen Portion Chuzpe mehr und mehr schauspielerisches Talent, Findigkeit, Improvisationsvermögen und strategische Planungsfähigkeit. Die braucht er auch, denn um ihn herum braut sich ein ziemliches Schlamassel zusammen, je verzweifelter er sich bemüht, den ihm – d. h. eigentlich seiner Familie – anvertrauten gleichaltrigen Afrikaner Moussa eine passable Unterkunft und Verpflegung sowie eine attraktive Freizeitgestaltung zu bieten. Keine leichte Aufgabe angesichts eines weiteren Konfliktpotenzials: Einerseits dürfen die Eltern nichts wissen von der Existenz oder gar vom geheimen Unterschlupf Moussas in ihrem Wohnwagen. Andererseits darf aber auch niemand im Ort wissen, dass Tonins Eltern überhaupt nichts wissen von "ihrem" Gast, wo doch das Fernsehen bereits die ahnungslosen "Wohltäter" als Helden feiert und der Medienrummel eskaliert.

Die konsequent verfolgte "Dilemma-Dramaturgie" des Films erzeugt so die Spannung der ständigen Gefahr des Entdecktwerdens, des Scheiterns, der Blamage. Da der Autor und Regisseur selbstverständlich mit seinem Helden Tonin sympathisiert, unterstützt er ihn tatkräftig bei seinem guten Werk, lässt ihn – und die mit Tonin solidarischen Zuschauer – nicht hängen. Letztere werden doppelt belohnt. Sie dürfen teilnahmsvoll mitbibbern, erleben also Spannung und Action. Aber sie sind gleichzeitig auch Zeugen einer subtil inszenierten Entlarvungskomödie, die sich aller Mittel des Slapstick und der Situationskomik bedient. Es geht darum, die scheinheilige Bekundungsethik der Erwachsenen am tatkräftigen Engagement der Kinder scheitern zu lassen. Schließlich nehmen diese ja die Eltern und deren Appelle noch ernst.

Jüngere Kinder können diese Entlarvungsstrategie möglicherweise noch nicht in ihrer ganzen Subtilität und Deftigkeit erfassen, da Satire ein anspruchsvolles Genre ist. Doch für unterrichtliche wie außerschulische politische und ethische Bildungsangebote liefert der Film eine Fülle von Beobachtungs- und Reflexionsanlässen, die auch für medienerzieherische Zwecke genutzt werden können. Der Problemkreis "Dritte Welt", Hunger und Krieg kann einen solchen unkonventionellen Impuls gebrauchen. Schließlich waren es gerade die Medien, die ihn durch Spendenappelle mit Schuldgefühlen und durch gewalthaltige Sensationsberichterstattung im öffentlichen Bewusstsein zur Randthematik verkommen ließen.

Eine humorvoll erzählte Geschichte, die bei unserer eigenen, ganz alltäglichen Befindlichkeit ansetzt und dabei individuelle wie kollektive menschliche Schwächen aufs Korn nimmt, kann ein Stück aus der Sackgasse herausführen. Einige Beispiele sollen diese Wirkung illustrieren. Als der ganze Schwindel auffliegt, stellt sich auch heraus, dass der liebe Moussa nicht vom Dorf stammt, wie seine "Versandpapiere" aussagen, sondern dass er ein Straßenkind aus der Großstadt ist, das sich diese Wohltat erschlichen hat: Das kindliche Objekt groß herausgestellter Fürsorge ist ein mit allen Wassern gewaschenes Subjekt. Eine bildsprachlich gelungene Inszenierung dieses Objekt-Subjekt-Verhältnisses demonstriert Tonins Mutter, nachdem Moussa im Haus entdeckt wurde und ihrer aller Wohltätigkeitsinstinkt geweckt hat: Sie nimmt den Zwölfjährigen auf den Schoß und füttert ihn wie ein Kleinkind oder wie ein ausgehungertes Vögelchen.

Mit einem weiteren "Gag" entlarvt der Filmemacher die doppelbödige Solidaritätsmoral am Beispiel der Folklore. Tonin wird von seinem Musiklehrer gezwungen, eine typische Weise aus dem Afrika seines Gastes zu präsentieren. Er ringt sich abgenudelte Rhythmen und Melodien ab und verzapft dazu ein "typisch afrikanisches" Wortgeklingel. All das wird sorgfältig notiert und einstudiert – bei der Abreise der Gruppe erklingt dieses "Heimatlied" in hervorragender Darbietung. Entlarvungskomik ist nicht nur dem Wohltätigkeitsobjekt Moussa gewidmet, sondern auch Tonins kleiner Schwester, einer Nebenrolle im Film. Als Moussa nach seiner Entdeckung auf geheimnisvolle Weise aus Tonins Elternhaus verschwindet, ist es dies unscheinbare Geschöpf, das ihn – aus Liebe – versteckt und den von Beziehungs- und Berufsproblemen gebeutelten Eltern ein neues Problem einbrockt ...

Christl Grunwald-Merz

 

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