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Ausgabe 74-2/1998

PONETTE

Produktion: Les Filmes Alain Sarde Rhone-Alpes Cinéma; Frankreich 1996 – Regie und Buch: Jacques Doillon – Kamera: Caroline Champetier – Schnitt: Jacqueline Fano – Musik: Philippe Sarde – Darsteller: Victoire Thivisol (Ponette), Marie Trintignant, Xavier Beauvois, Claire Nebout u. a. – Länge: 93 Min. – Farbe – Verleih: TiMe Filmverleih (35mm, OmU), Kinostart: Herbst 1998 – Altersempfehlung: ab 8 J.

Wegen eines gebrochenen Armes wird die vierjährige Ponette in einem Krankenhaus behandelt. Sie leidet jedoch weniger unter diesem körperlichen Schmerz als unter dem Verlust der Mutter, die bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Ihr tief getroffener Vater bringt sie mit seinem Wagen aufs Land zu einer Tante. Unterwegs verteidigt Ponette ihre tote Mutter gegen den Vater, der ihr vorwirft, sie sei unvorsichtig gefahren. Am Ziel angekommen, versucht der Vater das verwirrte Kind zu trösten, doch ohne großen Erfolg. "Der Teddy wird sich um dich sorgen", sagt er zum Abschied, als er wieder zur Arbeit in die Stadt zurückfahren muss.

Die verständnisvolle Tante versichert Ponette, dass die tote Mutter nun bei Jesus sei. Das Mädchen will jedoch nicht verstehen, warum ihre Mutter nicht genauso von den Toten wiederauferstehen kann wie Jesus. Allen Gegenargumenten zum Trotz ("Großvater kam auch nicht zurück!") beharrt sie mit wachsender Bestimmtheit darauf, dass ihre Mutter zurückkommen wird. Im Spiel mit anderen Kindern findet Ponette etwas Ablenkung, wird allerdings auch mit kindertypischen kleinen Grausamkeiten konfrontiert. Etwa wenn ein gleichaltriger Junge zu ihr sagt: "Nur Zombies kommen zurück!" Schließlich wird Ponette in einer Art Pensionat im Süden Frankreichs untergebracht, wo ihre Einsamkeit noch zunimmt. Eines Tages flüchtet sie aus dem Heim, läuft durch die Wiesen und ruft weinend nach der Mutter.

Als ihr Vater sie besucht, beklagt sie sich: "Es ist nicht nett, wenn ihr mir Geschichten erzählt." Mit Geschichten meint sie Lügen – schließlich widerspricht der atheistische Vater der christlichen Tante, wenn er erklärt, es gebe keinen Gott, und das Kind so noch mehr verwirrt. Ohnehin schon sehr empfindlich, trifft es Ponette besonders hart, als ihr ein Spielkamerad beim Hantieren mit einer Spielzeugpistole vorwirft: "Sie ist tot, weil du böse warst." Da sie den Kontakt zu der schmerzlich vermissten Mutter nicht herstellen kann, wünscht sie sich zeitweise sogar den eigenen Tod. "Ich will sterben", sagt Ponette einmal zu dem kleinen Matthias. Die Phantasie ist es, die ihr schließlich einen Weg heraus aus der seelischen Krise weist: Die Vierjährige spaziert einmal mehr aufs Feld hinaus, um das frische Grab ihrer Mutter zu besuchen, und trifft in einer visionären Szene tatsächlich ihre Mutter, von der sie nun Abschied nehmen kann. Ihrem Vater berichtet sie später auf dem Weg zu einer Kirmes stolz: "Mama hat mir gesagt, ich soll lernen, glücklich zu sein."

Wie der französische Regisseur Jacques Doillon in diesem Seelendrama die grenzenlose Trauer eines Kindes auf die Leinwand bannt, ist schlicht erschütternd. Angesichts des Themas steht und fällt "Ponette" mit der Überzeugungskraft der Hauptdarstellerin. Dass Doillon es versteht, junge Schauspieler zu führen, hat er schon mehrfach bewiesen, so in "La fille de quinze ans" (1988) und "Le petit criminel" (1990). Das Maß an Sensibilität, Geduld und Einfühlungsvermögen, das erforderlich war, um die Arbeit mit den Kinderdarstellern, vor allem aber das Spiel der vierjährigen Victoire Thivisol zu einem solchen Kinoerlebnis zu machen, übertrifft seine früheren Leistungen bei weitem und macht Ponette zu seinem Opus Magnum. Umso mehr, als Victoire in fast jeder Einstellung zu sehen ist, und den Film damit völlig dominiert.

Ihre verblüffende Leistung beeindruckte auch die Große Jury des Filmfestivals von Venedig 1996 derart, dass sie die Vierjährige als Beste Darstellerin auszeichnete, eine mutige Entscheidung der Jury, die aber – angesichts hochkarätiger, international bekannter Schauspielerinnen – auch auf heftigen Widerspruch stieß.

Faszinierend ist vor allem der selbstverständliche Ernst, mit der Doillon kindliche Umgangsweisen mit existenziellen Fragen wie Tod und Auferstehung zur Anschauung bringt und damit auch Erwachsene zum Nachdenken und Hinterfragen von scheinbaren Selbstverständlichkeiten zwingt. Zu den Höhepunkten zählt in diesem Zusammenhang jene Szene, in der Ponette nachts in ihrem Bett Gott bittet, mit ihrer Mutter sprechen zu dürfen. Als ihr Gebet nicht erhört wird, sagt sie: "Gott antwortet nicht. Er ist böse auf mich."

Demgegenüber spielen die wenigen erwachsenen Darsteller in "Ponette" nur die zweite Geige. Besonders hervorzuheben ist die eindrucksvolle Leistung von Xavier Beauvois als verzweifelter Vater. Die behutsame musikalische Untermalung durch Philippe Sarde, der jede nahe liegende Sentimentalisierung vermeidet, und die sensible Kameraführung von Caroline Champetier, deren Kamera den Kindern stets nahe ist, ohne ihnen zu nahe zu rücken, tragen wesentlich zur nachhaltigen Wirkung des Porträts bei.

Nicht jeder Erwachsene wird gewillt sein, 93 Minuten lang ein Kind bei dessen schwieriger Trauerarbeit zu begleiten. Wer sich jedoch darauf einlässt und eine Portion Geduld für die ruhige Erzählweise aufbringt, wird diesen Film so schnell nicht vergessen. Kinder werden das sowieso nicht – sie werden jede Menge Fragen stellen. Erwachsene Begleitpersonen sollten also beim Kinobesuch viel Zeit für die Antworten mitbringen.

Reinhard Kleber

Zu diesem Film siehe auch:
KJK 98-2/2004 - Hintergrund - Porträt Jacques Doillon
KJK 75-2/1998 - Interview - "Mit Kindern drehen ist eine richtige Freude"

 

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