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Ausgabe 75-3/1998

DER DIEB

VOR

Produktion: NTV-Profit / Productions Le Pont / Roissy Films; Russland / Frankreich 1997 – Regie und Buch: Pavel Tschuchrai – Kamera: Vladimir Klimov – Schnitt: Marina Dobryanskaya, Natalia Kucherenko – Musik: Vladimir Dashkevich – Darsteller: Vladimir Mashkov (Tolya), Ekaterina Rednikova (Katya), Misha Philiptschuk (Sanya) u. a. – Länge: 110 Min. – Farbe – Verleih: Arthaus (35mm) – Altersempfehlung: ab 14 J.

Russland kurz nach dem Krieg im Jahre 1946: Am Rand einer staubigen Landstraße kommt Sanya zur Welt, als Katya, seine Mutter, auf dem Weg zu Verwandten ist. Seinen Vater wird Sanya nie zu Gesicht bekommen; er kehrte verwundet aus dem Krieg zurück und starb sechs Monate vor der Geburt seines Sohnes. Sanya wird die ganze Kindheit hindurch über seinen Vater nachdenken und versuchen, sich ein Bild von ihm zu machen.

1952, Sanya ist sechs Jahre alt, sind Mutter und Sohn im Zug unterwegs. Ein junger, ansehnlicher Offizier steigt zu, und rasch kommt es zu einer Annäherung zwischen der jungen Witwe und dem forsch auftretenden Soldaten. Sanya ist beeindruckt von der selbstsicheren Art des "Onkel Tolya", bewundert sein Muskelspiel, seine Tätowierung und seine Art, sich bei anderen Respekt zu verschaffen. "Wenn du sie erschreckst, respektieren die Leute dich und hören dir zu", belehrt er den Jungen. Allerdings ist Sanya nicht bereit, ihn "Vater" zu nennen, wie Tolya es sich wiederholt wünscht. Zu tief ist noch das Bild seines richtigen Vaters in seinen Gedanken und Träumen verwurzelt. Den Mitbewohnern gegenüber erweist sich Tolya als großzügig und liebenswürdig, doch bald stellt sich heraus, dass die Großzügigkeit nur vorgetäuscht und die Uniform nur eine Tarnung ist. Tolya nutzt die Vertrauensseligkeit der Leute aus und raubt während deren Abwesenheit die Gemeinschaftswohnung aus. Katya ist entsetzt und tief unglücklich, hat jedoch noch nicht die Kraft, sich von Tolya zu trennen. So folgen sie ihm in eine andere Stadt, wo sich alles wiederholt.

Katya will dieses Leben nicht mehr mitmachen. Sie fürchtet um ihren Sohn, der von den widersprüchlichen Gefühlen in seinem Innern längst überfordert ist. Beim Abschied auf dem Bahnhof kommt es zur Verhaftung von Tolya. Er wird für sieben Jahre nach Sibirien verbannt. Beim Abtransport der Gefangenen kommt es vor dem Gefängnis zu erschütternden Szenen: Katya und Sanya müssen zusehen, wie Tolya mit gesenktem Kopf durch ein Spalier von wütend keifenden Wachhunden getrieben wird. Dies ist auch filmisch eine der eindrucksvollsten Szenen. Angesichts dieser Demütigung und Hilflosigkeit – und nicht wegen der Autorität und Stärke – findet Sanya endlich die Worte: "Vater, Vater, lass uns nicht allein." Dieser Moment löscht das Bild seines richtigen Vaters für immer aus. Nach dem frühen Tod der Mutter hat der Junge niemanden auf der Welt außer Tolya. Er lebt jahrelang mit dem Traum, dass er ihn zu sich nehmen würde. Als er Tolya nach Jahren jedoch wieder findet, ist die Enttäuschung grenzenlos, denn der will von Sanya und seiner Mutter nichts mehr wissen. Für den Jugendlichen bricht die Welt zusammen, er ist nun ganz allein: "Ich fühlte nichts. Ich hatte nur das Gefühl, dass er mich und meine Mutter betrogen hatte und dass ich ihn töten musste. Ich wollte nicht mehr so sein wie er. So entschloss ich mich, ein neues Leben zu beginnen und nicht mehr an ihn zu denken. Er existierte nicht. Er hat niemals existiert, nicht einmal in meinen Träumen."

Der Film des talentierten Regisseurs Pavel Tschuchrai (Jahrgang 1946), dramatisch wie einfühlsam und solide gestaltet, war in diesem Jahr in der Kategorie "Bester ausländischer Film" sowohl für den Golden Globe als auch für den Oscar nominiert. Hervorzuheben ist vor allem der kleine Misha Philiptschuk als Sanya, auf dessen Gesicht mit den großen runden Augen das Wechselspiel der Gefühle zwischen Anziehung und Angst eindrucksvoll sicht- und nachvollziehbar wird.

Maria Ratschewa

 

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