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Ausgabe 72-4/1997

DIE GROSSE EICHE

LA GRANDE QUERCIA

Produktion: General Movies / Mediaset; Italien 1996 – Regie und Buch: Paolo Bianchini – Kamera: Giovanni Cavallini – Schnitt: Antonio Siciliano – Musik: Fabrizio Siciliano – Darsteller: Gigio Alberti (Vincenzo), Mariella Valentini (Maria), Gastone Moschin (Großvater), Camillo Fusco (Paolo), Roberta Nolis (Mimmi) u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – Vertrieb: SACIS SPA, Via Teulada, 66, I-00195 Roma, Tel. 0039 6 37498330, Fax 0039 6 3701343 (35mm) – Altersempfehlung: ab 8 J.

Italien in den letzten Kriegsjahren. Weil das Leben in der Stadt zu unsicher wird, zieht Familie Buratti aufs Land. Für die Kinder, den siebenjährigen Paolo. die sechsjährige Mimmi und den fünfjährigen Giuliano, ist das eher ein Abenteuer, zumal sie dadurch zum geliebten Großvater kommen. Dass dessen Gehöft etwas verwahrlost ist und im Stall kaum noch Kühe stehen, erstaunt sie zwar, bekümmert sie aber nicht lange, denn die Nachbarskinder sind ja noch da zum Spielen. Am Strand entdecken sie eine Hütte, in der drei italienische Soldaten postiert sind, doch auch das scheint eher ein Spiel zu sein. Auch der Vater, Vincenzo, der als Arzt in der Stadt arbeitet, lässt sich seine Lebenslust nicht nehmen, hat nach wie vor verrückte Ideen, vor denen selbst seine Frau Maria, eine ehemalige Pianistin, kapitulieren muss. Die Eltern haben eine innige Beziehung zueinander und zu ihren Kindern. So ist es jedes Mal ein Ritual, wenn die Kinder, auf einem Zaun sitzend, den Vater von der Stadt erwarten. Schon von weitem hören sie das Klingeln seines Fahrrads, rufen ihn und fragen, woher er denn komme, und der kommt mal von Afrika und mal von China und fragt die Kinder, ob er jetzt auf dem richtigen Wege nach Palanzana sei. Dann nimmt er alle drei aufs Rad und gemeinsam legen sie die letzte Wegstrecke zurück. Es könnte ein unbeschwerter Sommer in einer lieblichen Landschaft sein. Aber Paolo, der schon mehr versteht, beobachtet und erlebt Dinge, die ihn irritieren. So wird ihnen in der kleinen Dorfschule gelehrt, dass "Glaube Gehorsam Kampf" die Eigenschaften sind, die der "Duce" fordert, statt der Volkslieder wird das Kampflied "Giovezza" gesungen und schließlich ist auch nicht mehr die übliche Schulkleidung erwünscht, sondern eine Uniform, um ein richtiger "Sohn des Faschismus" zu werden. Paolo will aber kein Sohn des Faschismus werden, weil er doch schon der Sohn seiner Eltern ist ...

Die Ereignisse draußen treiben dem Höhepunkt zu, Rom wird bombardiert, der im Widerstand arbeitende Onkel Mariano kommt mit Frau und Baby zu ihnen, um bald darauf wieder geheimnisvoll zu verschwinden. Und die Kinder zünden eines Tages einen vermeintlichen Feuerwerkskörper, der deutsche Soldaten auf den Plan ruft, die das Land besetzt halten. Jetzt wird der Junge zum ersten Mal mit der harten Realität konfrontiert: Ein Mönch rettet Paolo aus einer gefährlichen Lage und bezahlt dies mit seinem Leben. – Wieder einmal zieht die Familie um, vom unsicher gewordenen Land zurück in die Stadt. Dort erfahren sie über das Radio die Nachricht, dass Onkel Mariano wegen "Sabotagetätigkeit" erschossen wurde, kurz vor Ende des Krieges. – Und dann gibt es einen großen Zeitsprung unter die große, alte Eiche auf dem Land, dem Symbol für Liebe und Glück. Dort wird die Asche des Vaters, der nach dem Krieg als Arzt in ferne Länder gezogen ist, im Kreise der größer gewordenen Familie beigesetzt.

Paolo Bianchini (Jahrgang 1933), Regisseur und Autor, hat aus seinen Kindheitserinnerungen geschöpft und sie sehr behutsam ausgebreitet. So ist eine Filmgeschichte entstanden, die Kindern eine schwierige Zeit nahe bringt, dabei dem konkreten Zeithintergrund nicht zu sehr verhaftet ist. Im Mittelpunkt stehen das Vertrauen auf das eigene Gefühl, die Bildung einer eigenen Meinung und der menschliche Umgang miteinander. Bianchini versucht auch, den Menschen hinter der Macht aufzuzeigen, wenn er z. B. in der Strandhütte der italienischen Soldaten den Blick zu den Familienfotos lenkt. Oder wenn Paolo ganz allein und bedächtig die Stufen von der Schule zum Meer herabsteigt, nachdem er vom Gruppenführer wegen der immer noch fehlenden Uniform gerügt wurde. Zum Verständnis des Films für Kinder trägt nicht zuletzt die Ruhe und Klarheit bei, mit der hier Situationen erzählt werden. Die in warmen Farben gehaltenen Bilder und sorgfältig ausgewählten Motive einer wunderbaren Landschaft machen "Die große Eiche" darüber hinaus zu einem visuellen Erlebnis. Da es zu wenige Kinderfilme gibt, die eine warmherzig und sinnlich erzählte Geschichte unaufdringlich mit einer politischen Aussage verbinden, sollte er bald im Kinderkino zu sehen sein!

Christel Strobel

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 72-4/1997 - Interview - "Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder große Krisen und Zeiten der Dunkelheit und danach die Geburt von neuen Werten."

 

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