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Ausgabe 75-3/1998

"Mit Kindern drehen ist eine richtige Freude"

Gespräch mit Jacques Doillon, Regisseur des Films "Ponette"

(Interview zum Film PONETTE)

In schwarz gekleidet, mit gebrochener Stimme, zwischen zwei Zügen einen Reisesack auf der Schulter – Jacques Doillon scheint müde zu sein von der intensiven Promotion, die die Premiere seines Films "Ponette" begleitet. Aber sobald man das Filmschaffen anspricht, die Kinder im Allgemeinen, seine eigenen Kinder, blitzen seine Augen auf und sein Gesicht erhellt sich. Tatsächlich filmt Jacques Doillon seit zwanzig Jahren Kinder, gepeinigte Halbwüchsige, zerrüttete Paare. Mit "Ponette" hat Doillon einen weiteren Schritt gewagt: Als Hauptdarstellerin (Victoire Thivisol) hat er eine "Schauspielerin" von vier Jahren gewählt. Seine Kamera hat er 80 cm über dem Boden aufgestellt, auf Kinderhöhe, und hat eine Gruppe Kleiner, im mittleren Kindergartenalter, im Labyrinth ihrer Gedankenwelt verfolgt, die sich um eine ernste Frage dreht, diejenige des Todes.

KJK: Ponette hat ihre Mutter bei einem Autounfall verloren. Mit der Energie ihrer vier Jahre weigert sie sich zu glauben, dass ihre Mutter sie für immer verlassen hat ... Was hat Sie veranlasst, eine derart schreckliche Geschichte zu erzählen?
Jacques Doillon: "Es handelt sich eigentlich um eine sehr einfache Geschichte. Darüber, was uns alle erwartet – der Tod. Und diejenige eines Kindes, genügend klein, um den Tod als eine Abwesenheit zu betrachten, eine rückgängig machbare Abwesenheit. Ab fünf oder sechs Jahren verstehen die Kinder, dass das Leben ein Ende hat. Sie glauben an ein Leben nach dem Tod, oder eben nicht. Ein Kind von zwei oder drei Jahren weiß nichts von alledem. Seine Mutter verschwindet, es ruft sie. Sie kommt zurück, die Tränen hören auf zu fließen ... Sie geht wieder, es ruft von neuem ... Ich wollte ein Kind finden, welches sich im Grenzalter zwischen beiden Zeiträumen befindet, welches sich nicht mit dem Tod und den konfusen Erklärungen der Erwachsenen begnügen kann. Ein Kind von sieben, acht Jahren, welches den Tod abstreiten würde, könnte dem Wahnsinn verfallen sein, während es bei einem drei- bis vierjährigen ein sehr gesunder Reflex sein kann, eine Abwesenheit zu verweigern ... Ponette stellt sich die Frage: 'Wird Gott meine Mama zurückbringen?' Sie hat noch ihre 'Säuglings'-Seite, diejenige des Kleinkindes, die zum Tod 'nein' sagen kann."

Zum ersten Mal haben Sie sich mit der Welt der Kleinkinder befasst ...
"Ja, das stimmt. Außer den Spezialisten, deren Beruf darin besteht, finde ich, dass man sich nicht viel dieser Altersgruppe zuwendet. Ich weiß nichts über meine frühen Jahre. Es ist eine Dunkelzone. Allein meine Mutter kann mir Fotos zeigen und mir sagen: 'Hier bist du, erkennst du dich?' Wenn es diese Beweisstücke nicht gäbe, könnte ich nicht behaupten: 'Ich existierte mit zwei, drei Jahren.' Weil der Erwachsene nur wenige Erinnerungen an seine eigene Kleinkindheit hat, fällt es ihm manchmal schwer, sich mit einem Kleinen zu verständigen. Gewisse Eltern sind allerdings bewundernswert. Ich stelle nicht prinzipiell alle Erwachsenen den Kleinkindern entgegen, aber es scheint mir, dass man häufig Erwachsenen begegnet, die gewissermaßen den Reichtum dieses Alters negieren."

Im Grunde haben Sie ein tabuisiertes Thema aufgegriffen. Der Tod und das Kind ...
"Erinnern Sie sich: 'Verbotene Spiele' mit Brigitte Fossey war ein toller Film. Bereits in der ersten Szene verliert sie ihre Eltern. Dann hört sie nicht auf, Tiere zu beerdigen. Symbolisch vollzieht sie die Trauer um ihre Eltern. Das Publikum ist erleichtert in einem solchen Film! Wenn man aber im Gegenteil ein Kind sieht, das verweigert zu glauben, dass seine Mutter tot ist, dann scheint mir das ebenfalls zutreffend. Im Leben mag ich Menschen die 'Nein' sagen können. Nur ein Kind konnte die allerunerhörteste und allerernste Sache der Welt so eindeutig verweigern."

