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Ausgabe 73-1/1998

DAS VERSPRECHEN

LA PROMESSE

Produktion: Les Films du Fleuve / Touza Prod.&Touza Films / Samsa Film / RTBF; Belgien / Frankreich / Luxemburg 1996 – Regie: Luc & Jean-Pierre Dardenne – Drehbuch: Luc & Jean-Pierre Dardenne, Léon Michaux, Alphonse Badolo – Kamera: Alain Marcoen – Schnitt: Marie-Hélène Dozo – Musik: Jean-Marie Billy, Denis M'Punga – Darsteller: Jérémie Renier (Igor), Olivier Gourmet (Roger), Assita Ouédraogo (Assita), Rasmané Ouédraogo (Hamidou) – Laufzeit: 93 Min. – Farbe – Verleih: Peripher (35 mm – OmU) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Ein freundlicher Jugendlicher bedient eine alte Dame an einer Tankstelle. Doch in einem unbeobachteten Moment stiehlt er ihre Brieftasche; so als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Das ist unsere erste Begegnung mit dem 15-jährigen Igor, für den Moral und Ethik offenbar so gut wie keine Rolle spielen. Kein Wunder, lebt er doch mit seinem Vater in Antwerpen vornehmlich von der Ausbeutung illegaler Arbeitsimmigranten; jenen hierzulande von rechter Propaganda in Verruf gebrachten Wirtschaftsflüchtlingen, die – angelockt von den glitzernden Metropolen des Kapitalismus der 90er – jede Entbehrung auf sich nehmen, um sich und ihre Familien über Wasser zu halten. Doch Igor und sein Vater Roger sehen in ihnen keine Menschen, sondern nur eine Ware, die Geld bringt; Geld, das sie für die Erfüllung ihres Lebenstraumes vom eigenen Häuschen brauchen. Und so nimmt Igor mit seinem Vater die Illegalen in Empfang, bringt sie in verfallenen Abbruchhäusern unter, kassiert die Miete und erledigt auch sonst kleinere Arbeiten für seinen Erzeuger, wobei er seine Lehrstelle in einer Kfz-Werkstatt dermaßen vernachlässigt, dass der Meister sich gezwungen sieht, ihn zu kündigen. Denn Igor liebt seinen Vater über alles, auch wenn dieser seinem Sohn gegenüber nur allzu selten väterliche Liebe äußert, und auch dann nur in verzerrter Form. Er behandelt Igor eher wie eine Mischung aus Botenjunge und Kumpel, besorgt ihm schon mal eine Frau (natürlich für Geld), schlägt aber auch brutal auf ihn ein, wenn Igor nicht so funktioniert, wie Papi das möchte.

Eines Tages verunglückt einer der Illegalen auf der Flucht vor einer Polizeirazzia so schwer, dass man ihn ins Krankenhaus bringen müsste. Roger aber zwingt seinen Sohn, den Schwarzen Hamidou sterben zu lassen, damit seine illegalen Geschäfte nicht auffliegen. Er ahnt nicht, dass der sterbende Hamidou Igor das Versprechen abnimmt, sich um seine Ehefrau Assita und seinen kleinen Sohn zu kümmern. Dieses Versprechen bildet den Wendepunkt in Igors Leben, der es zwar (noch) nicht übers Herz bringt, der Frau die Wahrheit zu sagen, sich jedoch verzweifelt um sie bemüht, sie beschützt und versucht, sie mit falschen Papieren außer Landes zu schaffen. Doch Assita will gar nicht weg, denn sie spürt, dass sich ihr geliebter Ehemann ganz in der Nähe befindet. Als Igor erfährt, dass sein Vater Assita als Hure nach Köln verkaufen will, flieht er mit ihr. Die Wahrheit über Hamidous Tod kann er aber immer noch nicht preisgeben; zu stark ist seine Bindung an den Vater. Erst als dieser sich in einer letzten gewalttätigen Konfrontation erneut weigert, wie ein Mensch zu handeln, wechselt Igor endgültig die Seite. Auf dem Weg zum Zug, der Assita außer Landes bringen soll, berichtet er ihr, was geschehen ist. Gemeinsam machen sie kehrt und verschwinden in der Menge.

Ein offener Schluss wie dieser ist vielleicht nur vor dem Hintergrund der belgischen Verhältnisse verständlich. Denn in einem Land, wo offenbar seit Jahrzehnten Lüge und Korruption herrschen, wo Kinderhändler wie Marc Dutroux wohl von höchsten Stellen gedeckt werden, scheint brutal offene Wahrheit notwendiger denn je; auch wenn – wie in diesem Film – keiner weiß, was am Ende das Ergebnis dieser Offenbarungen sein wird. Die Brüder Dardenne kommen aus dem Dokumentarfilm, und das merkt man ihrer Arbeit an. Ohne inszenatorische Mätzchen, mit viel direkter Handkamera, schildern sie ein Milieu moralischer Verkommenheit, in dem allein das Geld regiert und die, die kaum etwas haben, die ausbeuten, die gar nichts haben. Schonungslos offen beschreibt der Film die Situation der illegalen Arbeitsimmigranten, die Gewalt der Menschenhändler und wie ein Mensch auf der Schwelle zwischen Kind und Mann von diesem Milieu korrumpiert und verschlungen zu werden droht und erst die Konfrontation mit der tödlichen Konsequenz dieses Milieus, aber auch mit einer starken westafrikanischen Frau, ihn zur Besinnung bringt. Denn ganz nebenbei schildern die Brüder, wie kraftvoll afrikanische Tradition und Solidarität sich selbst in grauer Städte Mauern Westeuropas entfalten und wie die Stärke dieser zu Beginn mehr wie ein Opfer wirkenden Frau auf den Jungen wirkt und ihm die Kraft verleiht, mit seinem Vater und dessen Kumpanen und Auftraggebern zu brechen. Zur Überzeugungskraft des Films tragen vor allem die intensiven und überaus authentisch wirkenden Darstellungen bei, die über weite Strecken nicht wie gespielt, sondern wie gelebt wirken. Ein Film irgendwo zwischen britischem Unterklassenkino eines Ken Loach oder Mike Leigh und der kunstvollen Lakonie Robert Bressons; anrührend, kraftvoll und authentisch erhielt er zu Recht den Preis der CIFEJ-Jury in Frankfurt 1997.

Lutz Gräfe

 

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