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Ausgabe 75-3/1998

ROLLING

Produktion: Catpics Coproductions / Show & Tell Films / Télèvision Suisse Romande; Schweiz 1997 – Regie und Drehbuch: Peter Entell – Kamera: Camille Cottagnoud – Schnitt: Monika Goux, Eric Vander Borght – Musik: Pierre Audétat – Länge: 93 Min. – Farbe – Vertrieb: Peter Entell, CH-1262 Eysins Vaud, Tel. 0041-22-3619790, Fax 0041-22-3629663 – Altersempfehlung: ab 14 J.

Der Schweizer Dokumentarfilm "Rolling" beobachtet eine Gruppe von passionierten jungen In-Line-Skatern, die sich bevorzugt auf Lausannes Straßen und Treppen austoben. Im Mittelpunkt steht Ivano Gagliardo, Sohn italienischer Einwanderer und seit anderthalb Jahren arbeitslos. Mit einer sehr agilen Kamera begleitet Regisseur Peter Entell Ivano, der die Skatergruppe anführt, bei halsbrecherischen Fahrten auf den steilen Straßen der Stadt, aber auch ins familiäre Umfeld. Entell ist auch dabei, als Ivano und seine Freundin Emmanuelle auf je acht Rollen heiraten. Emmanuelle verliert jedoch bald darauf ihren Job als Stewardess, weil ihre Fluglinie aufgelöst wird.

Nachdem das Fernsehen Ivano zum Protagonisten eines Berichts über die Skaterszene in Lausanne erhoben hat, dreht Ivano mit einigen Skaterfreunden ein Amateurvideo, das er zur Eröffnung seines eigenen Ladens mit dem Namen "Asfalt Shop" zeigt. Obwohl junge Kunden in Scharen kommen und der inzwischen stadtbekannte Chef-Skater sogar Autogramme geben muss, tut er sich als "Geschäftsmann" schwer: Er hasst nicht nur die obligatorische Buchführung, sondern weigert sich auch, seinen Kumpels und dem unbedarften Nachwuchs überteuerte Ausrüstungen zu verkaufen. In der Zwischenzeit treibt Emmanuelle den Aufbau eines Skaterparks voran, den Arbeitslose im Rahmen einer Art AB-Maßnahme in einer aufgelassenen Fabrikhalle einrichten. Als in Lausanne, inzwischen als "Skater-Hauptstadt Europas" tituliert, ein großer internationaler Skater-Wettkampf stattfindet, ist Ivano jedoch bereits so ausgelaugt, dass er einem berühmten US-Sportler den Vortritt lassen muss. Immerhin helfen seine vorher so skeptischen Eltern bei der Organisation des Treffens. Und Ivanos Mutter lässt sich von ihrem Sohn beibringen, wie man sich auf Rollen vorwärts bewegt.

Kurz danach wird deutlich, dass die Ehe wohl doch etwas vorschnell geschlossen wurde: Während Ivano noch kein bürgerliches Leben führen will, macht sich Emmanuelle Sorgen um die materielle Zukunft. Nach der Trennung quartiert sich Ivano einstweilen bei einem Freund ein und skatet wieder verstärkt mit seinen Kumpels, während sein Vater auf das weitgehend verwaiste Geschäft aufpasst.

Der Held von "Rolling" ist zwar schon Mitte zwanzig, dient aber als perfekter In-Line-Skater einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen als Vorbild, ja Idol, dem sie zumindest zeitweise nacheifern. Als gleichsam "verspäteter Jugendlicher" bringt Ivano in Entells nachhaltigem Porträt wahrscheinlich schlüssiger als jüngere Mit-Skater das Lebensgefühl dieser Gruppe von Trendsportlern zum Ausdruck, die beim Rückwärtsfahren auf Treppenstufen und "Grinden", das heißt Fahren auf schmalen Geländern, hohe Risiken eingehen und sich bewusst vom organisierten Sportvereinswesen abgrenzen.

Neben ästhetischen Mitteln wie fetziger Musik, häufigem Handkameraeinsatz und rascher Schnittfolge verbindet vor allem das authentische Abbild der jungen Generation "Rolling" mit drei weiteren Filmen junger Regisseure aus dem deutschsprachigen Raum, die in jüngster Zeit vor allem auf Festivals Beachtung gefunden haben: der Schweizer Dokumentarfilm "Ghetto" von Thomas Imbach und die beiden Spielfilme "Tempo" des Österreichers Stefan Ruzowitzky sowie "Das erste Mal" der Deutschen Connie Walter.

Gedreht wurde die Produktion des Senders Television Suisse Romande auf Video, zum einen aus Kostengründen, zum anderen, um die Skater-Szene möglichst ausführlich beobachten und filmen zu können. Um aus den insgesamt 70 Stunden Bildmaterial einen 93-minütigen Film zu schneiden, benötigte der 1952 in New York geborene, seit 1975 am Genfersee wohnende Dokumentarist ein Jahr! Eine 35-mm-Blow Up-Fassung, die bereits in den Schweizer Kinos lief, wurde auf der internationalen Fernsehkonferenz INPUT 98 in Stuttgart gezeigt. Im Verlauf der dreijährigen Dreharbeiten entwickelte sich zwischen Regisseur und Protagonist ein Vertrauensverhältnis, das überhaupt erst ein solch atmosphärisch dichtes und authentisch wirkendes Porträt ermöglichte. Obwohl die Kamera etwa in den Familienszenen unübersehbar in die beobachtete Wirklichkeit eingreift und "Rolling" insofern über die Konventionen einer teilnehmenden Beobachtung hinausgeht, ist sich Entell seiner Grenzen bewusst, wenn er freimütig einräumt: "Ivano ist mir immer wieder entschlüpft." Nicht umsonst sagt Ivano einmal im Film, dass Skaten für ihn eine Art Flucht darstellt. Folgerichtig bleibt auch das private und berufliche Schicksal des "Skater-Rebellen" am Ende offen. Allzu lange aber dürften die reichlich strapazierten Kniebänder ein extremes Skaten nicht mehr erlauben.

Reinhard Kleber

 

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