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Ausgabe 72-4/1997

VERGESSENE WELT: JURASSIC PARK

THE LOST WORLD

Produktion: Amblin Entertainment für Universal Pictures; USA 1997 – Regie: Steven Spielberg – Buch: David Koepp, nach einem Roman von Michael Crichton – Kamera: Janusz Kaminski – Schnitt: Michael Kahn – Musik: John Williams – Darsteller: Jeff Goldblum (Ian Malcolm), Julianne Moore (Sarah Harding), Pete Postlethwaite (Roland Tembo), Vinche Vaughn (Nick van Owen), Richard Attenborough (John Hammond) u. a. – Länge: 129 Min. – Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: UIP (35mm) – Alterseignung: ab 14 J.

Es ist ein Dilemma! Wie schon vor drei Jahren beim Start von Steven Spielbergs erstem Ausflug in die Welt der Saurier, so richtete sich auch anlässlich des Starts von "Vergessene Welt" eine gigantische Marketing- und Merchandising-Maschinerie an ein Klientel, dem die FSK im selben Atemzug verbot, einen Blick auf das eigentliche Produkt zu werfen. Ob im Hamburger-Restaurant oder den Auslagen der Spielzeuggeschäfte, von der Bettwäsche bis zum Dino-Tamagotchi – wo auch immer sich der oder die Acht- bis Zehnjährige hinwandte, lockten Saurier in allen Farben, Formen und Größen. Klar, dass unser Nachwuchskonsument es nicht bei dem Plastik-T-Rex mit wieder verschließbarer Fleischwunde belassen, sondern das Tier auch in Aktion sehen wollte.

In dem Land, in dem Film und Nebenprodukte erdacht wurden, konnte er das auch, denn in den USA (wie auch in diversen europäischen Nachbarländern) hatte "The Lost World" die Freigabe "PG", das heißt, Kindern in Begleitung eines Erwachsenen war der Besuch des Films im Kino gestattet. Nur Deutschland gönnt sich den Luxus, mit der strikten Freigabe ab 12 die jüngeren Jugendlichen – und ihre Eltern – außen vor zu lassen.

Nicht, dass der Film pädagogisch besonders wertvoll wäre. Während der erste Teil der Saga sich neben dem Spiel mit den innovativen visuellen Effekten durchaus auch mit der Verantwortung der Wissenschaft auseinander setzte und nebenher einen ausgekochten Kinderhasser auf den Weg der 'Besserung' brachte, geht es im zweiten nur darum, den noch lebensechter animierten Urzeitechsen Auftrittsmöglichkeiten zu verschaffen. Entertainment-Multi John Hammond will nach dem Fehlschlagen seines Vergnügungspark-Experiments mit gentechnisch erzeugten Dinosauriern jetzt die überlebenden Echsen vor der kommerziellen Ausbeutung durch das Management seines Konzerns retten. Dazu schickt er ein Team von Wissenschaftlern auf die Insel, die die Saurier beherbergt, und natürlich werden die wackeren Tierschützer schnell von Beobachtern zu Gejagten. Nach einem recht langatmigen, wortlastigen Auftakt folgen dann Saurier-Stampeden, urzeitliche Familienidyllen, Tyrannosaurus-Angriffe und verzweifelte Versteckspiele vor einem hungrigen Raptor-Rudel, deren Timing und visuelle Perfektion Steven Spielberg trotz des ärgerlichen Drehbuches als Meister der Inszenierung kennzeichnen. Und natürlich gibt es neben den Szenen, die einfach nur spannend sind, auch den einen oder anderen wirklich blutrünstigen Moment, bei dem das Popcorn dann nicht mehr schmecken will.

Nein, "Vergessene Welt" ist kein Kinderfilm. Doch er übt dank seiner animierten Hauptdarsteller eine große Faszination auf Kinder aus – und an seine Schauwerte kann einfach kein "Was ist was"-Sachbuch heranreichen. Natürlich ziehen sich Kinder ab etwa acht Jahren immer noch gern in die sonnendurchflutete Welt der "Kinder von Bullerbü" zurück oder lassen sich von Kalle Blomquists Kriminalfällen mitreißen. Doch manchmal wollen sie auch schon das wirkliche, große Abenteuer schnuppern – und genau das könnten ihnen Filme wie die "Vergessene Welt" bieten, wenn es auch hierzulande eine Freigabe IN BEGLEITUNG Erwachsener gäbe. So bleibt ihnen das Spielzeug – und das Warten auf den Tag des Videostarts, an dem ihre Eltern keinen Knebelmaßnahmen mehr unterworfen sind.

Bärbel Schnell

 

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