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Ausgabe 74-2/1998

"Der Kinderfilm hat ein weltweites Publikum, und von daher gibt es auch einen weltweiten Bedarf"

Gespräch mit Jürgen Haase, Geschäftsführer Progress Film-Verleih Berlin

(Interview zum Film LORENZ IM LAND DER LÜGNER)

KJK: Gert Müntefering vom WDR provozierte kürzlich in einer Gesprächsrunde, indem er meinte, dass der Kinderfilm im "Ghetto" stecke. Was sagt dazu jemand, der gerade einen Verleih mit Schwerpunkt Kinderfilm übernommen hat?
Jürgen Haase: "Es ist ja nicht mehr zu leugnen, dass der deutsche Kinderfilm im Ghetto steckt. Da steckt er aber schon seit Jahren. Müntefering hat bei seiner Bemerkung sicher zunächst an den Kinderkanal gedacht. Hier haben wir einen spezifischen Spartenkanal. Das bedeutet für das Gesamtprogramm des Fernsehens, dass Kinderprogramm relativ selten an anderen Sendeplätzen vorkommt. Insofern haben wir eine Ghettoisierung. Wenn man sich aber die gesellschaftliche Entwicklung ansieht, stellt man fest, dass überhaupt alles spezialisierter und individualisierter wird. Da kann der Kinderkanal durchaus eine Chance bedeuten, hier kann Programm für Kinder gemacht werden. Ghetto ja, das kann aber positiv sein."

Mit dem Begriff Kinderfilm als solchen haben Sie kein Problem? Muss man nicht schon wegen des Potenzials an Zuschauern stattdessen eher an "Familienfilm" denken?
"Da kommen Sie auf die Kinosituation zu sprechen. Kinderfilme, die wirklich auf eine spezielle Zielgruppe ausgerichtet sind, sagen wir 8-12 Jahre, gehen im Kino fast überhaupt nicht mehr. Kinderfilme spielen das Geld, was sie gekostet haben, nicht mehr ein. Im gleichen Atemzug ist der wirtschaftliche Druck immer größer geworden. Auch seitens der öffentlichen Förderer. Um nun mehr Zuschauer in die Kinos zu bekommen, denkt man natürlich sofort an die ältere Generation. So wird der Familienfilm kreiert. Das mag in dem einen oder anderen Fall gelingen. Wenn aber sozusagen aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit abgeleitet wird, dass man den Kinderfilm ganz weglässt, um dafür den Familienfilm zu erfinden, da haben wir genau jenen Zustand erreicht, von dem ich immer sage, die Wirtschaft diktiert zunehmend unser menschliches Zusammenleben. Nicht nur im Hinblick auf den Kinderfilm finde ich das sehr bedauerlich."

Unter diesen Bedingungen haben Sie ja ein riskantes Geschäft gemacht. Sie sind jetzt Chef eines Verleihs, der als ein sehr wichtiges Standbein den Kinderfilm hat. Welche Motive spielten für Sie hierbei eine Rolle?
"Es ist richtig, was Sie sagen. Wir haben jetzt durch unser Engagement mit der 'drefa' gemeinsam 250 Kinderfilme aus dem DEFA-Filmstock. Diese Filme wurden seinerzeit in der DDR mit staatlicher Hilfe produziert und vertrieben und haben sich längst amortisiert. So können wir uns wirtschaftlich relativ unbelastet darauf konzentrieren, diese kulturell wichtigen Filme für Kinder in die Kinos zu bringen. Der DEFA-Filmstock ist für uns eine Basis für neue Projekte. Darunter werden sicher auch Produktionen im Kinderfilmbereich sein. Und zum anderen können wir mit den Kinderfilmen auf einer anderen Distributionsstrecke, nämlich der Videovermarktung, arbeiten. Das ist ein Bereich, der bis dato vernachlässigt worden ist. Für künftige Finanzierungen von Kinderfilmen halte ich das aber für sehr wichtig. Ansonsten kann ich nur sagen, man muss für jeden Kinderfilm, der ins Kino kommt, eine spezifische Strategie entwickeln."

Wichtig wäre, dass Kinderfilme nicht nur am Wochenende, sondern an jedem Tag im Programm eines Kinos auftauchen. Könnten Sie sich vorstellen, dass es eine Förderung gibt, die so eine Forderung beflügelt?
"Ich habe schon oft versucht, dies in die Filmlandschaft ein bisschen hineinzutragen. Man könnte Steueranreize anbieten. Wer Kinderfilm auch in der Woche regelmäßig spielt, bei dem könnte die Umsatzsteuer entfallen. Die Filmförderung könnte so eine Art Minimumgarantie bieten, damit eine zu geringe Zuschauerzahl wenigstens kein Verlust für die Kinobetreiber bedeutet."