Wie gehen Sie mit den großen Fragen des Lebens mit ihren eigenen Kindern um?
"Ich habe drei Töchter (21 Jahre, 14 Jahre und bald ein Jahr). Um mit ihnen über den Tod zu sprechen und über alle übrigen Themen, denke ich von Kind zu Kind, und ich komme mir weniger schlecht vor. Ich bin ihnen gegenüber gewiss jetzt aufmerksamer. Es gab Abschnitte in meinem Leben, in denen ich wie ein Verrückter drehte. Manchmal sah ich sie kaum während drei Monaten. Heute richte ich es so ein, dass meine Kinder so nah als möglich bei den Dreharbeiten sind. Ich versuche sie nicht von meinem Beruf fernzuhalten. Lou, meine vierzehnjährige Tochter, kommt häufig zu mir, wenn ich am Arbeiten bin."

Während der Dreharbeiten hatten Sie eine Kindertherapeutin an Ihrer Seite. Welches waren deren Aufgaben?
"Marie-Helène Encrevé, Kinderpsychoanalytikerin, war während der gesamten Dreharbeiten dabei, um im Falle einer Gefahr für Victoire oder eines der anderen am Film beteiligten Kinder 'Achtung!' zu sagen. Es schien mir notwendig, dass eine außen stehende Person da war, um psychologische Ausrutscher zu vermeiden. Wir haben den Stand der Dinge regelmäßig überprüft, doch sowohl sie wie ich haben kein einziges Mal die Kinder verwirrt gespürt. Falls Victoire klar und deutlich erklärt hätte: 'Es macht mir keinen Spaß mehr, ich will nach Hause', wäre der Film abgebrochen worden. Die Mutter und der Vater von Victoire waren auch dabei. Am Anfang der Dreharbeiten machte Victoire einen Mittagsschlaf. Das ganze Drehteam legte dann eine Pause ein. Die Kinder wollten gleichberechtigt behandelt werden: Ich hatte die Findigkeit – und die Dummheit – jeden Abend Versammlungen einzuberufen mit den Erwachsenen, um den Tagesablauf zu kommentieren. Sehr schnell hat sich ein Kind bei mir beschwert: 'Wieso haben die Großen Sitzungen und nicht wir Kleinen?' Ich habe geantwortet: 'Entschuldigung, es ist mein Fehler. Jeden Morgen, von jetzt an, wird es die Versammlung der Kleinen geben.' Sie erzählten mir andere Dinge als über den Film: 'Na, die Clowns, wann kommen sie? Wie viele sind sie?' Die Kinder waren vor allem sehr stolz auf ihre Versammlung. Wir sind alle ein wenig schwermütig, wenn wir an die Dreharbeiten denken: Ja, es war eine tolle Erfahrung ebenso für uns, die Großen, wie für die Kleinen."

Ponette spricht viel mit Yoyotte, ihrer Puppe. Hatten Sie als Kind wie sie ein Kuscheltier, von dem Sie untrennbar waren?
"Natürlich. Ich hatte einen Teddybär, mit dem ich bis zehn Jahre schlief. Ich habe ihn übrigens immer noch: Er sieht sehr mitgenommen aus, in einem Mitleid erregenden Zustand. Victoire ist zum Drehort mit ihrer 'Yoyotte' gekommen und hat mit ihrer eigenen Puppe gespielt."

Letzten Endes, in Ihrem Beruf und Ihrem Leben, stimmen Sie einen Lobgesang auf die Kindheit an ...
"Es hat mir über alle Maßen gefallen, mit Victoire in 'Ponette' zu drehen, ebenso wie mit Jugendlichen in 'Le petit criminel' ('Der kleine Gangster') und in 'La drôlesse' ('Ein kleines Luder'). Mit gewissen erwachsenen Schauspielern habe ich leiden müssen, aber mit Kindern zu drehen, war immer eine richtige Freude. Als Vater mache ich Ihnen ein Geständnis, was naiv oder dumm klingen mag: Ich war glücklich mit 30 Jahren Vater zu werden, ich wollte unbedingt ein Kind mit 35. Und wenn ich denke, dass es vielleicht nicht vernünftig ist, ein Kind mit 50 Jahren zu bekommen, so sage ich, dass ich hocherfreut bin, nicht vernünftig gewesen zu sein! Heute bereue ich es, nicht mehr Kinder zu haben. Meinerseits würde ich mein Leben zwischen den Frauen und den Kindern verbringen – und wesentlich weniger Zeit mit irgendwelchen Typen."

Das Gespräch wurde im November 1996 für das französische Monatsmagazin "Familie" von Emmanuelle Skyvington geführt. Sie gehört heute der Redaktion des Jugendmagazins "L'Hebdo des Juniors" an und beteiligte sich 1998 als Jurymitglied am Festival "Ciné Junior 94" in Paris. Die Übersetzung aus dem Französischen besorgte Micha Schiwow.

 

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