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Ausgabe 72-4/1997

"Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder große Krisen und Zeiten der Dunkelheit und danach die Geburt von neuen Werten."

Gespräch mit Paolo Bianchini

(Interview zum Film DIE GROSSE EICHE)

Paolo Bianchini, geboren 1933 in Rom, begann als Regieassistent u. a. bei Maria Monicelli und Vittorio De Sica. Seine Arbeit als Regisseur umfasst Fernsehproduktionen, Dokumentarfilme und Schauspielerporträts. Außerdem arbeitete er im Bereich der Werbung. Sein jüngster Spielfilm, "La grande quercia" / "Die große Eiche", war beim Internationalen Kinder- und Jugendfilmfestival "Lucas '97" in Frankfurt/Main zu sehen, wo auch das nachfolgende Gespräch geführt wurde.

KJK: Uns interessiert zunächst, wie die Idee zu diesem sehr persönlichen Spielfilm mit einer nahe gehenden Geschichte entstanden ist, nachdem Sie viel mit Werbung, mit Werbefilmen zu tun hatten.
Paolo Bianchini: "Ich wollte immer etwas anderes machen als was ich tatsächlich gemacht habe. Doch eines Tages, das war vor zwei Jahren, habe ich mich kategorisch entschieden, keine Sachen mehr zu machen, die ich nicht wirklich fühle. An diesem bestimmten Punkt in meinem Leben hatte ich den Wunsch, mehr mich selbst und meine eigenen Ansichten im Film einzubringen."

Inwieweit hat dieser Film autobiografische Aspekte?
"Der Film ist aus dem Bedürfnis heraus geboren, die Vergangenheit auszugraben, und zwar die Vergangenheit im Allgemeinen, nicht nur meine. Mir wurde klar, dass das Leben eines jeden Einzelnen Kontinuität hat wie ein Fluss. Eine Entdeckung, die ich etwas spät in meinem Leben gemacht habe, aber noch nicht zu spät. Und so kommt es, dass die Geschichte aus meinen eigenen Erinnerungen besteht, aus der Zeit, als ich drei Jahre alt war: die Figur des Großvaters, die Figuren von Mutter und Vater, die zwar nicht ganz dieselben sind, aber ihnen ähneln. Streng genommen, ist die Geschichte wenig autobiografisch, aber es ist aus allem etwas, was mich umgeben hat."

Wie ging es dann weiter?
"Eigentlich wollte ich mein Leben von vorn beginnen und einen Spielfilm machen. Nachdem ich mich kategorisch dafür entschieden hatte, war es nicht mehr fern. Ich stand am Fenster und habe hinausgeschaut auf die weite etruskische Landschaft. Das Telefon hatte ich herausgezogen, denn ich wollte nicht mehr gestört werden. Ich ließ meine Gedanken laufen wie das Wasser, ohne Programm, ohne ein bestimmtes Ziel, habe diese wunderbare Landschaft in meinem Kopf bevölkert mit Menschen und Geschichten, an die ich mich erinnerte."

Schrieben Sie nach Ihren Erinnerungen das Drehbuch?
"Ich begann, einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen meine Geschichten, die ich mir am Fenster ausgedacht hatte, zu erzählen und mit ihnen gemeinsam eine kleine Geschichte dieses Dorfes zu entwerfen. Eines Tages fragten mich die jungen Leute, wie ein Drehbuch entsteht, und so hat es angefangen. Es war wie eine Unterrichtsstunde, in der wir gemeinsam ein Drehbuch entwickeln. Nach etlichen Tagen war es den jungen Leuten genug, aber dann begann es, mich zu interessieren und diese Geschichte als Film zu erzählen. Aufgeschrieben habe ich es dann nur in der Nacht, denn es war mir ja wie ein Traum und so war es auch eine traumhafte Aufschreibsituation. Immer um drei Uhr nachts bin ich aufgewacht und schrieb an diesem Drehbuch."

Konnten Sie gleich eine Produktionsfirma für Ihren Film finden?
"Ein Produzent, der Werbe- und Spielfilme macht, rief bei mir an und fragte, ob ich wieder einen Werbefilm drehen will, was ich aber nicht wollte. Stattdessen fragte ich ihn, ob er mein Drehbuch lesen möchte und ob es auf Video, mit einem minimalen Budget, zu realisieren sei. Der Zufall wollte es, dass dieser Produzent zu Berlusconi's Produktionsfirma Mediaset ging. Als ich das hörte, wollte ich eigentlich mein Buch zurück haben, weil ich Berlusconi nicht so liebe. Ich hatte die Kraft gefunden, mich der Werbung zu verweigern, war aber auch überzeugt, dass dieses Drehbuch keine Chance hat. Einen Monat später erhielt ich einen Anruf, dass von den acht Drehbüchern, die Mediaset vorgelegen hatten, nur dieses eine ausgewählt wurde. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob sie das Drehbuch gelesen haben, denn nachdem der Film fertig war, haben sie ihn nicht in ihren Verleih genommen und nicht ins Kino gebracht." (Anmerkung d. Red.: Berlusconi hat in Italien den Verleih Medusa)

Besonders beeindruckend an Ihrem Film ist, neben der stimmungsvollen Landschaftsbeschreibung, das natürliche Spiel der Kinder ...
"Ich wollte den Film dort drehen, wo mir am Fenster stehend die Idee gekommen ist, in der Gegend um Tuscaniá, im Süden der Toskana. Vier, fünf Monate bereitete ich die Produktion allein vor, ohne Bezahlung. So hatte ich Zeit, ganz spezielle Drehorte in der Landschaft zu suchen, jede Einstellung selbst festzulegen. Die Kinder habe ich so ausgewählt, dass sie in ihrer Umgebung blieben, bin durch alle Schulen, auch die kleinsten Dorfschulen, habe ca. 2000 Kinder angesehen, wobei ich vor allem nach den Augen geschaut habe, nach dem besonderen Blick. Ich war von einem Lehrer begleitet, der mich in der Aula vorgestellt hat, und während der Lehrer sprach, hatte ich Zeit, die Kinder zu beobachten, wie sie mich ansahen. Videoaufnahmen machte ich keine. Die Kinder kannten sich nicht, sie kamen aus verschiedenen Ortschaften, aber nach zwei Stunden waren sie Freunde. Die Erwachsenen zu finden, war übrigens viel schwieriger."

