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Ausgabe 74-2/1998

"Es ist der Magic Moment, der entscheidet ..."

Gespräch mit Nessie Nesslauer, Jugend-Casting

(Interview zum Film PÜNKTCHEN UND ANTON – 1998, zum Film NACH FÜNF IM URWALD und zum Film AUSFLUG IN DEN SCHNEE)

Nessie Nesslauer, 35, Kinder- und Jugend-Casting, die zurzeit dieses Gesprächs im März 1998 mit der Suche nach Pünktchen und Anton für das Kästner-Remake von Caroline Link beschäftigt war, gilt in der Branche als Kinder-Casting-Spezialistin. Sie besetzte u. a. folgende Filme: "Nach fünf im Urwald", "Himmel und Hölle", "Ausflug in den Schnee" (komplett); "Jenseits der Stille", "Die Apothekerin", "Widows" (Kinder).

KJK: Seit fünf Monaten suchen Sie Pünktchen und Anton. Ist es nicht entnervend, so lange – vergeblich – zu suchen?
Nessie Nesslauer: "Momentan ist es Stress, aber so ist es immer kurz vor Schluss, der Druck wird größer. Ende des Monats wird die Suche abgeschlossen sein."

Bavaria schaltete ebenfalls Suchanzeigen ...
"Sie suchen parallel, es ist auch eine PR-Aktion. Wir ziehen noch mal alle Schubladen, damit wir das Gefühl haben, alles unternommen zu haben, denn es gibt noch kein Pünktchen."

Wer sucht noch?
"In meinem Auftrage sind außerdem vier 'Headhunter' unterwegs, Theaterstudenten, Filmhochschüler, Schauspieler, das heißt Menschen, die etwas mit der Branche zu tun haben."

Ist die Suche auf München, dem geplanten Drehort, beschränkt?
"Nein. Wir waren auch in Köln, Berlin und Hamburg. Aber München wäre schon gut, allein wegen der unterschiedlichen Ferientermine."

Wie viele Kinder haben Sie gesichtet?
"800 bis 1000 Kinder sind in den letzten Monaten hier ein- und ausgegangen."

Wie kommen Sie an die Kinder heran?
"Anfangs hatten wir kleine Anzeigen geschaltet. Beim ersten Mal meldeten sich etwa 30, dann nur noch 10. Das kann man vergessen. Ich gehe an ganz bestimmte Schulen, Rudolf-Steiner-Schule, Sinai-Schule, Internationale Schule zum Beispiel. Wir sprechen mit der Schulleitung, die uns das genehmigt – oder nicht. Wir haben das Glück, auf die Pausenhöfe gehen zu können. Pausenhof ist deshalb ideal, weil man sieht, wie die Kinder sind, wer eine Führungsposition hat zum Beispiel. Zum Ende der Pause geben wir den von uns ausgesuchten Kindern eine Visitenkarte und ein Infoblatt, woraus hervorgeht, um welche Rolle in welchem Film es geht. Denn nach Namen und Adresse dürfen wir die Kinder nicht fragen."

Und was passiert dann?
"Entweder melden sich die Eltern oder die Kinder. Ich habe da eine interessante Beobachtung gemacht: Bei den Jungen melden sich meistens die Mütter, die Mädchen rufen selbst an. Zu den Castingterminen kommen zu 90 Prozent die Mütter mit."

Wie läuft das Casting ab?
"Die Mütter bleiben draußen. Der erste Termin ist zum Kennen lernen. An einem Tag kommen etwa 45 Kinder hierher. Pro Kind sind es maximal zehn Minuten Casting. Eigentlich geht es nur nach dem ersten Eindruck. Aufgrund meiner jahrelangen Erfahrung behaupte ich, schon nach drei Minuten zu wissen, wer vor mir sitzt. Interessiert mich ein Kind, geht's in die zweite Runde. Es nimmt einen Text mit, der das nächste Mal inszeniert und auf Video aufgenommen wird."

