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Ausgabe 75-3/1998

MULAN

Produktion: Walt Disney Pictures; USA 1998 – Regie: Barry Cook, Tony Bancroft – Buch: Rita Hsiao, Christopher Sanders, Philip Lazebnik, Raymond Singer, Eugenia Bostwick-Singer, auf der Grundlage einer Geschichte von Robert D. San Souci – Production Design: Hans Bacher – Art Director: Ric Sluiter – Schnitt: Michael Kelly – Musik: Jerry Goldsmith – Songs: Matthew Wilder – Lyrics: David Zippel – Länge: 88 Min. – Farbe – Verleih: Buena Vista (35mm) – Altersempfehlung: ab 6 J.

Eine Geschichte aus dem alten China: Mulan, ein aufgewecktes Mädchen, gibt sich redliche Mühe, ihren Eltern eine perfekte Tochter zu sein. Allerdings hat sie mit der traditionellen Rolle der unterwürfigen Frau erhebliche Schwierigkeiten. Kein Wunder, dass sie das Gefühl nicht loswird, ihre Eltern immer wieder zu enttäuschen. So auch, als sie auf Drängen der Mutter eine erfahrene Heiratsvermittlerin aufsucht, wo sie sich jedoch so ungeschickt anstellt, dass sie alles verpatzt. Als die Hunnen ins chinesische Reich einfallen, befiehlt der Kaiser, dass jede Familie einen Mann für die Armee abstellen muss. Um ihren alten, gebrechlichen Vater vor dem schweren Kriegsdienst zu bewahren, den er wohl kaum überleben würde, beschließt Mulan, sich als Mann zu verkleiden und an seiner Stelle ins Heer einzutreten. Ein lebensgefährlicher Entschluss, da das Militär ein solches Vorgehen als Hochverrat ansieht, der mit dem Tode bestraft wird.

Vor ihrem Aufbruch ruft Mulan die Ahnen der Familie an und erbittet ihren Beistand. Ausgerechnet der vorwitzige Schutzdrache Mushu erschleicht sich mit einem Trick den Auftrag, das Mädchen auf der gefährlichen Mission zu begleiten. Mit seinen gut gemeinten, aber meist unbrauchbaren Ratschlägen, insbesondere über das Verhalten von Männern, bringt er Mulan mehr als einmal in peinliche Situationen. Mit dabei ist außerdem eine kleine, stumme Grille. Nach der harten Ausbildung im Militärlager des jungen Offiziers Shang besteht Mulan ihre erste ernsthafte Bewährungsprobe glänzend: Als ihre Einheit von einer riesigen Horde von Hunnen angegriffen wird, schaltet das Kriegermädchen die feindliche Übermacht mit dem letzten Schuss aus einer Kanone aus. Außerdem gelingt es ihr mit wagemutigem Einsatz, Shang vor dem Sturz in einen Abgrund zu bewahren. Aus Dankbarkeit für die Rettung seines Lebens verzichtet dieser kurz darauf, sie hinzurichten, nachdem entdeckt wurde, dass Mulan ein Mädchen ist. Mit den überlebenden Kämpfern nimmt sie am Triumphzug in die Kaiserstadt teil. Ihre Warnung vor nachrückenden Hunnen wird jedoch nicht beachtet. Bei der Gefangennahme des Kaisers durch die Bösewichter greift Mulan erneut ein. Zusammen mit Shang gelingt es, die Hunnen endgültig zu besiegen.

Endlich wieder ein Disney-Film, der so richtig Spaß macht! Das 36. abendfüllende Disney-Zeichentrickabenteuer knüpft unübersehbar an bewährte Erfolgsrezepte an. Konnten die letzten Animationsfilme des Studios wie "Pocahontas", "Der Glöckner von Notre Dame" und "Hercules" die erhofften älteren Besucherschichten nur zum Teil ins Kino locken, so spricht die Verfilmung einer chinesischen Sage, die auf ein Gedicht aus dem Jahr 420 vor Christus zurückgeht, wieder stärker die Kernzielgruppe der jüngeren Besucher samt Begleitung an. Mit "Mulan" hat Disney übrigens erstmals einen langen Zeichentrickfilm in einem asiatischen Land angesiedelt.

Die starke Titelfigur bietet vor allem Mädchen viele Identifikationsmöglichkeiten, zieht sie es doch vor, sich ihren Prinzen zu erobern statt sich erobern zu lassen. Ming-Na Wen, die der Heldin ihre Stimme in der Originalfassung leiht, sagt dazu: "Mulan leidet nicht am Cinderella-Syndrom. Sie ist nicht von einem Mann abhängig, der dafür sorgt, dass alles gut ausgeht." Mit dem altchinesischen Kriegermädchen distanziert sich Disney jedoch nicht nur von "Cinderella" (1950), sondern auch von "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1937) und "Dornröschen" (1957), alles Filme, in denen unselbständige Protagonistinnen von strahlenden Prinzen errettet wurden.

Im Vertrauen auf die spannende Story hat sich das Studio dieses Mal bezeichnenderweise bei der Häufigkeit der wie immer zuckersüßen Lieder ebenso zurückgehalten wie bei den Nebenfiguren, die das Niedlich-Kindische derartiger Charaktere in früheren Disney-Filmen vermeiden. Für den nötigen Humor sorgen jedoch wie eh und je die lustigen Begleiter, vor allem der Schutzdrache Mushu. In der Originalfassung strapaziert Starkomiker und Schnellsprecher Eddie Murphy als Mushu ausgiebig die Bauchmuskeln des Publikums. Für die deutsche Synchronisation ist seine Leistung eine große Herausforderung!

Unter der Regie von Barry Cook und Tony Bancroft präsentiert sich der neue Disney-Streifen zeichnerisch in gewohnter handwerklicher Perfektion. Die sorgfältig gezeichneten Hintergründe wie etwa die Chinesische Mauer, bunte Lotusblütengärten oder die Verbotene Stadt zaubern viel Atmosphäre in das dramatische Heldenmärchen, indem sie sich an die traditionelle chinesische Wasserfarbentechnik anlehnen. Grandios ist vor allem die per Computeranimation erzeugte Szene, in der Tausende von Hunnen einen weiten Schneehang herunterstürmen, ehe sie von Mulan ausgetrickst werden. Alles in allem spricht einiges dafür, dass es Disney mit "Mulan" gelingt, den Trend der stetig zurückgehenden Besucherzahlen wieder umzudrehen und an den Erfolg von "Aladdin" heranzukommen.

Reinhard Kleber

 

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