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Ausgabe 72-4/1997

DER SPIEGEL

AYNEH

Produktion: Rooz Film; Iran 1997 – Regie und Buch: Jafar Panahi – Kamera: Farsad Dschadat – Darsteller: Mina Mohammad Chani, Kadem Modschdehi u. a. – Länge: 95 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Celluloid Dreams, F-75009 Paris, Tel. 0033-1-49700370, Fax 0033-1-49700371 (35mm) – Altersempfehlung: ab 12 J.

Mit seinem Erstling "Der weiße Ballon" ("Badkonak-e sefid") gewann der 1960 geborene iranische Filmautor Jafar Panahi beim Filmfestival von Cannes 1995 die Goldene Kamera (Preis für das beste Erstlingswerk aller Programmsektionen) und wurde über Nacht weltbekannt. Der Film erzählt von einem kleinen Mädchen, das trotz aller Unbill der Erwachsenenwelt nicht vom Wunsch ablässt, zur Neujahrsfeier einen großen Goldfisch nach Hause tragen zu können.

Dem Prinzip des lange hinausgeschobenen Ziels – ein wiederkehrendes Motiv in iranischen Filmen – ist Panahi in seinem zweiten Kinofilm treu geblieben. "Der Spiegel", beim diesjährigen Filmfestival von Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, folgt dem Weg eines kleinen Mädchens im Ameisenhaufen der Millionenstadt Teheran. Bei Schulschluss wartet Mina vergeblich auf ihre Mutter, die sie abholen sollte. Da beschließt Mina, sich alleine auf den Weg nach Hause zu machen. Doch welcher Weg ist der richtige, welcher Bus bringt sie näher zum gewünschten Ziel? Schnell erkennt Mina, dass die Erwachsenen, die sie nach dem Weg fragt, keine Hilfe sind. Zu ungenau und widersprüchlich sind deren Auskünfte. Mina will es wissen, lässt sich von einem Mann ein Stück weit mitnehmen, steigt später auf den angeblich richtigen Bus um und fährt von einer Endstation zur andern.

Mitten im Film, während einer der Busfahrten, platzt Mina der Kragen. Sie reißt für uns Zuschauer völlig unverhofft ihr Kopftuch vom Kopf, schaut in die Kamera und gibt lautstark bekannt, sie habe dieses Schauspielern satt. Der Regisseur des Films müsse seine Geschichte vom ewig weinenden Mädchen halt ohne sie zu Ende erzählen. Mina kehrt dem geschönten 35mm-Kinobild den Rücken und steigt aus dem Bus. Die fest installierte Spielfilmkamera scheint ausgedient zu haben: Eine zweite Kamera, eine "dokumentarische" Handkamera, übernimmt das Geschehen und beobachtet, wie Mitglieder der Filmequipe draußen auf dem Gehsteig erfolglos versuchen, Mina umzustimmen.

Natürlich geht der Film weiter, denn Panahi beschließt, Mina auf den Fersen zu bleiben. Über den dramaturgischen Kniff, den Fluss der filmischen Erzählung abrupt zu unterbrechen, bezichtigt er die zurechtgeschminkte Kinofiktion als halbe Wahrheit: So fragt die zweite Hälfte des Films nach der Beziehung zwischen filmischem Erzählen und wirklichem Leben: Können im stillen Kämmerlein zurechtgebogene Geschichten das wahre Leben in seiner Ungereimtheit und Unberechenbarkeit einfangen? Wie viel kann filmische Wahrheitssuche ausrichten in einem Land, in dem Kino schon immer eine Gratwanderung des allegorischen Ausdrucks war, die dem Verhaltenskodex zu gehorchen hat? Noch bevor Mina dem Drehbuch widerspricht und dem Film ein neues Thema gibt, hört sie unzähligen Gesprächen zwischen Erwachsenen im Bus zu. Offensichtlich hält sie die Demut nicht mehr aus und meldet sich zu Wort, wie es wenig später vor allem die jungen Stimmberechtigten bei der iranischen Präsidentenwahl getan haben.

Beim Filmfestival von Locarno wurde "Der Spiegel" mit gemischten Gefühlen aufgenommen; das Preisverdikt der Internationalen Jury fand nur geteilte Zustimmung. Kritisiert wurde Panahis Konzept vom Film im Film als Plagiat auf dramaturgische Konstruktionen, wie sie sich in einigen Filmen von Abbas Kiarostami oder Mohsen Machmalbaf finden. Sicher hat sich Panahi vor allem von Kiarostami inspirieren lassen, bei dessen "Unter den Olivenbäumen" er als Regieassistent arbeitete. Die in Locarno vorgebrachte Kritik demonstriert indes, dass das iranische Filmschaffen vorschnell als Sonderfall, als hermetische Exotik innerhalb der weltweiten Filmproduktion wahrgenommen wird. Zudem verfehlt die Kritik ihr Ziel, denn die einzige Schwäche des Films liegt woanders: Der hervorragend eingearbeitete Bruch in der Filmmitte wird inhaltlich zu wenig konsequent weiter entwickelt. Über dramaturgische Ungenauigkeiten in der zweiten Filmhälfte mag man hinwegsehen. Schwerer wiegt, dass die zweite Hälfte zu vage und zu vorsichtig bleibt, vielleicht bleiben musste.

Robert Richter

 

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