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Ausgabe 53-1/1993

Schwer, aber nicht hoffnungslos

Gespräch mit Fred Noczynski, Regisseur des Films "Sprache der Vögel"

(Interview zum Film SPRACHE DER VÖGEL)

"Sprache der Vögel" (1991) war die letzte Filmproduktion für Kinder des Deutschen Fernsehfunks in Berlin-Adlershof. Schon während der Dreharbeiten wurde eifrig abgewickelt – "gemühlfenzelt", so hieß das damals unter den Kolleginnen und Kollegen. Als der Film am 17. April 1992 morgens um 9.00 Uhr im ARD-Gemeinschaftsprogramm lief, war das unwiderrufliche "Aus" – auch für die Abteilung, die seit 1952 unzählige (Denn: Wer wird sie noch zählen?!) Sendungen, Film- und Fernsehproduktionen für Kinder realisiert hat – schon verklungen. Der Film erhielt auf einer Veranstaltung des Bundesverbandes Jugend und Film e.V. und Jugendhof Scheersberg in diesem Jahr die höchste Bewertung, wurde auf dem letzten Internationalen Kinderfilmfestival in Frankfurt/Main lobend erwähnt und sorgte im Herbst 92 während einer Kinder-Kino-Tournee durch mehrere Bundesländer für volle Häuser.

Regisseur Fred Noczynski (Jahrgang 1939) arbeitete seit 1965 beim DFF, davon 22 Jahre für Kinder, und legte in dieser Zeit 16 recht unterschiedliche Arbeiten für diese Altersgruppe vor. Der Abgesang eines Profis sind die nachfolgenden Auszüge aus einem Interview, das Joachim Giera mit Fred Noczynski führte, dennoch nicht.

KJK: Die Geschichte und ihre Struktur ist, so wie ich sie gesehen und empfunden habe, die eines Abschieds: Abschied von einem lieben Menschen, das erzählt der Plot, dahinter aber steht – allegorisch sozusagen – der Abschied von einer Etappe Fernsehgeschichte in Deutschland, ob nun wirklich jedem Zuschauer liebgeworden und vertraut, sei mal dahingestellt.
Fred Noczynski: "Die Doppeldeutigkeit war nicht zu verhindern, weil sich die Mitarbeiter an diesem Film während der Realisierung selbst reduzierten, 'abgewickelt' wurden. Ich habe mit 35 Leuten angefangen, und mit 12 haben wir aufgehört. Die ständigen Entlassungen zwangen uns, jeden Morgen zu fragen, wer ist überhaupt noch da, wo sind die zwei Hände übrig, die die Requisiten oder die Kostüme entladen, die Bühne mitmachen, haben wir noch genug Leute, um den Tagesablauf über die Runde zu kriegen."

Wie hat sich das auf die Dreharbeiten ausgewirkt?
"Gar nicht. Es war abenteuerlich, weil die, die zum Schluss noch da waren, sich dennoch in einer Aufbruchstimmung befanden. Wir wollten das packen bis zum Schluss. Der Abwicklung der ganzen Kinderdramaturgie haben wir bewusst gegengesteuert, indem wir mit zwei Köpfen, vier Händen und mehreren Beinen arbeiteten."

Wie kam es, dass Du derjenige Regisseur warst, der "als letzter die Tür zumachte"?
"Ich habe davor eine Geschichte gemacht, die sich um Behinderte drehte, um ein kleines Mädchen von 5, 6 Jahren. Ich fand den Übergang von 'Weiße Kreide für Franziska' bis 'Sprache der Vögel' altersmäßig in der Gruppe wohltuend für mich und konnte an diese Arbeitsfrage ansetzen. Und das hat man erkannt und mein Engagement dazu."

1991 wurde eine Entwicklung – auf welche Weise auch immer – beendet. Die Institution "Deutscher Fernsehfunk", später dann "Fernsehen der DDR" gibt es nicht mehr. Wir leben unter/in anderen Verhältnissen. Ich denke, dass das technische und künstlerische Potenzial nach wie vor da ist ...
"Bestimmt."

Könntest Du beschreiben, was von den knapp 40 Jahren DDR-Kinderfernsehen Bestand haben wird? Könntest Du mir sagen, was aus diesem Potenzial, dieser Anhäufung von Kreativität, Wissen und Erfahrung, werden soll oder werden könnte?
"Mehrere Fragen auf einmal, das ist normal bei der Problematik. Alles Material, was aufgezeichnet wurde, ist vorhanden. Die Aufzeichnungen beginnen Anfang der 70er-Jahre. Aber auch Material aus den Jahren zuvor – also der früheste Schwarz-Weiß-Film, das alles sollte archiviert und gesichtet werden. Ich habe mir in den Archiven einiges angesehen. Da ist manches nicht nur einfach sendefähig, sondern es sind sehr interessante Sachen vorhanden, die eine Aufbereitung und erneute Ausstrahlung lohnten. Das ist die eine Sache. Was bleibt, sind erst mal die künstlerischen Ergebnisse."

