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Ausgabe 73-1/1998

DER EISSTURM

THE ICE STORM

Produktion: Good Machine / Fox Searchlight Pictures; USA 1997 – Regie: Ang Lee – Buch: James Schamus – Kamera: Frederick Elmes – Schnitt: Tim Squyres – Musik: Mychael Danna – Darsteller: Joan Allen (Elena Hood), Kevin Kline (Ben Hood), Cristina Ricci (Wendy Hood), Tobey Maguire (Paul Hood), Sigourney Weaver (Janey Carver), James Sheridan (Jim Carver), Elijah Wood (Mikey Carver) u. a. – Länge: 112 Min.- Farbe – FSK: ab 12 – Verleih: Pandora (35mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Ort des Geschehens ist die Vorstadt New Canaan im Staate Connecticut. Man schreibt das Jahr 1973. "Die phantastischen Vier" – dieser Comic über die positive wie negative Kraft einer Familie, prägt das Weltbild des 16-jährigen Knaben Paul, Sohn von Ben und Elena Hood, Bruder der 13-jährigen Wendy. Pauls Familie ist auf andere Weise phantastisch: Sie hält seit Jahren eine Fassade aufrecht, hinter der Lüge und Täuschung wohnen. Der Vater hat ein Verhältnis mit der befreundeten Nachbarin, die Mutter begeht kleinere Diebstähle als Ventil für ihre wachsende Frustration. Gefühle werden überspielt. Wendy ist entschlossen, ihren eigenen Weg zu gehen. Die Mutter ahnt die Freiheits- und Unabhängigkeitsbedürfnisse ihrer Tochter. Als sie Wendy auf dem Fahrrad vorbeisausen sieht, beneidet Elena sie darum. Wendy ist ein typisches Kind ihrer Zeit: rebellisch, klug, frühreif. Sie raucht, sie trinkt, sie provoziert und probiert Jungen – aus purer Neugier. Paul hingegen, der auf dem College weilt, verliert sich in seinen romantischen Liebesträumen mit den ganz realen Wünschen.

An "Thanksgiving", dem Erntedankfest, kommen alle zusammen. Wie jedes Jahr. Heile Welt – das wünschen sich die Eltern. Sie geben sich redlich Mühe, dieses Stück zu inszenieren. Doch die Kinder lassen sich nicht täuschen, wissen vom Verhältnis ihres Vaters, durchschauen das Spiel der Mutter, die so tut, als wisse sie von nichts. Sie spielen nicht mit in der Harmonie-Vorstellung. Wendys Tischgebet, zu dem sie der Vater aus alter Familientradition ermuntert, gerät zur Anklage: "Gott, wir danken dir ... auch für das Napalm, das in Vietnam Kinder verbrennt, für das Massaker an Millionen von Indianern ..." Die Idylle lässt sich nicht weiter aufrechterhalten.

Jeder geht wieder seiner eigenen Wege. Paul fährt nach New York, um seinen College-Schwarm Libbets zu treffen, den er allein zu Haus wähnt. Wieder ist ihm jemand zuvorgekommen. Ihm bleibt nur die Rolle des guten Freundes, eine, die er zur Genüge kennt. Wendy irritiert die beiden Nachbarjungen, den sensiblen älteren, den aggressiven jüngeren. Ebenso interessiert sie sich für die Nixon-Krise, die sich anbahnende Watergate-Affäre. Und kann gar nicht verstehen, dass den Eltern das alles egal ist.

Ein Eissturm wird angekündigt. Die Bevölkerung wappnet sich, hat Kerzen im Haus für eventuelle Stromausfälle, schaut gelassen diesem bizarren Naturschauspiel entgegen, das alles, was draußen ist, mit Eis überzieht, glitzern und zerbrechen lässt. Paul ist im Rück-Zug von New York, Wendy bei den Nachbarjungen, die Eltern auf einer Party, als der Eissturm den Ort erreicht. Es ist eine sogenannte "Schlüsselparty", Partnertausch inbegriffen. Die Stimmung bleibt trotz ausgerufener Fröhlichkeit frostig. Die Nacht endet mit einer Katastrophe. Zurück bleibt die Familie Hood. Nein, es sind keine phantastischen Vier, sondern zwei tief verstörte Eltern, zwei klar und kühl blickende Kinder.

Der Regisseur Ang Lee hat den Roman des Schriftstellers Rick Moody (Jahrgang 1961) verfilmt. Der Autor war also im Jahre 1973 etwa in Wendys Alter. Ihm wie dem Regisseur gelingt es, die 70er-Jahre auferstehen zu lassen, das Gefühl jener Zeit zurückzuholen – die Zeit der Frauenbewegung, der antiautoritären Erziehungsmodelle, der sexuellen Befreiung. Auf berührende Weise zeigt der Film die Überforderung, die Orientierungslosigkeit der Erwachsenen, die Gefühle der Kinder. Wendy und Paul sind sich selbst überlassen, wie auch die beiden Nachbarjungen. Von den Eltern ist keine Hilfe zu erwarten. Die haben genug mit sich selbst zu tun. Ihren Vorbildcharakter haben sie längst eingebüßt. Mit unsentimentalem Blick taxieren die Kinder die Welt, die Unaufrichtigkeit der Eltern, die Verlogenheit der Politiker. Ihr Wunsch, nicht so zu werden wie sie, ist stark.

Nichts scheint die beiden Generationen mehr miteinander zu verbinden, und doch sind sie aufeinander angewiesen. Das Schlussbild des Films bleibt lange im Kopf: Die Familie Hood im Auto. Der Vater bricht weinend am Steuerrad zusammen, im Gesicht der Mutter scheint Mitgefühl auf. Die Kinder schauen einander an, mit eigenen Gedanken über das Leben, die Welt. Ang Lee ist mit seinem Film über die Familie ein Familienfilm gelungen, ein Film, den Eltern mit ihren Kindern oder – besser – Kinder mit ihren Eltern anschauen sollten.

Gudrun Lukasz-Aden

 

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