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Ausgabe 53-1/1993

Das verlorene Paradies der Kindheit

Gespräch mit Terence Davies zu seinem Film "Am Ende eines langen Tages"

(Interview zum Film AM ENDE EINES LANGEN TAGES)

Vier Jahre nach seinem nostalgischen Familienfilm "Distant Voices, Still Lives" (1988) hat der britische Regisseur Terence Davies einen neuen autobiografischen Familienfilm gedreht. Wie in Jaco van Dormaels "Toto der Held" und Jean-Claude Lauzons "Leolo" wird auch im Film "Am Ende eines langen Tages" aus der Perspektive eines Kindes erzählt. Obwohl auch hier wieder ein kleiner Junge im Mittelpunkt steht, sind diese Filme keine Kinderfilme in dem Sinn, dass sie für Kinder gedacht sind. Abgesehen von inhaltlichen Darstellungsproblemen sind sie dafür schon formal zu anspruchsvoll.

KJK: Die Hauptfigur im Film "Am Ende eines langen Tages" ist ein Kind, der Film wird aus der Perspektive des Kindes erzählt. Wollten Sie einen Film für Kinder machen?
Terence Davies: "Nein, nie. Das ist unglaublich schwierig. Ich wollte eine Geschichte aus der Sicht eines Kindes erzählen. Kinder gehen nicht durchs Leben nach dem Muster: Erst geschah dies, dann geschah das, und dies ist das Ergebnis. Sie leben auf einer schöpferischen Ebene, und ich habe versucht, dieses intensive Leben von einem Augenblick zum nächsten wieder zu erschaffen. Natürlich gibt es auch das Moment der Logik, aber es ist keine offensichtliche Logik. In der Tat ist der Film linear. Er geht von A bis Z. Aber er endet wie viele Literaturtexte, denn so machen es auch die Kinder. Sie leben in dieser wirklichen Zeit und zugleich in dieser schöpferischen Zeit, denn ihr Zeitgefühl ist völlig anders als das der Erwachsenen."

Wie haben die Kinder in den britischen Kinos auf Ihren Film reagiert?
"Die Kinder, die ins Kino kamen, waren gelangweilt. Auch Leigh McCormack, der mich im Film spielt. Er fand ihn wirklich langweilig. Aber der Film ist nicht für Kinder gemacht worden. Er ist nicht gedacht für die Kinder, die etwa den Film 'Kindergarten Cop' lieben. Sie lieben diese Art Spaß, es ist aufregend und sehr schnell, das ist genau das, was sie mögen."

Wie haben Sie Ihren Hauptdarsteller gefunden?
"Ich sah mir 75 Kinder an. Er war der beste davon. Wir haben eine kleine Szene gedreht. Dabei machte er auf eigene Faust einige Dinge, die wirklich aufregend waren. Ich besetzte den Rest der Familie und bat ihn dann, wieder ins Zimmer hereinzukommen."

Hatte er zuvor schon Filmerfahrung?
"Nein. Er trat in einer Theateraufführung in einer Schule auf, wo er eine stumme Rolle als Gorilla spielte. Das war's."

Wie verliefen die Dreharbeiten mit ihm?
"Es war anstrengend, denn ich habe keine eigenen Kinder. Wenn er plötzlich ruhig war, machte ich mir furchtbare Sorgen, ob ich ihn verärgert hätte: Wird er mich nun für immer hassen? Ich war ziemlich nervös und fand es schrecklich belastend. Dabei war er manchmal nur still, weil er einfach still sein wollte. Wenn man keine Kinder hat, kann man das einfach nicht einordnen."

Wollen Sie denn nach diesen Erfahrungen einen weiteren Film mit einem Kind in der Hauptrolle drehen?
"Nein, es ist viel zu anstrengend. Ich mache mir zu viele Sorgen."

Es gibt in Ihrem Film sehr viel Musik. Welche dramaturgische Rolle spielt sie für die Handlung?
"Der musikalische Kommentar zur Handlung wird manchmal selbst zur Handlung durch das, was in den Liedern gesungen und gesagt wird. Als ich aufwuchs, habe ich nicht darüber nachgedacht, dass meine Familie all diese Lieder gesungen hat. Ich bin mit einer singenden Familie aufgewachsen, ich bin mit dem amerikanischen Musical aufgewachsen. Als ich Doris Day zum ersten Mal sah, verliebte ich mich in sie. Im Jahr 1965 fand ich sie wundervoll. Dass die Leute gesungen haben, war ein wichtiger Bestandteil dieser Kultur. Sie kauften Schallplatten und gingen ins Kino. Ich gehörte einfach dazu. Wenn man das filmisch wieder erschafft, erkennt man nicht, dass es eine subtextuelle Bedeutung hat. Man sollte es auch nicht. Das ist die Aufgabe des Publikums. Aber manchmal ist die Musik in meinem Film die Erzählung."

Obwohl so viel Musik in Ihrem Film zu hören ist, sind die Quellen der Musik fast nie zu sehen. Wollten Sie Ihren Film mit dieser Off-Musik bewusst stilisieren?
"Es ist viel interessanter, wenn die Musik aus der Vorstellung kommt. Das ergibt eine Art Aura. Aber es ging nicht um eine Stilisierung. Musik war ein Teil meines Lebens. Weil es so viel Musik in meiner Kindheit gab, habe ich sie so eingesetzt. Mir ist das nicht stilisiert erschienen. Man kann außerdem eine Geschichte erschaffen mit einem Kontrapunkt im Soundtrack. Der umfasst nicht nur die Musik, sondern alle Geräusche, den Klang des Regens, den Klang der Stille. Das alles gehört dazu."

Der Film spielt fast nur in Innenräumen, die oft dunkel sind. Natur ist kaum zu sehen, Bäume fehlen zum Beispiel völlig. War es Ihre Absicht, die Umgebung des kindlichen Helden in einer so düsteren Atmosphäre zu zeigen?
"Nein. Sie war so. Ich liebte die Gegend, in der ich damals lebte. Ich fand sie nie trostlos oder düster. Ich liebte mein Haus, meine Straße. Die Gegend erschien mir magisch."

Sie haben einmal gesagt, dass Sie nach dem Tod Ihres Vaters mehrere Jahre lang fast krank vor Glück waren. Warum?
"Er war ein Monster. Er war extrem gewalttätig. Erst nach seinem Tod begannen wir zu leben. Die ganze Familie. Es war so wunderbar."

In Ihrem Film kommen mehrmals Szenen vor, in denen sich die Beleuchtung verändert. Welche Bedeutung hat dieser Lichtwechsel?
"Das ist nicht leicht zu erklären. In der Szene, in der der Junge auf der Treppe sitzt, das Licht sich verändert und das Haus sich öffnet, soll dies auf ein Stück Imagination vorbereiten. Denn Lichter gehen nicht einfach an oder aus und Häuser öffnen sich nicht einfach. Das ist nicht real. Aber in der Phantasie kann es wahr sein. Denn es ereignet sich in seiner Vorstellung; es ist also keine buchstäbliche Wahrheit, sondern es ist eine schöpferische Wahrheit."

Wird Ihr nächster Film auch auf einem autobiografischen Stoff beruhen?
"Nein, sicher nicht. Ich habe genug Autobiografisches gemacht. Mein nächster Film wird im heutigen New York spielen. Es ist die Geschichte eines Homosexuellen, der von der Einsamkeit in eine obsessive Liebesbeziehung getrieben wird, die ihn zerstört."

Mit Terence Davies sprach Reinhard Kleber

 

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