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Ausgabe 74-2/1998

CENTRAL DO BRASIL

Produktion: Video Filmes / Arthur Cohn Prod. / MACT Prod. Paris / Rio Filme; Brasilien / Frankreich 1997 – Regie: Walter Salles – Drehbuch: Joào Emanuel Carneiro, Marcos Bernstein, nach einer Geschichte von Walter Salles – Kamera: Walter Carvalho – Darsteller: Fernanda Montenegro (Dora), Marilia Pèra (Irene), Vinicius de Oliveira (Josué), Soia Lira (Ana), Othon Bastos (César) u. a. – Länge: 112 Min. – Farbe – Verleih: Buena Vista (35 mm), Kinostart: 27.8.98 – Auszeichnungen: Goldener Bär, Berlin 1998 – Altersempfehlung: ab 12 J.

Für Eingeweihte gilt das brasilianische Filmschaffen längst als Geheimtipp; dennoch schafft es nur selten ein Film aus diesem lateinamerikanischen Land in die deutschen Kinos. Mit "Central do Brasil" von Walter Salles könnte sich das ändern, zumal dieser Film für nahezu jeden Geschmack und für jedes Lebensalter geeignet ist. Er spricht die großen Gefühle auf der Leinwand perfekt an, ist dabei nicht nur unterhaltsam, sondern erzählt – zumindest für europäische Vorstellungen – einiges von den sozialen Problemen des Landes, ohne gleich zur Sozialtragödie zu werden. Vielleicht liegt das auch ein bisschen daran, dass Salles mit seinem Film reichlich Assoziationen zu anderen Filmen aus der Filmgeschichte weckt, von Charly Chaplin's "The Kid" bis hin zu Gianni Amelios "Gestohlene Kinder", ohne dabei sein Herkunftsland zu verleugnen.

Wie der Titel schon vermuten lässt, beginnt der Film im Hauptbahnhof von Rio de Janeiro, dem quirligen Mikrokosmos des gesamten Landes – aber das bunte Treiben dort, die geballte Ansammlung der unterschiedlichsten Menschen, Armen und Reichen, in ihrem geschäftigen Treiben oder mit ihren Träumen und Hoffnungen, bestimmt nur einen kleinen Teil des Films. Nach dem ersten Drittel entwickelt sich das vermeintliche Kammerspiel als Road Movie von der Stadt weg in die Landesteile hin. Zwei ungleiche Personen, eine ältere Frau und ein kleiner Junge, stehen im Mittelpunkt der filmischen Entdeckungsreise für den Zuschauer, die für die Protagonisten zur Reise in das Leben und in eine lebenswerte Zukunft wird.

Dora, eine enttäuschte und verhärmte ehemalige Lehrerin, verdient sich ihren Lebensunterhalt als Briefschreiberin für Analphabeten im Bahnhof von Rio de Janeiro. Täglich wird sie mit dem Leid und den Wünschen unzähliger Menschen konfrontiert, die ihren Wünsche und Illusionen in den diktierten Briefen Ausdruck verleihen. Doch daheim entscheidet Dora zusammen mit einer Freundin in selbstgerechter Richterpose, welche Briefe an die Adressaten gehen und welche gnadenlos im Papierkorb landen. Bis sich eines Tages ein tödlicher Unfall vor ihren Augen ereignet und den neunjährigen Josué zum Waisen macht. Dessen Mutter ließ kurz zuvor einen Brief an den Vater schreiben, der sich vor Jahren aus dem Staub gemacht hatte. Josué schlägt sich zunächst allein auf dem Bahnhof durch, bis Dora den Entschluss fasst, ihm zu helfen – zunächst aus purem Eigennutz, denn sie möchte ihn zur Adoption an eine Vermittlungsstelle für Organtransplantationen verkaufen. In letzter Minute besinnt sie sich und beschließt, sich mit dem Jungen auf die Suche nach dem Vater zu begeben. Auf der Odyssee mit unerwartetem Ende verliert Dora ihre gesamte Habe und alles, was ihr bislang wichtig war, doch dafür gewinnt sie ihre Selbstachtung zurück und das Herz des Jungen.

Absolut glaubhaft vermittelt die Darstellerin der Dora ihre wundersame Wandlung, und auch der Junge spielt, als würde es sich um einen Dokumentarfilm handeln. Das macht die große Stärke dieses liebenswerten Films aus, der manchmal freilich hart am Rande des Kitsches und möglicher Klischees inszeniert ist. Sicher hat das auch mit den exzessiv verwendeten Massenszenen zum brasilianischen Heiligenkult zu tun (und der Geschäftemacherei damit). Doch auch hier gelingt die Grenzziehung dank einer entfesselten Kamera, die innere Vorgänge der Figuren in Bewegung umsetzt. Ein sehenswerter Film, der auch zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Land – und allgemein mit Werten anregt.

Holger Twele

 

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