Und wenn sich nun bis Ende des Monats kein Pünktchen findet?
"Ich bin sehr ehrgeizig. Wenn ich einen Auftrag angenommen habe, gehe ich durch die Wand. Ich werde eins finden. Ich müsste keine vier Headhunter anstellen, könnte auf Sparflamme arbeiten, denn im Endeffekt zählt nur das Ergebnis. Aber umsonst ist man nicht da, wo man ist. Dass man einen guten Ruf hat, einen Stand in der Branche, ohne Werbung, hat ja mit dieser Arbeitsweise zu tun."

Woher wissen Sie letztendlich, wer richtig ist?
"Bei allen Begegnungen, Gesprächen, Suchen – bei mir ist es der Magic Moment, den gibt es. Ein Kind kommt durch die Tür herein oder es steht auf dem Schulhof, und ich weiß Bescheid. Es war bisher immer so – wenn ich einen solchen Moment hatte, übernahm die Regie das Kind. Gloria Wörthmüller, das dicke Kind im Film 'Ausflug in den Schnee', kam die U-Bahn-Rolltreppe herunter, und ich wusste: Die isses! Und so war es."

Müssen die Kinder schauspielerische Erfahrungen mitbringen, wandlungsfähig sein?
"Man sucht den Menschen im wirklichen Leben, nicht den Darsteller. Ein Kind soll sich selbst spielen."

In der Suchanzeige heißt es, für die Rolle der Pünktchen wird ein "pfiffiges, selbstbewusstes und temperamentvolles" Mädchen gesucht. Woher können Sie wissen, ob ein Pünktchen zur Tür hereinkommt?
"Es gibt in dem Drehbuch von Caroline Link eine Schlüsselszene: Das Mädchen muss auf dem Marienplatz stehen und vor mindestens hundert Menschen singen, das Filmteam ist auch noch dabei. Das muss dieses Mädchen hinbekommen. Ein Kind, das im wirklichen Leben eher schüchtern ist, kann nicht Pünktchen sein."

Und die andere Besetzung?
"Juliane Köhler wird die Mutter von Pünktchen spielen, Meret Becker die von Anton. Momentan haben wir einen 'Joker' für Anton, einen bezaubernden Jungen, nicht zweite Wahl, sondern erste."

Folgen die Regisseure Ihrer Auswahl?
"Ich glaube, dass Castingmenschen den Regisseuren ein Stücken voraus sind, weil sie das ganze Jahr nichts anderes machen, als sich mit den Menschen zu beschäftigen. Manchmal möchte der Regisseur doch noch etwas probieren, was wir abgelehnt haben, um dann die Erfahrung zu machen, dass wir mit unserer Einschätzung richtig lagen."

Wie lange machen Sie das schon?
"Seit zehn Jahren arbeite ich beim Film, seit zwei Jahren selbstständig im Casting. Über meinen Freund Thomas Wöbke, der schon vor zehn Jahren Produzent werden wollte, bin ich dahin gekommen. Mich interessierten als erstes Dokumentationen über Menschen. Für den BR drehte ich kleine Porträts über Menschen im Alltag, arbeitete für 'Dingsda', fuhr mehrgleisig, machte beim Film alles, was sich mir bot, Aufnahme, Kamera, Catering, Casting. Mit den unterschiedlichen Aufgaben bin ich gewachsen in meiner ganzen Art und Sichtweise. Ich war auch Regieassistentin und ärgerte mich dabei oft über Besetzungen, dachte: Da hätte ich doch jemand anderen genommen. So kam ich zum Casting, im Endeffekt hat das auch mit Lebenserfahrung zu tun."

Sie sind Spezialistin für Kinder- und Jugend-Casting ...
"Ich mache alles, also auch Erwachsenen-Casting, denn wenn man das Kinder-Casting so betreibt wie ich, rentiert es sich nicht. Offen gesagt: Es ist absoluter Idealismus, aber davon kann ich mir kein Brot kaufen, das ist das Problem. Was es bedeutet, ein Mädchen wie Pünktchen zu suchen, weiß man nur, wenn man hier sitzt."