Neue Kinderfilme am Markt zu platzieren, ist nicht leicht. Beispielsweise "Lorenz im Land der Lügner", der ist ja nun nicht so gelaufen, wie man sich das hätte vorstellen können. Was ermutigt Sie trotzdem, am Ausbau Ihres Kinderfilmstocks weiterzuarbeiten?
"Erst einmal zur wirtschaftlichen Situation des 'Lorenz', vielleicht als Prototyp eines Kinderfilmbeispiels. Ich habe immer gesagt, Kinderfilme sind, was ihre Amortisation angeht, Langzeitprojekte. Wer glaubt, mit einem Kinderfilm im ersten Jahr 200.000 Zuschauer zu erreichen, der irrt. Deshalb spreche ich von einem Langzeitauswertungsraum von fünf bis sieben Jahren. Es gibt ja immer eine nachwachsende Generation. Also, man muss den Auswertungszeitraum zunächst mit 60 Monaten ansetzen. Wir hatten mit 'Lorenz' in den ersten 12 Monaten knapp 20.000 Zuschauer. Das heißt, wir werden im gesetzten Zeitraum auf 50.000-60.000 Zuschauer kommen. Dies ist natürlich gemessen an anderen Filmen nichts, darüber bin ich mir im Klaren. Auf der anderen Seite, wenn uns der Markt keine andere operationsfähige Struktur zur Verfügung stellt und wir auch keine andere schaffen können, dann muss man mit diesem Pflänzchen weiterhin vorlieb nehmen. Das heißt für uns, dass wir jedes Jahr ein oder zwei neue Kinderfilme in das Programm nehmen werden. Wir werden in der deutschen Produzentenlandschaft Ausschau halten, wir werden auch sehen, was aus dem Ausland kommt. Bei unseren Bemühungen setzen wir auf die TV-Anstalten als Verbündete. Die haben sich mittlerweile in die öffentliche Förderung eingekauft. Hier muss ein gewisser prozentualer Anteil, ohne dass ich jetzt von Quotierung rede, für Kinderfilmproduktionen festgeschrieben sein. Ich sehe Fernsehen, öffentliche Förderung und Produktion als Einheit. Es werden zwei bis vier Kinderfilme im Jahr in Deutschland entstehen, weil es dafür im gesamten Markt ein Bedürfnis gibt. Die unterschiedlichen Partner müssen ein Interesse haben, an der Finanzierung gemeinschaftlich mitzuwirken. Dabei muss sich auch ein Weltvertrieb bis zu einem gewissen Grad engagieren. Der Kinderfilm hat ein weltweites Publikum, und von daher gibt es einen weltweiten Bedarf. 'Lorenz' ist bisher nach Belgien, Italien, Österreich und in die Schweiz verkauft worden, ohne dass wir uns groß anstrengen mussten. Vertreter der Fernsehanstalten sind auf Messen gekommen und haben ihn für ihren TV-Bedarf erworben. Künftig schließe ich nicht aus, dass es in anderen Ländern ähnliche Spartenkinderkanäle gibt, wie es in Deutschland der Fall ist. Entscheidend ist, dass Kinderfilme im Vertrieb und Verleih unterstützt werden. Die regionalen und nationalen deutschen Förderungen sehen das ausdrücklich vor. Leider machen wir die Erfahrung, dass aus wirtschaftlichen Gründen diese selbst gestellte verpflichtende Aufgabe von einigen Förderinstitutionen nicht wahrgenommen wird."

Welche Aspekte müssen heute beachtet werden, wenn man einen Stoff für eine Kinderfilmproduktion erfolgreich zur Realisierung führen möchte?
"Also da greife ich mal den Gedanken von Herrn Müntefering auf: Eine Überlegung muss ganz sicher sein, wie ich marktorientierte Kinderfilme zu produzieren habe. Das fängt mit der Stoffauswahl an. Dann muss ich eine Form finden, die den Sehgewohnheiten entspricht, die sich ja in der Tat verändert haben. Vielleicht entspricht dies den Gewohnheiten, wie Kino heute auch für Erwachsene funktioniert. Ich denke, man kann auch 'Jenseits der Stille' als Kinderfilm betrachten. Er betrifft Kinder und Erwachsene. Auch über solche Fragen muss ich nachdenken. Wie bekomme ich die alte und die junge Generation stofflich zusammen. Lässt sich dabei etwas Interessantes, gesellschaftlich Relevantes oder Amüsantes erarbeiten. Damit ergibt sich dann die Möglichkeit eines Erfolges im wirtschaftlichen Sinn. Wenn ich das alles nicht machen will, sondern nur sage, ich bin überzeugt von einer humanen Geschichte, wie sie sich zwischen Kindern entwickelt und abspielt, ist dieses nur noch unter dem Gesichtspunkt der internationalen Verwertbarkeit machbar. Man muss dann möglichst im Vorfeld nach internationalen Partnern Ausschau halten. Damit lässt sich die Finanzierung so sichern, dass das Risiko des produzierenden Unternehmens möglichst gering ist. Auf der anderen Seite brauche ich auch auf anderen Absatzmärkten große Amortisationsspielräume. Dazu gehört nun wieder Video. Damit schließt sich der Kreis. Wenn wir an den Endverbraucher nicht mehr anders herankommen, müssen wir in den Privatmarkt hinein. Als Produzenten müssen wir der Videoauswertung einen anderen Stellenwert einräumen."

Das Kuratorium Junger Deutscher Film möchte sich verstärkt um den Kinderfilm kümmern. Was halten Sie von dieser Initiative?
"Ich halte das für sehr wichtig. Wir haben im Prinzip in Deutschland keine Kinderfilmlobby, das muss man ganz deutlich sagen. Hier könnte sich etwas herauskristallisieren, wo die unterschiedlichen positiven Bestrebungen gebündelt werden. Über die Bündelung kann eine andere Kraft gesellschaftlicher Art entstehen, der Kinderfilm bekäme eine Art politischer Heimat. Das wäre toll. Neben der Unterstützung durch das BMI müsste man darüber nachdenken, ob man das Familienministerium nicht auch einbindet. Wenn dann noch das Finanzministerium gewonnen werden kann, und das sorgt bei den Abspielstätten für die Präferenzen und Erleichterungen, die der Kinderfilm braucht, könnte man für den Kinderfilm ein ansehnliches Förderpaket schaffen. Hier könnte noch der Gedanke einer Stiftung eingebaut werden. Das wären Maßnahmen, wo man nicht nur das Gefühl hat, dass der Kinderfilm eine Randgruppierung der Gesellschaft darstellt, sondern hier bemühen sich ernsthafte, verantwortungsbewusste Leute um eine Filmgattung, die nicht aussterben darf."

Interview: Klaus-Dieter Felsmann

 

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