Kannten die Kinder das Drehbuch?
"Das Drehbuch ist nur von den Eltern der Kinder gelesen worden. Den Kindern sagte ich, wir spielen jetzt ein Märchen und regten damit ihre Phantasie an. Wenn ich mit den Kindern sprach, habe ich mich hingekniet, um mit ihnen auf einer Höhe zu sein, habe sie in den Arm genommen und ihnen erklärt, dass jede Szene nur ein kleines Stück eines großen Mosaiks ist, eines großen Märchens. So war eine spielerische Atmosphäre entstanden und auch alle Beteiligten waren zu Kindern geworden, haben sich auf die Ebene der Kinder begeben."

Haben die mitwirkenden Kinder den fertigen Film gesehen?
"Ja. Obwohl sie sich so einen Film nicht vorgestellt hatten, haben die Kinder den Film sehr gut verstanden. Die Zeit des Faschismus, in der die Geschichte spielt, haben sie als Gewalt im allgemeinen gesehen und dies mit alltäglichen Erfahrungen verglichen, zum Beispiel wenn einer eine rote Ampel überfährt und dadurch ein Kind getötet wird."

Können Sie uns, ausgehend von Ihren Erfahrungen, sagen, was ein Film für Kinder vermitteln soll?
"Das Leben von jungen Menschen heute ist voll von Reizen und Überflutungen der Sinne, es geht alles sehr schnell weiter und es bleiben kaum Momente, wo die Kinder Ruhe haben zum Verschnaufen. Ich habe bewusst einen Rhythmus gewählt, der sich von dem des Videoclips und der Videospiele unterscheidet. Mein Film ist in einer anderen Sprache gestaltet. Das hängt auch mit dem Entstehungsprozess zusammen: Ich hatte Ruhe, die Erinnerungen kommen zu lassen, zu sammeln und auszubreiten, so wie man an einem Winterabend das Kind auf den Schoß nimmt und ihm eine Geschichte erzählt."

Ist diese Vorstellung in unserer heutigen Zeit nicht etwas altmodisch?
"Es gab in der Geschichte der Menschheit immer wieder große Krisen und Zeiten der Dunkelheit und danach die Geburt von neuen Werten. Die Reaktion der Kinder, die meinen Film hier mit großen Augen betrachteten, zeigen, dass es richtig ist, einen Film mit ruhigem Erzählstil und einer tiefen Geschichte zu gestalten. Mir war es auch wichtig, zu Szenen von Gewalt immer ein Gegenbild zu entwerfen, dass hinter der äußeren Gewalt eine individuelle Geschichte steht."

Wie sind die Reaktionen auf Ihren Film in Italien?
"Der Film ist leider kaum zu sehen. In Italien wird der Kinderfilm auch nicht so gepflegt, wobei mein Film allen Altersgruppen etwas erzählt."

Um Ihre Worte aufzugreifen, dass in Italien der Kinderfilm nicht so gepflegt wird – trotzdem gibt es eines der ältesten Kinderfilmfestivals der Welt dort in Giffoni ...
"Es finden sich wenige Leute, die sich kulturell engagieren. Mein Film wurde nicht für Giffoni 1997 ausgewählt mit der Begründung, dass er bereits im Ausland (in der Panorama-Reihe in Berlin) lief. Das ist etwas unverständlich. Aber in Italien herrscht das Empfehlungswesen und ich bin kein Verwandter von irgendeiner einflussreichen Person. Doch ich bin viel zufriedener, dass ich hierher, nach Frankfurt, kommen konnte. Im Übrigen habe ich gelernt, mit nichts zu leben. Ich muss jetzt meine Schuld abtragen, dass man mir verzeiht, viele Jahre Werbung gemacht zu haben ..."

Haben Sie Pläne für ein nächstes Projekt?
"Ich plane einen Film über jugendliche Strafgefangene im Gefängnis auf der Insel La Gorgona (zwischen Livorno und Korsika). Ein kleines Projekt, das ähnlich wie 'La grande quercia' mit den Jugendlichen gemeinsam entstehen soll. Auch die Herstellung soll nur mit ein paar Erwachsenen und Technikern, also einer kleinen Crew, geschehen."

Welche Art von Kino wünschen Sie sich, wie soll Ihrer Meinung nach das Kino der Zukunft aussehen?
"Ich war vier Tage hier beim Festival in Frankfurt und bin heute Nacht um drei Uhr aufgewacht, aber nicht um ein Drehbuch zu schreiben, sondern um über die vielen Filme nachzudenken, die ich hier im Kino gesehen habe. Ich habe das Gefühl, dass ich ganz nah am Herzen der Menschen, am Herzschlag dieser Geschichten war, indem ich einen kleinen Punkt dieser Welt erlebte und jeweils von hier aus das Universum betrachtete. Durch die Teilnahme an Filmfestivals, das Teilhaben an tiefgründigen Geschichten aus fernen Ländern, durch die Welt, die hier zusammenkommt – bei jedem Film gab es einen Punkt, der mich das spüren ließ. Das ist für mich das Kino der Zukunft. – P.S. Suche deutschen Produzenten!"

Interview: Christel Strobel / Hans Strobel

 

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