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Ausgabe 74-2/1998

WENN MAMA NACH HAUSE KOMMT ...

NÅR MOR KOMMER HJEM ...

Produktion: Thura Film A/S; Dänemark 1998 – Regie: Lone Scherfig – Buch: Lone Scherfig, Jørgen Kastrup, nach dem gleichnamigen Roman von Martha Christensen – Kamera: Dirk Brüel – Schnitt: Gerd Tjur – Musik: Kasper Winding – Darsteller: Kasper Emanuel Stæger (Kasper), Clara Johanne Simonsen (Sara), Pernille Kaae Højer (Julie), Ann Eleonora Jørgensen (Linda), Birthe Neumann (Sozialarbeiterin) u. a. – Länge: 73 Min. – Farbe – Weltvertrieb: Nordisk Film International Sales, Halmtorvet 29, DK-1700 Kopenhagen, Tel. 0045-3544 1111, Fax 0045-3543 4015 – Altersempfehlung: ab 8 J.

Kasper (11) hat etwas gesehen, und wir – das Publikum – haben es auch gesehen: Während seine Mutter mit den beiden Schwestern Sara (8) und Julie (5) durch den Supermarkt albert und Verstecken spielt, lässt sie nebenbei etwas mitgehen; sie klaut. Warum sie das tut, bleibt als Frage im Raum. Auf dem Parkplatz wird Frau Holm-Jensen überführt; kurze Zeit später bekommt sie eine Haftstrafe aufgebrummt. Warum die Justiz so überzogen reagiert, bleibt uns als weitere Frage im Kopf. Während der Abwesenheit der Mutter muss Kasper immer wieder einen Vater herbeischwindeln, die Sozialarbeiterin droht sonst den Geschwistern mit der Einweisung ins Heim. Warum sich kein anderer Weg im Wohlfahrtsstaat Dänemark für Kinder in Not finden lässt, merken wir uns als dritte Frage. So fängt ein Film an! Drei kurze Szenenkomplexe und die Fabel stehen, drei Fragen und wir sind gespannt auf die Antworten. Nun kann es losgehen! Um es vorwegzunehmen: Regisseurin Lone Scherfig enthält sich jeglicher Doziererei. Sie liefert auch keine fertigen Antworten. Unsere Fragen werden wir mitnehmen müssen in die Diskussion und das Nachdenken nach dem Film. Und dass geredet wird nach dem Film, über den Film und das eigene Leben, ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Er provoziert geradezu den Meinungsaustausch. Lone Scherfig kennt ihr junges (und erwachsenes) Publikum. Sie schafft es auch, einen ziemlich ernsten Sachverhalt nicht triefend-traurig zu transportieren, sondern mit Augenzwinkern und im heiteren Ton, die Mischung macht es. Sie weiß, was ihr "kleines und großes" Publikum im Kinosessel wünscht. Spannung kann sie obendrein erzeugen. Dennoch geht in der Fabel nicht alles seinen gestylten "Kevin-allein-zu-Hause"-Gang. In die unbeschwerte Fröhlichkeit der Geschwister bricht immer wieder die harte Realität des Alltags, die wirkliche Bedrohung. Kinder halten sie aus, eben weil sie fröhlich sein dürfen und nicht perfekt sein müssen. Gerade aus dieser Haltung der Regisseurin zu ihrem Publikum erwächst der hohe Identifikationsgrad mit den kindlichen Protagonisten, der Wiedererkennungseffekt mit dem eigenen Leben, die ungeteilte Sympathie für die Geschichte. Alles selbst schon mal erlebt! Vielleicht nicht in so zugespitzter Weise, aber ähnlich.

Dass die Fabel und ihre Figuren aber so "auf die Spitze" getrieben werden, unterstreicht nur jene Haltung der Regisseurin gegenüber Kindern, zu der auch das Vertrauen gehört, dass aktive, handelnde Kinder starke Kinder sind, die wir Erwachsenen niemals unterschätzen sollten. Die Darstellerkinder von Kasper, Sara und Julie gehören dazu. Da gibt es keine Effekthascherei und erwachsenes Großtun vor der Kamera. Die Kinder verbleiben in ihren Möglichkeiten, die Regisseurin weiß um sie und schöpft sie behutsam aus – wohltuende Natürlichkeit ist das Ergebnis. Sie sticht umso mehr hervor, als die erwachsenen Figuren im Gegensatz dazu ganz bewusst in die Nähe der Überzeichnung gerückt werden. Die Sozialarbeiterin liefert eine kleine Groteske ab, wodurch sie in ihrer Rolle als personifizierte Bedrohung der Kinder nur glaubwürdiger wird. Flankierend dazu mimt der dicke Nachbar den dunklen, undurchsichtigen Bösewicht, was zur Charakterisierung der Umstände völlig reicht. Den hellen Gegenpart hat der Lehrer-Kumpel-Freund zu spielen und dabei eine Menge Harmonie und Verständnis zu verbreiten. So sind die Gewichtungen wieder im Lot, das heißt, auf die handelnden Kinder kommt es an, sie bleiben im Zentrum der Fabel.

Nur bei der Mutter sieht die Regisseurin von einem "Überdreher" ab: ja, Frau Holm-Jensen stiehlt, auch scheint sie nicht gerade ein Organisationstalent in Sachen Hausarbeit zu sein, und was der Volksmund eine "lebenslustige Person" nennt, ist ihr sicher auch nicht fremd. Aber Lone Scherfig denunziert diese alleinerziehende Mutter in keiner Szene, mit keinem Wort. Die ist so, wie sie ist. Und an erster Stelle steht bei ihr die Liebe zu ihren Kindern. Für sie klaut sie auch – gelegentlich. Natürlich sollte das nicht die Norm sein. Aber nur Moralapöstelchen werden sich daran stoßen, die aufmerksamen Zuschauer jeglichen Alters werden sich auf die Suche nach Antworten auf jene oben schon gestellten Fragen begeben. Die moderate Filmlänge von 73 Minuten lässt dazu im Nachhinein noch genügend Zeit. Auch darin liegt der große Reiz des Films, der um seinen Erfolg im Kino nicht zu bangen braucht.

Joachim Giera

 

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KJK-Ausgabe 74/1998

 

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