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Ausgabe 72-4/1997

"Kindern traue ich von ihrer Phantasie her mehr zu als Erwachsenen"

Gespräch mit Sybille Tafel

(Interview zum Film AUSFLUG IN DEN SCHNEE)

Geboren 1966 in München. Nach Schauspielunterricht und Praktika als Radio- und Fernsehtechnikerin und Fotografin studierte Sibylle Tafel von 1989 bis 1996 an der HFF München. "Ausflug in den Schnee", 26 Minuten, Farbe, ist ihr Abschlussfilm. Sibylle Tafel ist Mutter einer achtjährigen Tochter.

KJK: An Ihrer Bürotür steht "Story & Board" – wer ist wer?
Sybille Tafel: "Story bin ich, Board ist Vera Rüdiger, die den Film auch ausgestattet hat bis hin zur Organisation des Schnees."

"Ausflug in den Schnee" ist Ihr Abschlussfilm bei der Hochschule für Fernsehen und Film München, das heißt, Sie haben nicht nur Regie geführt, sondern auch die Geschichte geschrieben. Warum haben Sie sich für ein Kinderthema entschieden?
"Ich mag den Charakter von Kindern. Deren Sichtweise ist spannender als bei Erwachsenen, die schon in ihren Rollen festgelegt sind. Kindern traue ich von ihrer Phantasie her mehr zu."

Von welchen Filmen wurden Sie geprägt?
"Steven Spielberg hat mich schon früh sehr beeindruckt. Er hat ja oft Kinder als Hauptfiguren. Ich gucke das am liebsten, da passiert am meisten, da kann man die Phantasie spielen lassen, muss nicht Probleme wälzen."

In Ihrem Film gibt es sehr wohl Probleme, das pummelige Mädchen Nico hat unübersehbare, die anderen Kinder sind auch keine Frohnaturen ...
"Ich weiß aus der Erinnerung, dass auch ich als Kind gelitten habe, Emotionen gingen rauf und runter."

Waren Sie auch mal ein zu dickes Mädchen?
"Ja. Der Film ist in diesem Punkt autobiografisch. Kinder sind so gnadenlos, so rücksichtslos, dann wieder können sie auch von einer Minute zur anderen alles vergessen."

Glauben Sie, dass die Kinder heute sich anders verhalten als vor zwanzig Jahren?
"Das glaube ich nicht. Ich habe selbst eine achtjährige Tochter. Oberflächlich erscheinen die Kinder heute selbstbewusster, aber in Wirklichkeit sind sie genauso verunsichert in ihren Gefühlen wie ich es war. Ich beobachte das an meiner Tochter, ein Großstadtkind. Einerseits kann sie mit klarem Blick Dinge erfassen, andererseits ist sie verträumt."

Wir empfinden es als angenehm, dass Sie sich nicht mit zeitgeistigen Sprüchen bei den Kids anbiedern.
"Ich habe mich gefragt, soll ich recherchieren, soll ich mir die Sprache der Kids aneignen, doch was soll der Schmarrn. Das Vokabular ändert sich. Aber der 'Stinkefinger', Wörter wie 'Arschloch' oder 'Tampon' lösen dasselbe aus – Scham. Diese Dinge habe ich bewusst rein geschrieben."

Wo haben Sie die Filmkinder gefunden?
"Gloria Wörthmüller, die als Nico die Hauptrolle spielt, haben wir von der Straße weg gecastet. Sie ist die einzige der jungen Hauptdarsteller, die noch keine Erfahrungen mit Film hatte. Nessie Nesslauer machte das Casting und das hat sie sehr gut gemacht. Sie hat ein Gefühl für Kinder."

Ist Gloria so stabil wie Nico?
"Ja, es ist ein ganz tolles Mädchen. Sie hat die Rolle gespielt und es geschafft, über ihren eigenen Schatten zu springen. Nach den Dreharbeiten hat sie rumgeflirtet und rumgeschäkert. Ein witziges, selbstbewusstes Mädchen, das auch Gedichte schreibt."