Ich meinte meine Frage mehr in ideeller Hinsicht.
"Richtig. Was da bleibt, ist ein Spiegelbild der DDR-Entwicklung im Format für Kinder eingerichtet. Wenn sich jemand die Mühe machen würde, Markierungen für bestimmte Jahre herauszunehmen, um DDR-Geschichte darzustellen, dann findet man das auch in diesem Material. Ob das nun Publizistik ist, Unterhaltung oder die Dramatik für Kinder. Diese 'kleinen' Dinge sind ebenso ein Spiegelbild von DDR-Chronik, und sie sind vorhanden. Wie weit man das alles nutzen kann – oder sagen wir mal 'einrichten' kann für eine abermalige Nutzung – entzieht sich meiner Kenntnis. Aber zumindest wäre das eine interessante Aufgabe ..."

Ich komme nicht zu dem Punkt, zu dem ich eigentlich hin will, also frage ich anders: Was hat das DDR-Kinderfernsehen in den 40 Jahren geleistet?
"Die Generation der Mittvierziger bis Mittfünfziger, die jetzt arbeitslos ist, wurde mit dem DDR-Fernsehen groß, mit gewissen Standardfiguren, Reihen oder Sendeachsen, Markierungen, von denen ich sprach, die Kinder an den Fernsehapparat lockten, die sie erwartet haben. Und ich erinnere mich noch sehr gut, wenn wir eine Live-Sendung machten mit 'Meister Nadelöhr' zum Beispiel. Das war faszinierend für die Kinder. Das hat sich abgelichtet wie ein Film im Leben dieser nun erwachsenen Leute. Eine Sache, die im Moment natürlich verschwunden ist. Es gibt andere Standardfiguren, andere Sender, andere Gesellschaften, andere Verhältnisse ..."

Ich wollte nicht mit einem Vorurteil fragen. Dennoch: Was bleibt in den Köpfen dieser Generationen vom DDR-Fernsehen? Was hat der Sender da im positiven wie im negativen Sinne geleistet, weitergegeben?
"Moralvorstellungen ...!"

... die wir alle geglaubt, später vielleicht auch angezweifelt haben, von denen wir uns lösen konnten oder auch nicht.
"Stimmt. Diese Moralvorstellungen waren natürlich identisch mit der Gesellschaft. Wo meine Kritik ansetzt, ist, dass die Auswahlkriterien bei dieser Vermittlung so dogmatisch waren. Das betraf vor allem die Konfliktfreiheit in den Geschichten, dass die Lösung der Konflikte immer so glatt gehen sollte. Und vor allem war die Aussage immer in irgendeiner Weise verknüpft mit Partei und Regierung."

DDR-Fernsehen hatte von dort einen klaren Bildungsauftrag, besaß ganz sicher auch einen Unterhaltungseffekt, erfüllte auch einen künstlerisch-ästhetischen Anspruch, war aber zuerst ein verlängerter Arm der Partei, der SED.
"Das war es sicher. Gerade in der Publizistik oder in unterhaltende Sendungen wurden Teile davon hineingewebt als Muster in den Teppich, dass die Vordergründigkeit mitunter gar nicht so zum Tragen kam. Punktuell war das alles im Kleinen sichtbar ..."

Wie würdest Du "Sprache der Vögel" in Dein Regieschaffen einordnen?
"Es ist sicher nicht die letzte, sondern die wichtigste Arbeit für mich, da will ich weitermachen. Denn es gab ihn im Sozialismus der DDR nicht und es gibt ihn nirgendwo, den heilen, rundum gesunden Menschen, sondern es gibt also doch tragische und bedeutsame Konflikte, die – in dieser Zeit – vor allem Kinder auszutragen haben. Das Thema dieses Films war der Tod. Dass es gerade mit der Abwicklung des Senders, wo ich gearbeitet habe, zusammenfiel, war sicher schwer gewesen, aber nicht hoffnungslos!"

(Der Filmwissenschaftler Dr. Joachim Giera arbeitet zur Zeit als Projektleiter im "Luisen-städtischen Bildungsverein e.V.", Berlin, in einer Arbeitsgruppe, die sich mit der DDR-Fernsehdramatik der 80er-Jahre beschäftigt.)

 

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