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Ausgabe 73-1/1998

LAWN DOGS

Produktion: Toledo Pictures; Großbritannien 1997 – Drehbuch: Naomi Wallace – Regie: John Duigan – Kamera: Elliot Davis – Darsteller: Mischa Barton (Devon), Sam Rockwell (Trent), Kathleen Quinlan (Clare), Christopher McDonald (Morton), Bruce McGill (Nash) u. a. – Länge: 95 Min. – Fassung: O.m.U. (Hofer Filmtage) und dtF – Farbe – Verleih: Pandora (35 mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Es war einmal einer jener berühmt-berüchtigten grünen Vororte, die beispielsweise auch in "Der Rasenmähermann" und vor allem in Tim Burtons Märchenfilm "Edward mit den Scherenhänden" genüsslich karikiert werden und als Sinnbild eines modernen, entfremdeten und nach stereotypen Verhaltensmustern ablaufenden Lebens gelten. Auch in Camelot Gardens stehen schmucke Einfamilienhäuser mit Garage in Reih und Glied, davor ein gepflegter Rasen, der nicht betreten werden darf. Die Männer fahren jeden Morgen zur selben Zeit in die Arbeit, die Frauen tun es ihnen gleich oder sie langweilen sich allein und mit anderen Frauen zusammen und schlagen die Zeit tot. Kinder gibt es dort auch, aber die sind schon mindestens so angepasst wie ihre Eltern, halten sich für etwas Besonderes und sind sich am Tag allein überlassen und dennoch 'wohlbehütet'. Denn damit die scheinbare Idylle auf gar keinen Fall gestört wird, gibt es in Camelot Gardens auch noch eine Umzäunung und einen Wachposten, der für Ruhe und Ordnung sorgt. Nur zwei Menschen fühlen sich in dieser Umgebung nicht wohl: Der 21-jährige Trent Burns haust in einem nahe gelegenen Wald in einem Wohnwagen und verdient sich sein Geld mit dem Mähen der Rasenflächen. Als Außenseiter in dieser feinen und reichen Umgebung wird er von den Erwachsenen häufig übers Ohr gehauen und von den Kindern drangsaliert – aber er braucht das Geld dringend. Die zehnjährige Devon, ein lebhaftes und äußerst phantasievolles Mädchen, ist mit ihren Eltern erst neu zugezogen, hat keine Freunde und vertreibt sich die Zeit mit den gruseligen Märchen von Baba Yaga, die sie von ihrem Onkel erzählt bekam.

Eines Tages soll Devon für die Young Rangers Plätzchen verkaufen, doch dann verlässt sie aus Neugier und gegen die ausdrücklichen Ermahnungen der Eltern den Ort und entdeckt im Wald den Wohnwagen von Trent, der sie an die Höhle von Baba Yaga erinnert. Trent will anfangs nicht, dass sich eine Zehnjährige bei ihm herumtreibt und sich mit ihm anfreundet, doch das Mädchen kommt immer wieder und lässt nicht locker. Trent fährt einen uralten Ford wie ihr Onkel und außerdem wäre er genau so wie sie fast einmal gestorben, und hat fast so große Narben wie sie durch ihre Operation. Als sie dann daheim arglos erzählt, Trent hätte ihr seine Narben gezeigt und die ihrigen angefasst, beginnt eine beispiellose Hetzjagd auf den ungeliebten Störenfried, der sich angeblich "an kleinen Kindern vergreift". Als Trent um sein Leben fürchten muss, versucht Devon ihren Freund mit Hilfe einer Pistole und der Zauberkräfte von Baba Yaga zu retten ...

John Duigans modernes Märchen über eine ungewöhnliche und mit Vorurteilen, Ängsten und Befürchtungen beladene Freundschaft ist nicht minder anarchisch, gruselig, grausam und am Ende doch wieder versöhnlich, wie die alten Märchen der Gebrüder Grimm, in denen beispielsweise zwei unschuldige Kinder eine böse Hexe in den Ofen werfen. Wie viele Märchen hat auch "Lawn Dogs" (sinngemäß: Hunde, die sich auf einem gepflegten Rasen aufhalten) eine ausgeprägte gesellschaftskritische Komponente und vermittelt ein Stück kollektive Lebensweisheit, enthält in seiner Erzählstruktur auch bekannte Topoi eines Märchens, etwa die Erfahrungswelt von Kindern in Abgrenzung zu den Erwachsenen, der Reiz des Verbotenen, die Suche nach einem anderen, besseren Leben, die Erkenntnis dessen, wer bzw. was gut und böse ist, das Eintreten für das Gute, die Beeinflussung der Realität durch Phantasie und Zauberei usw.

Wenn dieses flott und spannend erzählte Märchen dann, obwohl es sich sehr feinfühlig auf eine kindliche Erlebniswelt einlässt, weniger für Kinder, als für ein breites Publikum (Jugendliche und Erwachsene) gedacht ist, liegt das an seinem teilweise sehr realistischen Inszenierungsstil, an der zumindest gestreiften Thematik, die vor dem aktuellen Hintergrund der tragischen Fälle von Kindesmissbrauch möglicherweise eine besondere Brisanz erhält, und daran, dass hier vor allem das Fehlverhalten von Erwachsenen unter die Lupe genommen wird. Sehenswert ist "Lawn Dogs" aber allein schon wegen seiner Hauptdarstellerin Mischa Barton, die in ihrer humorvollen Präsenz und mit ihrer schauspielerischen Begabung durchaus an der jungen Jody Foster gemessen werden kann.

Holger Twele

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 76-1/1998 - Interview - "Ich finde es tragisch, dass inzwischen jede Beziehung zwischen einem Kind und einem Erwachsenen schon verdächtig scheint"

 

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