Wie wird Casting bezahlt?
"Es gibt einen Etat, der vorher ausgehandelt wird. Bei Spielfilmen mit einem Volumen von sieben bis neun Millionen Mark ist der Etat nicht schlecht."

Sie entdecken junge Menschen für den Film. Haben Sie nicht auch Lust, eine Kinderschauspieler-Agentur zu gründen?
"Ich möchte das nicht mischen, denn man muss aufpassen, dass sich die Katze nicht in den Schwanz beißt. Entweder Besetzung oder Agentur. Ich habe mich für Casting entschieden, wage mich an das Neue, Frische, bin Königsmacher. Das heißt, ich entdecke, danach kommen Agenten und nehmen meine Entdeckungen unter Vertrag, die verdienen dann das Geld ..."

Kinder in der Werbung, Kinder in Fernsehserien, ein großes Feld für Kinder- und Jugend-Casting – auch eins für Nessie Nesslauer?
"Nein, ich besetze keine Werbung, keine dummen Serien. Wenn ich das Gefühl habe, da werden Kinder verarscht, lehne ich das ab, bin ansonsten nur im Upper-class-Bereich tätig."

Zurück zum Magic Moment, zum richtigen Einschätzen. Kinder können sich verstellen, schüchtern sein und großspurig tun und umgekehrt ...
"Ich verstehe die besondere Situation, möglicherweise auch Ängste. Wenn mir ein Kind unsicher gegenübersitzt, versuche ich den Schlüssel zu seinem Herzen zu finden. Ich weiß auch aus Erfahrung, dass Kinder auftauen, das kann ich einkalkulieren. Wenn das nicht gelingt, kann ich das nicht ändern. Wenn Eltern dann sagen, eigentlich ist mein Kind ganz anders, kann das stimmen, aber ich habe nur diesen Moment des Kennen Lernens und der zählt."

Wie behandeln Sie Kinder, wenn sie Ihnen gegenüber sitzen?
"Kind ist Kind, das heißt: Ein Mensch, nur ein paar Zentimeter kleiner als ein Erwachsener. Und so werden sie auch behandelt, nicht das Kind-Getue. Wir reden ganz real mit den Kindern: Wie geht es in der Schule, was willst du mal werden, was ist dein Lieblingsfach usw. Sie fühlen sich ernst genommen. Das ist auch der Grund, warum Kinder gern herkommen."

Und die Eltern, spielen die auch eine Rolle bei der Entscheidungsfindung?
"Ja, ich schaue mir die Mütter an, die ihre Kinder begleiten. Es gibt sie noch – die typische Eislaufmutter, aber das ist nur noch etwa jede dritte. Die anderen Kinder wissen selbst, was sie wollen. Deren Müttern ist es manchmal fast peinlich, in Verdacht zu geraten, ihr Kind zum Film zu schicken. Sie beteuern, dass es ausdrücklicher Wunsch ihrer Kinder ist, es beim Film zu versuchen."

Wenn die Kinder wissen, was sie wollen, könnte doch das Elternhaus egal sein.
"Nein. Ein gutes Elternhaus ist wichtig, ich meine ein Netzwerk, das die Kinder zurück auf den Boden holt. Stabile Eltern, die ihr Kind 'erden', sollte es wirklich ein wenig abheben. Ich weiß, was auf die Kinder zukommt, Dinge, die es im wirklichen Leben ja nicht gibt. Hinzu kommt das plötzliche Wissen der kleinen Hauptdarsteller um die eigene Macht. Beim Drehen hängt alles von ihnen ab und sie probieren es aus. 'Ich will ein Yoghurt, jetzt sofort, nein, das nicht, ein anderes.' Und der Assistent rast los, um das Richtige zu bringen, damit das Kind weiterarbeitet."

Kleine Starallüren, die nicht auszuklammern sind?
"Aus meiner Erfahrung kann ich sagen: Je 'gesünder' es zu Hause ist, desto besser ist es für das Kind."

Interview: Gudrun Lukasz-Aden

 

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