Ihr Kurzspielfilm wurde beim Kinderfilmfestival in Gera mehrfach ausgezeichnet, lief mit großem Erfolg beim Kinderfilmfest München. Was ist Ihr nächstes Projekt?
"Ein 'Ausflug in den Schnee' als Langfilm, mit denselben Darstellern. Sie zu halten, wird schwierig, denn Kinder verändern sich ja schnell. Wenn es klappt, dass wir diesen Film noch in diesem Winter machen, kann es gelingen. Die Bavaria hat das Drehbuch gekauft, als Fernsehfilm könnte ich es eventuell realisieren. Als Kinofilm dauert es länger. Es wird ein teurer Film, wegen der Kinder. Ich rechne mit 30, 35 Drehtagen. Hinzu kommen die Tricks mit dem Bus, all das muss sauber gemacht werden. Wir wissen ja ungefähr, was es kostet, allein den Bus zu bauen."

Strecken Sie die Geschichte von 26 Minuten auf Spielfilmlänge?
"Es wird eine andere Dramaturgie geben. Die Lawine löst sich etwa in der Mitte der Filmgeschichte, davor passiert eine ganze Menge. Nico und Jana hassen sich, weil Nicos Vater zur Mutter von Jana gezogen ist. Riesenprobleme und Riesenwut auf beiden Seiten. Aber dann entwickelt es sich schon zur Geschichte von fünf Kindern, die mit einer außergewöhnlichen Situation fertig werden müssen. Auch in diesem Film wird der Lehrer tödlich verunglücken."

Der Lawinentote im Bild – ist diese Szene für den Film notwendig?
"Ja, der Tote muss sein. Diese Leiche ist ja eine Horrorleiche. Ich habe dem Lehrer extra eine gefrorene Brille aufgesetzt und Schnee in den Mund gegeben. Eine eingefrorene Leiche hat etwas Gruseliges, es ist nicht real. Ich finde die Szene wichtig und toll. Es ist doch absurd, wenn Leute meinen, man kann Kindern eine solche Szene nicht zumuten. Die Kids werden doch ständig mit Sachen konfrontiert, die weit über das hinausgehen. Wenn ich daran denke, was meine Tochter schon alles verarbeiten muss ..."

Bei "Ausflug in den Schnee" zeichnen Sie für Buch, Regie und Schnitt. Sybille Tafel, eine Autorenfilmerin?
"Ich finde Autorenfilm gar nicht gut. In der Hochschulzeit ja, da habe ich alles gern gemacht. Beim Schreiben denkt man: Es wird schon gehen ... Aber jeden Fehler, den man beim Schreiben macht, bekommt man doppelt serviert – beim Inszenieren und im Schneideraum. Jetzt schreibe ich und inszeniere. Und das ist schwer genug."

Lassen Sie sich beim Drehen von den Kindern etwas sagen?
"Ja, zum Beispiel inszenierte ich fürs ZDF 'Jenny', eine reine Regiearbeit. Die Hauptrolle spielte ein Mädchen, Susanne ... aus Ostberlin, das schon in elf Filmen mitgewirkt hat, sehr professionell, sehr anstrengend, diskussionsfreudig. Die Kollegen waren genervt, sagten zu mir, was redest du überhaupt mit dieser Rotzgöre. Aber wenn sie mir als Schauspielerin etwas anbietet, werde ich doch auf sie eingehen."

Sie gehören einer neuen Generation von Filmemachern an, die ihre Geschichten ohne Umschweife, professionell und schnell realisieren.
"Da haben die Privatsender etwas angeschoben: Junge sollen ran. Bei den Öffentlich-Rechtlichen ist neuer Druck entstanden, die sagen sich, wir müssen jung bleiben. Das hat positive Auswirkungen für uns, allerdings auch Probleme. Denn es gibt nicht mehr Zuschauer, der Kuchen teilt sich. Es gibt auch nicht mehr Geld, aber es muss wesentlich mehr produziert werden."

Mit Sibylle Tafel sprachen Gudrun Lukasz-Aden und Christel Strobel

 

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